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Full text of "Pythagoras und Heraklit"

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CONSTANTIUS FUND 

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booki, (thc anclent classlci) or of Arablc 

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H^^^IPi I 



Studien zur antiken Kultur. 



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& 



Pythagoras und Heraklit. 



Von 

Dr. Wolfgang Schultz. 




Akademischer Verlag 
lOOS. 

Leipzig und Wien. 



A 




Druck von J. Hans Prosl, Leoben. 



Vor^wort 



-•••- 



Uas vorliegende Heft soll eine Reihe von Studien zur 
Philosophie der Vorsokratiker eröffnen, in denen der Versuch ge- 
macht wird, dieses schon wiederholt und eingehend von Philo- 
sophen, Historikern und Philologen bearbeitete Thema auf Grund 
der letzten Fortschritte in der Kritik unserer Quellen vom rein 
philosophischen Standpunkte aus zu behandeln. 

In welchem Sinne das philosophische Interesse hierbei dem 
historischen gegenüber- aber gewiß nicht entgegengestellt wurde, 
wird sich aus der Darstellung selbst ergeben. Sie ist dadurch be- 
stimmt, daß sie gerne auch, entsprechend dem Titel dieser Sammlung, 
eine „Studie zur antiken Kultur" liefern möchte. Der Leser sei 
versichert, daß eingehende methodologische Erwägungen angestellt 
wurden, um diese Bestrebung auf Grund einheitlicher Prinzipien 
zu verwirklichen. Aber es scheint nicht angezeigt, mit ihnen eine 
Studie zur vorsokratischen Philosophie zu eröffnen: so sei denn 
die Besprechung methodologischer Fragen auf den Zeitpunkt ver- 
schoben, in welchem wirklich geleistete Arbeit die Theorie zu 
Konkretem in feste Beziehung setzt. 

Es mögen daher hier nur einige Angaben über die Ein- 
richtung des Buches ihren Platz finden. 

Durch die Arbeiten von Hermann Diels, der das doxo- 
graphische Materiale für die Geschichte der antiken Philosophie in 
seinen „Doxographi graeci, Berolini 1879" (im folgenden als DDox 
zitiert) grundlegend behandelte und nach einer Reihe von ein- 
schlägigen Sonderpublikationen „Die Fragmente der Vorsokratiker, 
Berlin 1903" (im folgenden als DFV zitiert) herausgab, sind 
endlich die Quellen für die vorsokratische Philosophie auch dem 

1* 



Philosophen, der nicht gleich Mut und Muße genug besitzt, um 
vorher Historiker und Philologe zu werden, zum ersten Male in 
verläßlicher Redaktion zugänglich geworden. 

Die Fragmente der Vorsokratiker von Diels wurden der vor- 
liegenden Arbeit in mehrfacher Hinsicht zugrunde gelegt. Diels 
hat die wörtlich erhaltenen Fragmente' ins Deutsche übersetzt. 
Eine Auswahl aus diesen Übersetzungen, die nur hin und wieder 
zu berichtigen waren, wurde der Darstellung des Heraklit voran- 
geschickt. Die Belege finden sich unter dem Text. Auch in die 
Darstellung selbst wurden vielfach die Fragmente im Anschlüsse 
an die Übersetzung von Diels eingeflochten. Hierdurch erzielte 
ich einen ununterbrochen fortlaufenden deutschen Text, dessen 
Beziehung zu den griechischen Originalen durch Stellenangabe 
unter dem Texte hergestellt wurde. Aber auch viele sekundäre 
Quellen in eigener Übersetzung wurden eingearbeitet und eben- 
falls durch Stellenangaben am Fuße der Seite zu den Fragmenten 
, der Vorsokratiker uad den Doxographi orientiert. Vielfach wurden 
auch Quellen herangezogen, welche in den genannten Werken 
von Diels nicht zu finden sind. Für das gesamte Materiale wurde 
an dem Prinzipe festgehalten, daß der Leser durch den wissen- 
schaftlichen Apparat von der Darstellung nicht abgelenkt werden 
soll, daß er ihn aber jederzeit bequem muß heranziehen können. 

Die Darstellung selbst suchte unter Berücksichtigung der 
künstlerischen Einheit in den Systemen jener Zeit das Materiale 
gleich so anzuordnen, daß der Wortlaut der Quellen selbst die 
vertretene Auffassung rechtfertigt und weitläufige Begründungen 
überflüssig macht. Nur dort, wo es unumgänglich nötig schien, 
wurde in Anmerkungen teils minder Sicheres, teils durch belang- 
reichen Einspruch Gefährdetes behandelt. 

Rein philosophische Erörterungen wurden nach Möglichkeit 
vermieden und nur ab und zu zur Verbindung der Bruchstücke,, 
also zur historischen Konstruktion, verwendet. Dagegen durfte und 
sollte nicht darauf verzichtet werden, die großen Probleme jener 
Zeiten zu den heute geläufigen in möglichst nahe Beziehung zu 
setzen. Diesem Zwecke dient es, wenn durch eine Periode der 
Philosophie hindurch, die von Kausalität, Kreation und Ähnlichem 



o 



noch keine klare Kenntnis haben konnte, dennoch immer die 
Wirksamkeit der solchen Begriffen zugrunde liegenden ewigen 
Probleme verfolgt wird. Die Verdeutlichung der heraklitischen 
Periodizität der Welten durch die demselben Gegenstande gewid- 
meten Spekulationen Kants ging aus der nämlichen Absicht hervor. 
Durch solche Vergleichungen wird die Beziehung des Philo- 
sophen zur Kultur veranschaulicht. Vieles damals Unklare über- 
blicken wir heute. Wir können manche Probleme „formulieren", 
von denen die Alten sich „treiben" lassen mußten. Solche Wand- 
lungen haben ein großes philosophisches Interesse. Die hiermit 
eröffneten „Studien zur Philosophie der Vorsokratiker" möchten 
die Basis schaffen, auf welcher eine insbesondere diese Wand- 
lungen beachtende Geschichte der vorsokratischen Philosophie auf- 
gebaut werden könnte. 

Wien, Ostern 1905. 

Der Verfasser. 



Pythagoras 



I. 

Pythagoras aus Samos, der Sohn des Mnesarchos, der Schüler 
des Pherekydes, war nach dem Zeugnisse des Empedokles ein 
Mann von übermenschlichem Wissen, der anerkanntermaßen den 
größten Geistesreichtum besaß und mannigfacher Künste mächtig 
war. Denn sobald er nur mit allen seinen Geisteskräften sich 5 
reckte, schaute er leicht auf zehn und zwanzig Menschengeschlechter 
ein jedes einzelne Ding in der ganzen Welt.^ 

Ein Schiff naht sich dem Ufer und Pythagoras erkennt, 
daß es einen Toten birgt. ^ Er trinkt aus einem Brunnen Wasser 
und sagt ein Erdbeben voraus.^ Eine überirdische Stimqie begrüßt 10^ 
ihn beim Durchschreiten des Flusses Kosa.^ An verschiedenen 
Orten zeigt er sich zu gleicher Zeit,^ er verschwindet auf unbe- 
greifliche Weise," verkehrt mit den Seelen Abgeschiedener^ und 
seinen Tod sagt er selbst voraus.^ Nie sah ihn jemand Nahrung 
zu sich nehmen.'* Giftiges Gewürm vernichtet er,^" wilde Tiere 15 
lassen sich von ihm streicheln. ^^ Durch ein Sühnopfer befreit er 
Lakedämon tür immer von Seuchen.^- Bei den olympischen Spielen 
zeigt er dem Volke seinen goldenen Schenkel. ^^ Niemand zweifelt, 
daß er mehr ist als die anderen Menschen. Er ist ein Rätsel. 
Man fragt: „Was ist Pythagoras ?"^^ 20 

Drei Arten vernünftiger Wesen gibt es: Die Gottheit, den 
Menschen, Wesen von der Art des Pythagoras. ^'^ Aithalides, der 

1 Empedokles fr 129 DFV p 221. — ^ Arist. fragm. ed. Rose p 1510 
b 2, 1511 a 20. — » Porphyr b. Eus. P. E. X 3, 6 DFV p 507, 28. — 
* Arist. fragm. ed. Rose p 1510 b 10, 38. — ^ ibid. p 1510 b 13, 33, — 
« ibid. p 1510 b 9. — ^ Joseph, c. Ap. I 163 DFV p 37 n 2. — » Arist. 
fragm. ed. Rose p 1511 a 29. — » ibid. p 1511 a 13 cf Athen. X 418 E 
DFV p 278, 21. — »® ibid. p 1510 b 7, 1511 a 22. — " ibid. p 1511 a 25 
cf Empedokles fr 130 DFV p 221. — " ibid. p 1511 a 14. — »^ ibid. p 
1510 b 25, 1511 a 8. — '* ibid. p 1511 a 6. - " ibid. p 1511 a 43. 



10 Stadien znr antiken Kultur. 

Sohü des Hermes, durfte sich von seinem Vater jede Gnade, nur 
nicht das Geschenk der Unsterblichkeit, erbitten.^ Er wünschte, 
seine Seele solle bald im Hades, bald auf der Erde weilen,^ 
sterben und wiedergeboren werden, und in jedem neuen Leben 
5 die Erinnerung an das frühere beibehalten. Dieser Wunsch er- 
füllte sich. So wurde Aithalides zu Euphorbos, der erzählte, wie 
er einst Aithalides gewesen sei, welche Gabe er von seinem 
Vater erhalten habe, wie seine Seele in Pflanzen und Tiere ge- 
wandert sei, was sie und was andere Seelen in der Unterwelt 

10 erlebt hätten. Euphorbos wurde von Menelaos getötet. Hermo- 
timos aber bewies, dass er einst Euphorbos war; denn er erkannte 
den inzwischen schon halb verfaulten Schild, den Menelaos vor- 
dem dem ApoUon geweiht hatte, im Tempel des Gottes wieder. 
Hermotimos starb und wurde zu Pyrrhon, einem Fischer auf 

15 Delos; aus Pyrrhon aber wurde Pythagoras.^ Und Pythagoras 
besaß wieder die Erinnerung an alle seine früheren Schicksale. 
Er erkannte in dem Wimmern eines geschlagenen Hündchens die 
Stimme eines Freundes von früher her^ und überzeugte den 
Myllias aus Kroton davon, daß dieser vordem Midas, der Sohn 
-20 des Gordias in Phrygien gewesen sei.'^ Pythagoras war also einer 
von den Dämonen,^ die nach einem uralten, urewigen Götterbe- 
schluß, der mit breiten Schwüren versiegelt ist, dreimal zehn- 
tausend' Jahre fernab von den Seligen schweifen und des Lebens 
mühevolle Pfade wechseln, um im Laufe der Zeit unter allen 

25 möglichen Gestalten sterblicher Geschöpfe geboren zu werden.^ 

Aus diesen übernatürlichen Eigenschaften erwies er zuerst 

die Wahrheit seiner Worte.'-* Nur einer, der schon gestorben 

ist, kann die Geheimnisse des Todes und der Zeugung durchblicken, 

nur einer, der schon im Hades war, kann wissen, nach welchen 

30 Gesetzen die Lebewesen mit einander verknüpft sind, nur einer, 
der mehr als Mensch ist, kann zwischen der menschlichen Seele 
und der Gottheit als Mittler eingreifen und Verläßliches über 
die richtige Art des Gebetes, der Gottesverehrung, der Lebens- 
führung sagen. Aber diese Dinge zu wissen, frommt nicht Jedem. 

» Diog. VIII 4 DFV p 28 n 8. — 2 cf Schol. Apoll. Rhod. I 645 DFV 
p 509, 30. — « Diog. Vm 4 DFV p 28 n. 8. — * Xenophanes fr 7 EFV p 
52. — * Arist. fragm. ed. Rose p 1510 b 35, 1511 a 29. — » cf ibid. fr. 
188. — ^ cf. Herod. H 123 DFV pag 26 n 1. — « Empedokles fr 115 DFV 
p 217. — ' Arist. fragm. ed. Rose p 1511 a 4. 



Studien zur antiken Knltnr. 11 

Die Kenntnis vom Göttlichen soll man nicht in der Hand tragen, ^ 
sondern im Herzen, und das Herz darf man nicht mehr in Qualen 
verzehren,* wenn man das Göttliche einmal erschaut hat. Sageu 
kann man von diesem tiefsten Wissen nur das, was aus ihm fllr 
das Leben sich ergibt, was frommt, was schadet, — oft auch das, 5 
wie alles Übrige, nur im Gleichnis, das jeder bloß nach seinen 
Fähigkeiten faßt. 

Aber der Unkundige soll geleitet werden. Er muß seine 
Seele ernüchtern von der Schlechtigkeit,*' sie reinigen von ihrem 
Schmutze. Dazu führen ihn äußere Lebensregeln. Er muß 10 
Sahnopfer bringen, sich baden, besprengen, rein halten von Leid 
und Befleckung.* Heilige Tiere, wie den die Stunden verkündenden, 
dem Mond geweihten, weißen Hahn,^ oder den der Hekate** ge- 
weihten sogenannten Rotbart,' dessen Genuß unfruchtbar macht, 
Eier, die ja die Gestalt des Weltalls haben, oder eierlegende 15 
Tiere, ^ sämtliche Fische, die irgendwelchen Göttern heilig sind 
und daher von den Menschen nicht berührt werden dürfen,^ endlich 
die geheimnisvollen Bohnen, die selbst den Hoden^", oder den Eiern, 
oder dem Weltall^ ^, gleichen und deren geschlossene Schote an 
den Phallos, deren aufgesprungene an die weibliche Scham^^ er- 20 
innert, sollen ebensowenig gegessen werden wie das Fleisch schwarzer 
Tiere^^ oder Nahrung, die unter den Tisch gefallen ist und sich 
so beschmutzt hat.^* 

Das Äußere wirkt auf das Innere zurück. Die Speisever- 
bote enthalten Hinweise auf das Wesen der Dinge, welches sich 25 
bei ihrer Befolgung der Seele erschließen muß. Es besteht eine 
große, sich in solchen Vorschriften schon teilweise offenbarende 
Beziehung zwischen den Dingen untereinander, die, nach ihrer 
bedeutsamen Ähnlichkeit erfaßt, zur symbolischen Beherrschung 
der Welt emporführt. In den Pflanzen (den Bohnen z. B.) ofien- 30 
baren sich die Formen der Welt, in den Tieren die Eigenschaften 
der Götter, der Mensch steht in der Mitte. 

» ibid. p. 1512 b 15. — « ibid. 1512 b 3, cf 1511 b 29, 37. — » Emped. 
fr. 144. DFV p 225. — * ibid. p. 1512 a 2. — » ibid. 1512 a 13. — » Athen. 
VII 326 A. — ^ Arist. fragm. ed. Rose p. 1512 a 3, 1511 b 34, 37. — « ibid. 
p. 1512 a 4. — » "ibid. p. 1512 a 15. — »^ GeUius IV 11, 10, cf Empedokles, 
fr. 141 DFV p. 224. — »1 Arist. fragm. ed. Rose p. 1512 a 9. — »^ ibid. p. 
1512 a 8, Hippolyt. Philos. 2, 15, DDox p. 557, 29. — ^» Arist. fragm. ed. 
Rose p. 1512 a 18. — " ibid. p. 1512 a 11. 



12 Stndien zur antiken Eultor. 



Nur wer Gleichnisse zu erfassen vermag, kann bis zu den 
letzten Geheimnissen vordringen. Denn das Meer ist eine Träne 
4er Zeit,^ das Siebengestim die Leyer der Musen,* der Schall 
des dröhnenden Erzes die Stimme eines gefangenen Dämons.'^ Und 
5 den Weiheguß soll man den Göttern über den Henkel der Schale 
weg spenden, denn der ist ihr Ohr und mit dem, was durch das 
Ohr eindringt, mit der Musik, ist die Gottheit zu verehren. "^ Eins 
ist nicht vom Andern gesondert und das Andere^ ändert sich 
immer. Teils geheime, teils offenbare Beziehungen verbinden 
10 Großes und Kleines, Fremdes und Verwandtes, in Allem erschließt 
sich dem tiefer schauenden Blick Verhältnis und Ordnung, Maß 
und Zahl. Die ganze Welt ist kein auf's Geratewohl hinge- 
schütteter Kehrichthaufen,'^ sondern ein einziges,^ großes, geord- 
netes® Ganzes, Makrokosmos und Mikrokosmos in wunderbarer 
15 Gesetzmäßigkeit sich in Göttern, Dämonen, Menschen, Tieren und 
Pflanzen gegenseitig spiegelnd. 
Es entsprechen einander: 

I. Fünf Arten der Wesen:'* 
Gott 
20 Dämon 

Mensch 
Tier 
Pflanze. 
II. Fünf Weltkörper :i" 
25 Sphäre 

Sonne, Mond 
Planeten 
Erde 

Gegenerde. 
30 III. Fünf Planeten :^i 

Kronos 
Zeus 
Ares 

» Arist. fragm. ed. Rose p: 1512 a 29. — 2 ibid. p. 1512 a 31. — 
3 ibid. p. 1512 a 32. — * ibid. p. 1512 b 14. — «^ ibid. pag. 1514 a 26. 

- « cf Heraklit fr. 124. DFV p. 83. - ' Aet. II 1,1 DDox 327 b 5. 

— 8 Aet. II 1. 1 DDox 327 a 8, DFV p. 115 n 44. — « cf Arist. fragm. 
ed. Rose p. 1511 a 43 u. S. 11. Z. 30 f. — *« cf S. 23 (Schema). — »» cf. 
S. 21, Z. 10 ff. 



Studien zur antiken Kulfur. IS 



Aphrodite 

Hermes. 
IV. Fünf Welträume:^ 

Sphäre 

Luftraum 5 

Meer 

Erde 

Feuer. 
Vi Fünf Zonen am Himmel:'^ 

Norden, immer sichtbar 10 

Sommer, wandelbar 

Tag- und Nachtgleiche 

Winter, wandelbar 

Süden, immer unsichtbar. 
VI. Fünf Stoffe :3 15 

Wasser 

Luft 

Äther 

Erde 

Feuer. 20 

VII. Fünf Gemütszustände:^ 

Weinen 

Zeugen 

Zürnen 

Streben 25 

Denken. 
VIII. Fünf geometrische Figuren:^ 

Ikosaeder 

Oktaeder 

Pentagondodekaeder 30 

Kubus 

Tetraeder. 
IX. Fünf ungerade Zahlen: 

Eins 

Drei 35. 

Fünf 



» Natürl. Reihenfolge im System. — ^ cf S. 21, Z. 15, u. S. 22, Z. 8. — 
» cf S. 27, Z. 1 ff. — * cf S. 27, Z. 14 ff. — ^ cf S. 19, Z. 37 f u. 27, Z. 5 ff. 



14 Stadien zur antiken Kultnr. 



Sieben 
Neun. 
X. Fünf gerade Zahlen : 
Zwei 
5 Vier 

Sechs 
Acht 
Zehn. 
1. 1. Arithmetik ist die erste unter allen Wissenschaften. In 
10 sie fällt die Betrachtung des Begriffes der Einheit, des 

Ursprunges^ aller Zahlen. Sie erschließt das wahre 
Wesen der Welt, welches sich in Zahlen symbolisch 
ausdrücken läßt. 

2. Geometrie schließt sich ihr als zweite Wissenschaft an. 
15 Sie beginnt mit der Betrachtung der Lage und des Ab- 

standes zweier Punkte. Die Lehre von den fünf regel- 
mäßigen Körpern setzt sie zur Arithmetik in unmittel- 
bare Beziehung. So erschließt sie als reine Geometrie 
ebenfalls des Wesen der Dinge. Aber die angewandte 
20 Geometrie fordert Feststellung von Maßzahlen und führt 

zu einer neuen Wissenschaft. 

3. Harmonik vereinigt Arithmetik (gekennzeichnet durch die 
Einheit) und Geometrie (gekennzeichnet durch die Zwei- 
heit) zur Dreiheit. Der wichtigste Teil der Harmonik 

25 ist die Musik. Hier kommt sie am unmittelbarsten und 

klarsten zum Ausdruck. Aber das ganze Weltall unterr 
liegt dieser Wissenschaft; überall stehen Zahlen und 
Maße mit einander in Beziehung. Himmel und Erde 
sind eine einzige Hai^monie,*- die der hört, dem sich das 

30 Wesen der Dinge erschlossen hat. Die Harmonik 

umfaßt: 

1. Musik 

2. Astronomie 

3. Physik.3 

35 II. 1. Die Einheit ist der Ursprung aller Zahlen, die Gottheit,^ 

das Gute.'^ 

» Hippel. Philos. II 5 DDox 556, 6. — « ibid. H 2 DDox 555, 20. 
^ cf DFV p. 36 n 15. — * Hippol. Philos. II 2 DDox 555, 19. — ^ Aet. 
II 1,18 DDox 302 a 6 b 17. 



Studien zur antiken Kultur. 15 



2. Die Zweiheit, als Ganzes genommen und noch nicht in 
zwei Einheiten aufgelöst, ist der Dämon, das Böse.^ 

3. DieDreiheit, die Summe von Einheit und Zweiheit, ist der 
Mensch, die Harmonie, die Versöhnung von Gut und Böse. 

4. Die Vierheit, die zweimal genommene Zweiheit,- in der 5 
das Böse mit Bösem vergolten und so das Gute durch- 
gesetzt wird, enthält das Prinzip des ewigen Wandels, 
den Keim aller Tierformen,*^ in sich. Sie ist die Gerech- 
tigkeit und der Schwur bei ihr bindet.^ 

5. Diese vier Zahlen sind die Quelle aller übrigen,-^ denn 10 
ihre Summe ist gleich zehn und die Zehnheit, das Doppelte 

der Fünfheit, ist die Vollkommenheit. 

III. Aus einer Zahl (1), ihrer ersten Potenz (2), ihrem 
Quadrat (3), ihrem Kubus (4), dem Quadrat des Quadrates 

(5), dem Quadrat des Kubus (6), dem Kubus des Kubus 15 
(7) wird innerhalb der Dreiheit in den Potenzen die 
fruchtbare Siebenheit, ^' die Zahl der sich bewegenden Himmels- 
körper (Sonne, Mond und die fünf Planeten), der Saiten 
der von Hermes verfertigten Lyra, der Töchter des Atlas.' 

IV. Die Zehnheit ist die vollkommene Zahl. Jede höhere 20 
Zahl kann ohne sie nicht gebildet werden. Sie ist die 
Basis des Zahlensystems. Es gibt kein Volk, welches 
anders zählte."* Schon die Sprache legt die Zehnheit 
den Zahlworten zu Grunde. Die Bedeutung der Zehn- 
heit liegt also im Wesen der Dinge. 25 

V. 1. DieDreiheit enthält eine Forderung : die Versöhnung von 
Gut und Böse. Die Harmonik darf nicht bei der Er- 
kenntnis stehen bleiben, sie muß durch sie hindurch zur 
Tat führen. Der Mensch, der selbst zwischen Gottheit 
und Pflanze in der Mitte steht, dem selbst die Dreizahl 30 
entspricht, ist berufen, diese Versöhnung herbeizuführen, 
gegen das Böse zu kämpfen und dem Guten, nachdem 
er es erkannt hat, zum Siege zu verhelfen. So soll aus 
dem Prinzip der Dreizahl heraus die Vollkommenheit, 
der Sieg der Zehnzahl, erreicht werden. AlTHALIDES. 35 

» ibid. DDox 302 a 8 b 20. — « (Arist.) M. Mor. A. 1, 1182 a 11 
DFV p. 281,23. — 8 ^et. I 3,8 DDox 282 a 10 b 5. ~ * ibid. DDox 
282 a 7 b 1. — ^ DDox 171, 281 a 12 b 10, 556, 16. — « DDox 556, 24. 
— ^ Comm. in Arat. ed. Maaß p. 572 (24). — « Aet. I 3,8 DDox 281, 12, 
DFV p. 288, 37. 



16 Studien zur antiken Kultar. 



2. Aber der Mensch ist das Abbild der Welt. Auch in 
ihm sind Gut und Böse, Eins und Zwei, zur Dreiheit 
verbunden. Seine Seele ist das Gute in ihm und ent- 
spricht dem Göttlichen, sein Körper ist das Böse und 

5 entspricht dem Tierischen. Der Körper ist das Gefängnis, 

in das die wandernde Seele gebannt ist, er fesselt sie an 
das Leben und er ist ihr Grabmal: denn tot ist sie t\lv 
das Göttliche, so lange sie in ihm weilt. Er ist ein 
Wahrzeichen für ihre Verstrickung in den Wandel der 
10 Wiedergeburt. EÜPHORBOS. 

3. Wenn der Mensch sein Wesen nicht erfgißt, wenn er 
statt des Vollkommenen Mangelhaftes fördert, wenn er 
sich an der Weltordnung versündigt, dann kommt zum 
Bösen Böses, aus zweimal zwei wird vier, die Zahl der 

15 Gerechtigkeit, und zurückgeworfen in den Wandel der 

Wesen büßt seine Seele auf langen, mühevollen Pfaden 
ihre Verirrung. Denn der Luft (l) Macht jagt sie zum 
Meere (2), das Meer speit sie auf den Erdboden (3) aus, 
die Erde zu den Strahlen der leuchtenden Sonne (4) und 

20 diese wirft sie in den Wirbel der Luft (1). Einer nimmt 

sie vom andern auf und allenist sie verhaßt. ^ HERMOTIMOS. 

4. Aber der Weise wird mit Hilfe der seinem Wesen und 
der Natur der Dinge angemessenen Harmonik durch Er- 
kenntnis und rechte Gedanken zum Handeln und zu 

25 rechtem Tuen gelangen. In ihm allein kann sich der 

Makrokosmos wirklich in seiner ganzen Vollkommenheit 
widerspiegeln. Und nur hierin liegt für den Menschen 
die Göttlichkeit, für den Dämon die Befreiung von dem 
Fluch ewiger Wiederkehr, für die Seele die Vereinigung 

30 mit dem All, die Erlösung aus dem Kerker, die Auf- 

erstehung aus dem Grabe. PYRRHON. 

5. Die Weisen werden zuletzt zu Sehern, Sängern, Ärzten 
und Fürsten unter den irdischen Menschen und wachsen 
hieraus empor zu Göttern, an Ehren Reichsten, der andern 

35 Unsterblichen Herd- und Tischgenossen, menschlichen 

Jammers bar, ledig und unverwüstlich. ^ PYTHAGORAS. 



» Empedokles fr. 115, v 9 ff, DFV p. 217. — « Empedokles fr. 146, 
U7 DFV p. 225. 



Stadien zur antiken Ealtnr. 17 



II. 

Unter dem Druck der Gewaltherrschaft des Polykrates ver- 
ließ Pythagoras, als er vierzig Jahre alt war, seine Vaterstadt.^ 
Auf langen Reisen soll er sich seine mathematischen, astronomischen 
und magischen Kenntnisse angeeignet haben. ^ Den nachhaltigsten 
Einfluß nahm auf ihn Pherekydes von Syros. Schließlich kam 5 
Pythagoras nach Unteritalien und ließ sich in Kroton nieder. 

Bald erlangte er hier großes Ansehen. Er wirkte als Seher, 
Staatsmann, Weiser und Arzt.^ Seine Tochter war zuerst Chor- 
führerin der Jungfrauen, — als sie mit dem Athleten Milon ver- 
heiratet war, der Frauen von Kroton.* Sein Sohn wirkte mit ihm 10 
zusammen in der Schule.^ 

Als Telys von Sybaris fünfhundert der angesehensten Bürger 
vertrieb und Kroton die Flüchtigen aufnahm, bestimmte Pytha- 
goras seine Mitbürger, sie nicht auszuliefern, obgleich Telys mit 
überlegenen Kräften ins Feld zu ziehen drohte. So kam es zum 1 5 
Krieg, in dem 300.000 Sybariten 100.000 Krotoniaten gegenüber- 
standen. Doch siegten die Krotoniaten, weil sie von dem tapferen 
Milon, der sechsmal in den olympischen Spielen gesiegt hatte, 
geführt wurden. Milon zog in die Schlacht, bekränzt mit den 
olympischen Siegeskränzen, mit Löwenfell und Keule, wie Herakles. 20 
Die Sybariten wurden vernichtet, ihre Stadt entvölkert.^ 

Zwanzig Jahre^ wirkte Pythagoras in Kroton. Sein Ruhm 
wuchs immer mehr. Zahlreiche Städte schlössen sich ihm an.^ 
Seine Satzungen soll er von der pythischen Priesterin Themistokleia 
in Delphi erhalten haben.''* Jeder wollte sein Schüler sein und 25 
die Väter sahen ihre Söhne lieber bei ihm als in der Wirtschaft. 
Wenn ein Pythagoräer schwieg, galt das mehr, als wenn ein 
Anderer redete.^" Aber der Eintritt in die Schule war nicht 
leicht zu erlangen. Pythagoras schloß vom Äußern auf das Innere 
und prüfte nicht nur den Geist, sondern auch das Antlitz." Er 30 



' Porphyr. V. P. 9 DFV p. 28 Z. 9 der n 8. — 2 ApoUon. mir. 6 
DFV p. 27 n 7. — 3 Celsus I proem. p. 2, 11 Dar. DFV p. 462, ; 45. — 
* Porph. V. P. 4 u. Jambl. V. P. 170 DFV p. 29 n 13. — ^ Diog. L. VIII, 
53 DFV p. 156, 13. cf Suidas s. v. Empedokles DFV p. 161, 13. — « Diod. 
XII 9, 2 DFV p. 30 n 14. — ^ Justin 20, 4 (Timaios) DFV p. 30 n 13. 
— « DFV p. 29 n 12. — 9 Diog. L. VHI 8 DFV p. 27 n. 3. — »« Isokr. 
Bus. 29 DFV p. 27 n 4. — *> Hippol. Philos. II 5 DDox 556, 5. 

2 



18 Studien zur antiken Kultur. 



teilte seine Schüler in Lernende und Hörende,^ seine Lehren in 
esoterische und exoterische. Nur die Fähigsten führte er stufen- 
weise bis zu den letzten Kenntnissen empor. Es gab in der Schule 
kein geistiges Eigentum. ^ Wer ihr angehörte, war zur strengsten 
5 Geheimhaltung der esoterischen Lehren verpflichtet^ 

Dem Kylon, einem der reichsten und angesehensten, aber 
auch gewalttätigsten Bürger von Kroton, verweigerte Pythagoras 
die Aufnahme. Hieraus entstand eine verhängnisvolle Fehde. Kylon 
und sein Anhang kämpften mit allen Mitteln gegen die Pythago- 

10 räer, die sich durch ihre Tüchtigkeit und ihr Ansehen bei den 
Städten lange behaupteten. Aber endlich gelang es dem Kylon, 
sie bei einer Zusammenkunft im Hause des Milon zu überraschen 
und das ganze Gebäude in Brand zu stecken. In den Flammen 
fanden der Meister und die Mehrzahl der Schüler den Tod.^ 

15 Nur Archippos und Lysis retteten sich. Archippos ging 

nach Tarent, Lysis zuerst in die Peloponnes, dann nach Thessalien, 
wo er dem Epaminondas seine Weisheit hinterließ. Die wenigen 
Pythagoräer, die an jener Zusammenkunft nicht teilgenommen 
hatten, versammelten sich in Rhegion.^ Die politische Macht der 

20 Schule war zwar gebrochen, sie selbst aber dauerte fort bis ins 
zehnte Geschlecht.^ 

III. 

Lehre und Leben des Pythagoras sind durchwoben mit mytlii- 
schen Zügen, in denen wir teils bewußte und gewollte Symbolik 
des Meisters, teils fortbildende Wundersucht der Schule sich 

25 äußern sehen. All das erschwert die Auffindung des wissenschaft- 
lich wertvollen, philosophisch ernst zu nehmenden Kernes dieses 
Systems. Der Jonier Pythagoras baute in dorischem Stil, zwar 
einfach in den Zahlenverhältnissen und erhaben durch die Wucht 
der aneinander gefügten Massen, aber auch nicht ohne Freude 

30 an der äußeren Symmetrie und oft unbekümmert um die „wahren" 
Verhältnisse, weil ihm schon Verhältnisse als solche Wahrheit 
zu verbürgen scliienen. Die Gefahr der Mystik ist eben eine 
doppelte: nicht nur Vertiefung des Inhaltes, bis dunkle Gefühle 

» DFV p. 34 n 4. — * Jambl. V. P.. 198 DFV p. 296 n 6. — 
8 cf DFV p. 34 n 2. — * Jambl. V. P. 249 DFV p. 30 f n 16. -^ ^ jambl. 
V. P. 251 DFV p. 31 n 16. — ö Diog. L. VUl 45 DFV p. 29 n 10. 



Studien zur antiken Kultur. 19 



irre leiten, sondern auch Überschätzung der Form, bis die Analogie 
zum Spiel wird. 

Man kann sich nicht zurückhalten, anläßlich der Fünfer- 
gruppen des Pythagoras „einige artige Betrachtungen anzustellen". 
Der jeweilig dritte Begriff ist häufig die Wurzel zu einer neuen 5 
Fünfergruppe. Der Mensch (I, 3) zerfällt in fünf Stoffe (VI) und 
hat fünf Gemütszustände (VTI), die Gesamtheit der Planeten (II, 3) 
besteht aus fünf Einzelplaneten (III), die Fünfzahl (IX, 8) aus 
fünt Einheiten (IX), die Zehnzahl aus fünf Zweiheiten. Ferner 
stehen am Platz der Einheit und Fünfheit, am Anfang und am 10 
Ende jeder Gruppe, in gewissem Sinn Gegenshtze, in anderem 
wieder Identitäten, so Gott und Pflanze (I), Sphäre und Gegen- 
erde (II), Kronos und Hermes (III), Norden und Süden (Y), 
Wasser und Feuer (VI). Die für die Mystik so typische Neigung 
zur Analogie im Kontrast, zur Identität im Gegensatz, liegt im 15 
Keime schon vor. 

Aber wie sehr auch Spiel- und Symmetrietrieb überwuchern 
mögen: wir wissen doch, wie auch die kühnste Spekulation von 
unmittelbarer Beobachtung abhängt und aus konkreten Anlässen 
heraus zu ihren Abstraktionen kommt. Diese konkreten Anlässe, 20 
diese wirklichen Kenntnisse, machen den eigentlichen, philo- 
sophischen Wert des Pythagoräismus aus und sollen unter Zuhilfe- 
nahme der mangelhaften Überlieferung untersucht werden. 

Von der Mathematik des Pythagoras wissen wir fast noch 
weniger, als von der des Thaies. Einige Sätze sind in der späten 25 
Überlieferung zwischen beiden strittig, so der vom Winkel im 
Halbkreis.^ Aber die Kenntnis der fünf regulären Körper ist als 
Eigentum des Pythagoras verbürgt.^ Sie setzt einen hohen Stand 
der Geometrie voraus. Pythagoras scheint diese Wissenschaft ins- 
besondere dadurch gefördert zu haben, daß er, obgleich er, wie 30 
Thaies und die Jonier, von praktischen Fragen ausging und 
seinen Landsleuten fremde Maß- und Gewichts-Systeme ver- 
mittelte,^ die geometrische Betrachtung von diesen stofflichen 
Grundlagen zu befreien suchte und eine reine Geometrie der 
räumlichen Gebilde anbahnte.^ Ohne eine solche Problemstellung 35 
hätte er wohl kaum der Aufgabe, alle regulären Körper zu finden, 

1 Diog. L. I 25 DFV p. 4, 6. — ^ Jambl. V. P. 88 (de c. math. sc. 
25), DFV p. 34 n 4. — » DFV p. 29 n 12. — ^ Procl. in Euklid, p. 64, 
Friedl. (aus Eudems reoifiexQiy.^ latogCa fr. 84), DFV p. 280. 13. 

2* 



20 Stadien zur antiken Enltar. 



gerecht werden können. Diese Richtung stimmt auch mit seiner 
charakteristischen Stellung zur Zahlentheorie überein. Man hatte 
bisher die Zahlen praktisch ebenso unbedenklich verwendet, wie 
die Gewichte und Maße. Auf sie zu reflektieren und sie als Ge- 
5 bilde aufzulassen, denen selbständige Eigenschaften zukommen^ 
war noch niemandem eingefallen. So dürftig die beim ersten Ver- 
such gewonnenen Sätze über die Zahlen auch aussahen, so wenig 
kann bezweifelt werden, daß durch den Versuch allein schon die 
Grundlage und der Begriff der Zahlentheorie geschaffen v^raren. 

10 Mit der Betrachtung „reiner" geometrischer Gebilde und 

„reiner" Zahlenverhältnisse tat Pythagoras einen über die Ergeb- 
nisse der Jonier hinausführenden Schritt weiter auf dem Pfad der 
Trennung des „Scheines" vom „Sein". Er entdeckte in der Geo- 
metrie und Zahlentheorie zwei Wissenschaften, welche sich gar 

15 nicht mehr auf Gegenstände beziehen, denen es gleichgiltig ist^ 
ob es das, wovon sie reden, „gibt", Wissenschaften, welche die 
Richtigkeit ihrer Sätze aus Definitionen herleiten. Ein Würfel 
von 2 m Seitenlänge hat immer 8 m^ Volumen, ob er aus Wasser^ 
Eisen oder Diamant bestdit, und ob es so große Diamante gibt 

20 oder nicht. Selbst wenn solche Wissenschaften zu Begriffen kommen^ 
welche den ursprünglich zugrunde gelegten Anschauungen nicht 
mehr zugänglich sind, zu mehrdimensionalen Räumen und Mannig- 
faltigkeiten oder zu idealen Zahlenklassen, wird dies nicht als 
Widerspruch zu der Erfahrung, nicht als Schein im Gegensatz 

25 zu irgend einem Sein, sondern als Folgerung aus den Definitionen 
empfunden, die im Interesse der Einheit des Systems gezogen 
werden muß. Allerdings war der Pythagoräismus von solchen 
Ergebnissen seines eigenen Prinzipes weit weg, aber die Wucht, 
mit der er auf die Späteren einwirkte, erklärt sich nicht zuletzt 

30 aus diesem Anlauf zu ernster, echtester Wissenschaftüchkeit. 

Leider mußte es für Pythagoras und seine Schule großen- 
teils bei diesem Anlauf bleiben, weil in der Zahlenmystik als 
solcher ein dieser Richtung auf die exakte Wissenschaft fremdes, 
wenngleich unter Umständen, wie sich zeigen wird, sehr frucht- 

35 bares Element steckt, das aus dem Wesen des Symbols ver- 
standen werden muß. Das Symbol steht in Beziehung zu der 
Unterscheidung „Schein" und „Sein", es setzt die Existenz der 
Gegenstände, mit denen es sich beschäftigt, voraus, ja es will 
deren „wahres Wesen" erschließen. Damit sagt es, daß die Wahr- 



Stadien zur antiken Kultur. 21 



heit etwas Geheimes ist, das auf verborgenen Pfaden mit beson- 
deren Mitteln erreicht werden muß, es sagt, daß sich das Erleb- 
nis vom Wesen unterscheidet. Diese Annahme finden wir außer 
bei dem mystisch angehauchten Anaximander in der gleichnisfrohen 
aber symbolfreien jonischen Naturphilosophie nicht. So erklärt 5 
sich der große Unterschied in der Art, wie Pythagoras und wie 
die Jonier die mathematischen Kenntnisse zur Erforschung der 
wichtigsten Naturerscheinungen, der Phänomene des gestirnten 
Himmels, verwenden. 

Die Astronomie des Pythagoras müssen wir fast durchwegs 10 
-erschließen. Die Identifikation des Abend- und Morgensternes und 
die Schaflung des Namens Aphrodite für diesen Planeten wird 
ihm von Ibykos strittig gemacht,^ die Planeten selbst sollen schon 
den Ägyptern unter anderem Namen bekannt gewesen sein,^ die 
Einsicht in die Kugelform der Erde wird auch auf Parmenides 15 
zurückgeführt.^ Die Einteilung des Himmels in fünf Zonen* und 
die Auffindung der Schiefe der Ekliptik (des Tierkreises), die ihm 
Oinopides von Chios gestohlen haben soU,^ wird ihm zugleich mit 
den Joniern zugeschrieben,^' von denen er ohne Zweifel den Be- 
griff dei- Fixsternsphäre entlehnt hat. Ob er wirklich den Mond als 20 
nichtleuchtend erkannte,' bedarf eingehender Untersuchung. 

Bei der Kiitik dieser unzuverlässigen Mitteilungen unter- 
stützen uns zwei Erwägungen. Eretens können wir uns die all- 
gemein zu beobachtende Erscheinung der Zersetzung der ur- 
sprünglich vollkommeneren astronomischen Anschauungen innerhalb 25 
der griechischen Philosophie auch hier insofern zu nutze machen, 
als wir aus den bunten Ansichten der pythagorischen Schule 
über astronomische Fragen auf Größe und Einheitlichkeit des 
ursprünglichen Systems des Pythagoras schließen. Damit wäre aber 
noch wenig geholfen, wenn nicht zweitens die astronomischen 30 
Zahlen Verhältnisse, die Lehren von der Gegenerde, ^ vom Zentral- 



• Diog. L. IX. 23 DFV p. 109, 20, Comm. in Arat. ed. Maaß p 43, 25. 
— 2 Comm. in Arat. ed. Maaß, p. 43 (17). ~ ^ Theophr. physic. op. fr. 
17 (Ansicht des Favorinus, nicht des Theophrast), DDox 492, 8. — * Aet. 
II 12, 1 DDox 340 a 7 b 11, ibid. III 14. 1 DDox 378 a 21. — » Aet. 
II 12, 2 DFV p. 239, 33. — « Plin. N. H. II 31 DFV p. 15 n 5. - ^ Aet. 
II 25. 14, II 27. 5 DDox 357, 58, DFV p. 115 n 42. — « Arist. fragm. 
ed. Rose fr. 198, 199. p. 1515b 3,12, Arist. de coelo II 13. 293a 24. Arist. 
Metaph. I 5, 986 a 12 (Pythagorei).- 



22 Studien zur antiken Kultur. 



feuer^ und von der Milchstraße^ in typischer Weise auf Pythagoras 
selbst deuten und durch innere Übereinstimmung unsere an sich 
unzuverlässigen Quellen glaubwürdig machen würden. 

Die Fünfzahl der Planeten war für Pythagoras von so 
5 großer Wichtigkeit, daß wir die Zusammenziehung des Phosphoros 
und Hesperos in ein Gestirn bei ihm eher vermuten dürfen als 
bei dem Dichter Ibykos, der ja immerhin diese astronomische 
Errungenschaft zuerst lyriöch benutzt haben mag. Auch die Fünf- 
zahl der Himmelszonen mit ihrem Hinweis auf sichtbar und un- 

10 sichtbar und der Analogie mit dem sichtbaren Pol und dem un- 
sichtbaren Zentralfeuer fügt sich stilgerecht in die Gedanken des 
Pythagoras ein. Um aber zu entscheiden, ob er auch die Erde in 
fünf Zonen einteilen und sie wie die übrigen Himmelskörper für 
kugelförmig halten konnte, muß auf den zentralen Begriff seines 

15 Weltsystemes eingegangen werden. 

Die Pythagoräer, meint Aristoteles, sagen, daß das Feuer 
in der Mitte und die Erde ein sich im Kreise darum herum 
bewegendes Gestirn sei, welches so Tag und Nacht erzeuge, und 
daß ihr die Gegenerde gegenüberliege, weil sie nicht die Gründe 

20 und Ursachen der Erscheinungen suchen, sondern in ihre eigenen 
willkürlichen Meinungen die Dinge zwängen und die Welt nach 
ihrem Kopfe bauen wollen. Sie beachten nicht das Wirkliche^ 
sondern meinen, das Feuer müsse in der Mitte des Weltalls sein, 
weil es ihnen das Wertvollste ist und nur dem Wertvollsten diese 

25 ausgezeichnete Stelle zieme.^ Das ist der Grund, weshalb sie die 
Erde aus dem Zentrum entfernen und, um nur genau zehn be- 
wegte Weltkörper zu haben, von denen man doch blos neun zu- 
sammenbringen kann, auch noch eine Gegenerde hinzu erdichten.-^ 
Die Annahme der Gegenerde erklärt sich also zunächt aus der 

30 Zahlenspielerei des Pythagoras, die Mittelstellung des Feuers aber 
aus einer Wertschätzung. Wir erinnern uns, daß Aristoteles eine 
ähnliche Schlußfolgerung in Beziehung auf Thaies den Mythen- 
deutern der Vorzeit zuschrieb.^ 

Aber Wertschätzung war nicht der einzige Grund für die 

35 Annahme des Zentralfeuers. Die im Schema der pythagorischen 
Begriife bemerkte Gegensätzlichkeit und doch wieder Identität 

» DDox 494, not 1. — ^ Aet. III 1,2 DDox 364a 22b 15. — ^ ^^ist. 
de coelo 293 a 30. — * Arist. 986 a 6 f. — ^ DFV p. 11 n 12. 



Studien zur antiken Kultur. 



23 



zwischen den Randgliedern jeder Fünfergruppe läßt uns vermuten, 
daß das Zentralfeuer mit einem der äußeren Weltkörper in ge- 
wissem Sinne in Gegensatz imd Beziehung stehen sollte. Man 
kann sich, siobald man dies bemerkt hat, wohl kaum mehr zurück- 
halten, die Sonne dem Zentralfeuer, der Erde die Gegenerde 
gegenüberaustellen. Hierfür spricht auch, daß Gegenerde, Erde, 
Planeten, Mond, Sonne wieder gerade fünf Weltkörper mit Gegen- 
erde und Sonne als Randgliedern ergeben. Fügt man noch Zentral- 
feuer und Fixsternsphäre innen und außen hinzu, so hat man eine 
Siebenzahl, der die andere Siebenzahl der bewegten Himmels- 
körper (nämlich 5 Planeten, Sonne und Mond) streng symmetrisch 
entspricht. Wir können sogar noch die Glieder einander zuordnen. 
Daß dem Zentralfeuer Zeus,^ der Fixsterasphäre, nach der die 
Zeitrechnung zustande kommt, Kronos* entsprach, ist verbürgt. 
Mond und Sonne wiederholen sich an homologen Stellen, der un- 
sichtbaren Erde 'ist Hermes zuzuteilen und wir erhalten folgendes 
Schema : 

Zentralfeuer 1 Zeus 

I 1 Gegenerde 2 Hermes 

II 2 Erde 3 Aphrodite 

III Planeten 4 Ares 



1 

9 

3 



3 Kronos. . 

4 Zeus . . . 

5 Ares . . . 

6 Aphrodite 



IV 
V 



.... 1 1 Sphäre 4 

... 2 2 . . Mond, Sonne 5 

... 3 3 Planeten 6 

... 4 4 Erde 7 

7 Hermes 5 5 . . . . Gegenerde 8 

H Mond 5 Mond 9 

. 9 Sonne 6 Sonne 10 

10 Sphäre 7 Kronos 

Damit stimmt die gewöhnliche Anordnung der Planeten-^ 
(Kronos, Zeus, Ares, Aphrodite, Hermes) und bis auf zwei ver- 
stellte Glieder (nämlich Hermes - Aphrodite statu Aphrodite — 
Hermes) auch die bei den „Musikern" übliche Zuordnung der 
diatonischen Tonleiter zu den Abständen der Himmelskörper^ über- 
ein. Beides ist von großer Wichtigkeit. Die Harmonie der Sphären 
ist nicht ein bloßes Schlagwort der Schule, sondern sie war das 



10 



lö 



20 



25 



30 



35 



» Arist. fragm. ed. Rose, p. 1513 b 17 f. — » Aet. I 21, 1 DFV p. 
287, 43. — 8 Comm. in Arat. ed. Maaß p. 42. 25 ff. — * ibid. p. 43, 29 f. 



24 Stadien zur antiken Ealtnr. 



die Konstruktion des Weltalls bestimmende Prinzip des Pytha- 
goras selbst. 

Das Zentralfeuer wird von Erde und Gegenerde umkreist. 
Gegenerde und Zentralfeuer sind uns unsichtbar, da die Erde 
5 beiden stets die nämliche, uns unbekannte Seite zukehrt. Pytha- 
goras dachte die Erde als Gestirn nach der Analogie der Planeten. 
Daß er Mond und Sonne in gewissem Sinne als einen Welt- 
körper behandelt, weist darauf hin, daß er sich ihn nach Analogie 
der Erde von der Sonne beleuchtet dachte. In der Schule stellte 

10 man sich ihn bald sogar bewohnt vor.^ Bei alledem machen es 
die fortgeschrittenen geometrischen Kenntnisse des Pythagoras 
sehr wahrscheinlich, daß er selbst schon allen diesen Weltkörpern 
Kugelform gab. Die Mondphasen erforderten sie ja direkt und 
die Kreisbewegung der Erde um die Gegenerde, die Kugelform des 

15 Weltalls, führten schon aus ästhetischen Gründen zur Kugelform 
aller Weltkörper überhaupt. Pythagoras könnte also ganz gut 
nicht nur den Himmel, sondern analog aucli die Erde als Kugel 
erlaßt^ und in fünf Zonen eingeteilt haben. -^ 

Aus dem Kreisen der Erde um das Zentralteuer folgt Tag 

20 und Nacht, sowie die scheinbare Bewegung der in Wirklichkeit 
ruhenden Sonne. Der sinnlichen Anschauung steht eine abweichende 
astronomische Wirklichkeit gegenüber, die aus xlnzeichen er- 
schlossen wird. Die Milchstraße ist der kreisföimige Wiederschein 
des Zentralfeuers in dem krystallenen Himmelsgewölbe. 

25 In diesem großai'tigen Weltsystem erkennen wir überall die 

Kraft der Symbole. Die Gedanken werden nur insoferne durch 
Anschauungen bestimmt, als mit den Anschauungen auch Gefühle 
und Wertschätzungen verbunden sind. Nicht aus Eigendünkel, 
sondern wegen der Anschauung versetzen sich die Naturphilosophen 

30 und der gemeine Mann aus dem Volke in die Mitte der Welt, 
und nicht aus Demut stellte Pythagoras das Zentralteuer an den 
Platz, welchen sonst die Erde einnahm. Der große Gedanke eigab 
sich aus der Triebkraft seiner Symbole, welche Welten forderten, 
die noch niemand gesehen hatte, Bewegungen, die man nicht 

35 wahrnahm, ja welche sogar den Begriff der Relativität der Be- 
wegung praktisch verwerteten, bevor er theoretisch erfaßt war. 

1 Aet. II 30 1 DDox 361 a 4 b 2. — « cf DDox 492. 8. — » Act. 
III 14. 1 DDox 378, 21. 



Stadien zur antiken Kultur. 25 

Öogar die Abstände der Gestirne wurden bald hernach nach den 
musikalischen Intervallen bestimmt* und das Siebengestirn, die 
Leyer der Musen, war schon dem Pythagoras ein Symbol für die 
hieben harmonisch auf einander bezogenen Weltkörper. Die breiten 
Klüfte, welche die Wissenschaft aufhalten, überspringt der große 5 
Analogieschluß vom Makrokosmos auf den Mikrokosmos und um- 
gekehrt und über die kleineren Spalten und Rillen hüpft das Heer 
der zahlenmystischen Beziehungen spielend hinweg. 

Aber Eines muß bei der Beurteilung dieses symbolistischen 
Denkens festgehalten werden : es gehen in das System zwar sehr 10 
wenig Beobachtungen, aber eine kaum entwirrbar bunte Fülle 
von Stimmungswerten und Gefühlstönen ein. In vielen Einzel- 
heiten sind solche emotionale Zugaben noch durch Erlebnisse be- 
stimmt, mitunter sind sie ganz singulär empfunden, oft bringen 
sie mächtige, allgemein verständliche, poetische Erregungen zum 15 
Ausdruck, in vielen kann man sogar Deutlichkeit, in den meisten 
Berechtigung finden. Man nehme eines der gegebenen pythago- 
lischen Schemen vor sich und betrachte Anordnung und Beziehung 
seiner Glieder aufmerksam. Dann mache man den Versuch, einen 
Mittelbegrifif zum Beispiel an den Rand zu stellen. In manchen 20 
Fällen wird man sofort das Falsche und Widersinnige einer solchen 
Umstellung erkennen, in anderen wird man sich vielleicht nur 
unbehaglich und außerhalb des Zusammenhanges fühlen, immer 
^ber wird es schwer sein, sich über diese Empfindungen auszu- 
weisen. Auch für diese Mystik, für diese dunkel wirkenden Symbole 25 
gibt es also feste Gesetze, Ähnlichkeiten, welche sich durch die 
Beziehung zu Erfahrungen bestimmen und somit sogar eine Art 
Logik und Wahrheit. Konsequenz und Folgerichtigkeit in diesem 
Sinne ist das, was man Komposition nennt. Gehen die Elemente 
einer Weltanschauung in die Komposition ein, so wird auch bei 30 
dieser Art zu „denken" etwas herauskommen, das in demselben 
Maße wahr sein muß, in dem genügend umfassende Stimmungs- 
werte einbezogen wurden. Die Zahlenmystik des Pythagoras ist 
eben nicht so dürr und wirr, wie sie in der Überlieferung sich 
darstellt: darum war sie auch nicht unfruchtbar. Mißt man sie 35 
nach demselben Maßstabe wie die jonische Naturphilosophie, dann 
ist sie trotz des Aufgebens der Geozentrik eine armselige, un- 

^ t'omm. in Arat. ed. Maaß, p. 43. 29 f. 



26 Studien znr antiken Kultur. 



verständliche und beklagenswerte Spielerei; beginnt man aber 
nachzudenken, woher ihre Fruchtbarkeit und ihre Annäherung 
an die gegenwärtige astronomische Weltanschauung stammt, so 
muß man die Fülle des in sie einbezogenen und konsequent ver- 
5 werteten Stimmungsmateriales zur Erklärung heranziehen. Wenn 
je eine Philosophie als Begriffsdichtung bezeichnet werden kann, 
so ist es die des Pythagoras. 

Aus dem Charakter der Gegenwärtigkeit, der in dieser 
Stimmungsfülle des pythagorischen Denkens liegt, läßt sich jetzt 

10 auch die sonderbarste Eigentümlichkeit dieser Philosophie ver- 
stehen: ihre TJninteressieiliheit am Schöpfungsproblem, ihre Kälte 
für das Zeitproblem. Theogonie und Kosmogonie, die allen Vor- 
gängern und noch manchen Nachfolgern so schwer zu schaffen 
machten, schrumpften für Pythagoras zu den symbolischen Br- 

15 Zählungen von den Wandlungen des Hermessohnes Aithalides ein 
und dienten lediglich ethischen Zwecken. Die Zeit wird ihm nicht 
zu einer unfaßbaren Unendlichkeit, sondern schließt sich im Kreis- 
lauf der Wiedergeburten und in der Sternensphäre zu einer end- 
lichen Figur zusammen. Im Weltall herrscht nicht Kausalität 

20 sondern Harmonie, die Dinge haben keine Eigenschaften, sondern 
eine Natur, die sich in den Eigenschaften offenbart. 

Die Prägung des Begriffes Natur ist das ausscliließliche 
geistige Eigentum des Pythagoras. Sein ganzes Denken ist durch 
ihn bestimmt. Wir können statt Natur auch Wesen sagen, statt 

25 Wesen auch Stoff. Pythagoras kämpft statt Ait dem Schöpfungs- 
problem mit dem Substanzproblem. Wir könnten das Wort 
„Wesen" nicht in seinem geläufigen Doppelsinn sowohl für das 
Typische an den Dingen, wie für die belebten Geschöpfe, die 
Lebewesen, verwenden, wenn nicht Pythagoras durch seine großen 

30 Analogien beide Gebiete mit einander verbunden und das Unbe- 
lebte durch das Belebte und umgekehrt, erklärt hätte. Auch 
die Jonier kannten Stoffe, jedoch nur in Beziehung auf das 
Phänomenale, ohne sich der Dinglichkeit bewußt zu sein. Pytha- 
goras verknüpft die Erscheinungen mit seinen Symbolen, seinen 

35 komplizierten und unanalisierten emozionalen Marken und Zeichen, 
das Erlebnis ist mehr als der Inbegriff der sinnlich erfaßbaren 
Eigenschaften, es ist noch ein Wesen dahinter, die Dinge setzen 
sich aus Stoffen zusammen, in den Stoffen spiegelt sich das Welt- 
all, nichts ist ohne Bedeutung. 



Stndien znr antiken Koltnr. 27 



Pythagoras nahm Wasser, Luft, Äther, Erde, Feuer* als 
Stoffe an, aus denen sich alle übrigen zusammensetzen. Für die 
Späteren, die nicht den Drang empfanden, immer in Fünfheiten 
zu denken, mußte bald der hypothetische Äther recht belanglos 
werden. Die Zuordnung der regulären Körper^ zu den Stoffen 5 
scheint ziemlich willkürlich vorgenommen worden zu sein. An- 
schauliche Elemente erkennen wir noch in der Tetraederform des 
nach oben spitz zustrebenden Feuers und in dem das schwere 
Ruhen ausdrückenden, der Erde zugeteilten Kubus. Aber das 
Wesen der Stoffe liegt vor allem in ihrer Beziehung zu den 10 
Planeten und deren Gottheiten. Die Eigenschaften der Stoße sind 
Äußerungen dieser Gottheiten, die Gottheiten selbst „Elementar- 
geister." 

Zu den Elementen setzte Pythagoras auch Seelenzustände 
in Beziehung \ Aber was uns hierüber berichtet wird, trägt den 15 
Stempel späterer Zeiten und einer fortgeschrittenen Psychologie 
auf sich. Trotzdem scheinen wir in diesem Punkt eine wahr- 
scheinliche Vermutung aufstellen zu dürfen. Daß Pythagoras dem 
Kronos und dem Wasser das Weinen zuordnete, wissen wir aus 
seinem Gleichnisse, das Meer sei eine Träne der Zeit. Nun ist 20 
uns in einer späten, den Namen des Pythagoras nicht enthalten- 
den Quelle* eine Zuordnung von sieben Gemütszuständen zu den 
sieben Weltkörpem erhalten, welche in altertümlicher Weise die 
Parallele zu Ende führt und dadurch bekundet, daß sie auf alte 
Tradition zurückgeht. Indem wir sie benützen, erhalten wir fol- 25 
gende Anordnung: 

1 Wasser Kronos 1 Weinen 

2 Luft Zeus 2 Zeugen 

3 Äther Ares 3 Zürnen 

4 Erde Aphrodite 4 Streben 3 

5 Feuer Hermes 5 Denken 

Helios 6 Lachen 

Selene 7 Schlafen. 

Die Gemütszustände des Menschen sind zum erstenmal von 
Pythagoras in den Gesichtskreis der Philosophie einbezogen worden. 35 



1 Theodoret V 20. DDox 390, test 5. — « AchiU. p. 132A DDox 
334 test Aet. I 14. 2 DDox 312 a 11 b 14, Aet. I 10. 2 DDox 309 b 3. — 
3 cf DDox 390. test 5. — * Comm. in Arat. ed. Maaß p. 70 ff. (Sphaer 



Stndien znr antiken Knltnr. 



Sie wurden auf Stoffe und in den Stoffen waltende Gottheiten be- 
zogen. So leuchtet der Makrokosmos in den Mikroskosmos. 
Gleiches bezieht sich auf Gleiches, Gleiches wird durch Gleiches 
vermittelt. In unklarer Andeutung sehen wir schon eine Art 

5 Theorie des Entstehens der Seelenzustände vor uns, die später 
fast lediglich auf Grund der von Pythagoras ausgegangenen An- 
regungen aufgebaut wurde. Aber eine Unterscheidung von Ge- 
fühl, Empfindung, Gedanke u. s. w. ist in keiner Weise ange- 
deutet und spätere, unbeholfene Versuche, die Sinne einzuteilen 

10 und abzuzählen, wobei man bald auf die FUnfzahl, bald auf die 
Siebenzahl, ja wie es scheint, auch auf die Vierzahl geriet, zeigen, 
daß die üblichen „fünf Sinne" erst aus der Schule und nicht von 
Pythagoras selbst stammen. Auch in der Musik wird er sich 
kaum mehr als die Verwunderung über die Siebenzahl der Saiten 

15 an der Lyra geleistet haben, denn die spätere exakte Musik- 
theorie der Pythagoräer bezieht sich gänzlich auf das Sinnen- 
fällige und liegt seitwärts von der eigentlichen Richtung des 
Pythagoras. 

Für ihn hatten die trügerischen* Empfindungen als solche 

20 keinen Wert. Ihn interessierte vielmehr der mit dem Phäno- 
menalen verknüpfte Gefühlston, die Wirksamkeit der Gottheit im 
Menschen, der, selbst auf dem Pfade von der Gottheit weg zur 
Gottheit zurück, durch seine eigene göttliche Geisteskraft in das 
Weltall bestimmend eingreift. Das war der Punkt, an welchem 

25 angelangt, Pythagoras sein folgenschweres Wort aussprach: das 
Weltall und alles in ihm ist Wesen; dieses Wesen muß der Mensch 
sich zur Richtschnur machen, wenn er sich der Gottheit nicht ent- 
fremden will. So kommt er dazu, Satzungen zu schaffen, die dem 
Wesen entweder gemäß sind oder ihm widei'streiten, den Makro- 

^0 kosmos im Mikrokosmos auf Grund tiefster Kenntnis nachahmen, 
oder ihn verkennen, die gut und böse, wahr und falsch sein 
können. Schon in der Sprache ist es so ; der Geist muß die Dinge 
erfassen und sie in der Namengebung nachahmen. Die Worte 
sollen Erläuterungen der Dinge sein und nicht jeder kann sie ver- 

35 mitteln,^ die Götter sprechen anders als die Menschen,^ ihre 
Namen sind ihre redenden Bildnisse.^ Aber nicht nur die Sprache 

1 Aet. IV 9. 1 DFV p. 48 n 49. — ^ Procl. in Crat. 16 p. 6 Boiss. 
DFV. p. 413 ad fr. 26 (Demoer.). — » cf Diog. L. I. 119 (Pherek.vdes). ÜFV 
p. 506. 36. — * DFV. p. 413. 19. cf p. 429, fr. 142. 



Studien zur antiken Kultur. 29 



sondern überhaupt alles menschliche Handeln soll sich nach dem 
Wesen der Dinge richten. Das ist ja der Grundgedanke der 
Speiseverbote und Reinigungsvorschriften. 

Der Begriff des Wesens ist also wirklicji der zentrale Be- 
griff des Systems. Die Satzung ergibt sich von selbst als Korrelat 5 
und es sind Anzeichen vorhanden, daß schon Pythagoras selbst 
diesen Begriff zum mindesten in dem engeren Gebiete religiöser 
und politischer Betätigung verwendet hat. Man soll nicht am 
Kranze zupfen, sagte er, und soll genau wägen. Mit dem 
Kranze aber meinte er das Gesetz, das der Schmuck des Volkes 10 
ist, und mit der Wage die Satzung, welche die Ausübung der 
Gerechtigkeit zu verbürgen hat. Der Gegensatz zwischen Natur 
und Satzung wurde von den Späteren mit großer Energie aufge- 
griffen und das, was der Tiefsinn des Pythagors gezeitigt hatte, 
verwandelte sich zur funkelnden Waffe sophistischen Scharf- 15 
Sinnes: der Mystiker Pythagoras wurde zum ersten Sophisten.^ 



* DFV p. 164 n 19. 



Herakleitos 



A. Quellen. 

I. Fragmente. 
I. 

^ Für dies Wort aber, ob es gleich ewig ist, haben die 
Menschen kein Verständnis, weder ehe sie es vernommen, noch 
sobald sie es vernommen. Alles geschieht nach diesem Wort, .und 
doch geberden sie sich wie die Unerfahrenen, so oft sie sich ver- 
suchen in solchen Worten und Werken, wie ich sie künde, ein 
jegliches nach seiner Natur auslegend und deutend, wie sich's 
damit verhält. Die anderen Menschen wissen freilich nicht, was 
sie im Wachen tun, wie sie ja auch vergessen, was sie im 
Schlafe tun. 

2 Wenn ihr nicht mich, sondern das Wort vernehmt, ist es 
weise zuzugestehen, daß Alles Eines ist 

^ Sie verstehen nicht, wie das auseinander Strebende in- 
einander geht: gegenstrebige Vereinigung wie beim Bogen und 
der Leier. 

^ Leute, die weder zu hören noch zu reden verstehen. 

^ Sie verstehen es nicht, auch wenn sie es vernommen. So 
sind sie wie die Tauben. Das Sprüchwort bezeugt's ihnen: „An- 
wesend sind sie abwesend". 

® Man soll nicht handeln und reden wie Schlafende. 

' Ein hohler Mensch pflegt bei jedem Wort starr dazustehn. 

* Die Wachen haben eine gemeinsame Welt. 

^ Schlimme Zeugen sind Augen und Ohren den Menschen, 
wenn sie Barbarenseelen haben. 

^^ Alles, was man sehen, hören, lernen kann, das ziehe 
ich vor. 

1 DFV fr 1. — 2 fr 50. — » fr 51. — * fr 19. — ^ f, 34. __ ß fr 73. 
— ^ fr 87. — 8 fr 89. — « fr 107. — »» fr 55. 



34 Studien zar antiken Kaltnr. 



^ Recht täten die Bphesier, wenn sie sich alle, Mann für 
Mann, aufhenkten und den Unmündigen ihre Stadt hinterließen; 
sie, die Hermodoros, ihren wackersten Mann, aus der Stadt gejagt 
haben mit den Worten: Von uns soll keiner der Wackerste sein 
oder, wenn schon,* dann anderswo und bei andern. 

^ Denn was ist ihr Sinn oder Verstand? Straßensängern 
glauben sie und zum Lehrer haben sie den Pöbel. Denn sie 
wissen nicht, daß die Meisten schlecht und nur wenige gut sind. 

^ Die Menschen lassen sich über die Kenntnis der sicht- 
baren Dinge ähnlich zum besten halten wie Homer, der doch 
weiser war als die Hellenen allesammt. Ihn foppten nämlich Jungen, 
die der Läusejagd oblagen, indem sie ihm zuriefen: alles, was wir 
gesehen und gegriffen, lassen wir da ; was wir aber nicht gesehen 
und nicht gegriffen, das bringen wir mit. 

^ Homer verdiente aus den Preiswettkämpfen verwiesen 
und mit Ruten gestrichen zu werden, und ebenso Archilochos. 

^ Lehrer aber der Meisten ist Hesiod. Sie sind überzeugt, 
er weiß am meisten, er, der doch Tag und Nacht nicht kannte. 
Ist ja doch eins ! 

^ Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben. Sonst hätte Hesiod 
es gelernt und Pythagoras, femer auch Xenophanes und Hekataios. 

■^ Die rednerische Unterweisung ist Führer zur Abschlachtung. 

® Seinen Unverstand bergen, ist besser. 

® Frevelmut soll man eher löschen als Feuersbrunst. 

^° Eigendünkel: eine fallende Sucht. 

^^ Einer gilt mir Zehntausend, falls es der Beste ist. 

^2 Esel würden Häckerling dem Golde vomehen. 

^^ Säue baden sich in Kot, Geflügel in Staub oder Asche. 

^^ Am Dreck sich ergötzen. 

^^ Die Goldgräber schaufeln viel Erde und finden wenig. 

^^ Keineswegs können die meisten, was ihnen gerade auf- 
stößt, denkend erfassen, noch lernen sie es erkennen; aber trotz- 
dem bilden sie sich ein, daß sie's verstehen. 

1 fr 121. — 2 fr 104. — Mr 56. — * fr 42. - ^ fr 57. — « fr 40. 
— Mr 81. — 8 fr 95 cf fr 105. — » fr 43. — »« fr 46. — '^ fr 49. — 
" fr 9. — " fr 37. — " fr 13. — i» fr 22. — " fr 17 Diels: Keineswegs 
denken sich die meisten solches, wie es ihnen gerade aufstößt, noch ver. 
stehen sie, was sie erfahren: aber sie bilden es sich ein. 



Stndien zur antiken Knltnr. 35 

^ Wenn er's nicht erhofft, wird er das Unverhoffte nicht 
&iden. Denn Unerforschlich ist's und unzugänglich. 

^ Eins wählen im Gegensatz zu allen anderen Menschen 
die Besten: ewigen Ruhm unter den Sterblichen. Die Meisten 
freilich hegen da, vollgefressen wie das hebe Vieh. 

^ Bestände das Glück in körperUchen Lustgefühlen, so 
müßte man die Ochsen glücklich nennen, wenn sie Erbsen zu 
fressen finden. 

II. 

^ Drum ist's Pflicht, dem Gemeinsamen zu folgen. Aber 
obschon das Wort Allen gemeinsam ist, leben die Meisten so, als 
ob sie eine eigene Einsicht hätten. 

^ Gesetz heißt auch dem Willen eines einzigen folgen. 

® Das Volk soll kämpfen um sein Gesetz wie um seine Mauer. 

^. Wenn man mit Verstand reden will, muß man sich wappnen 
mit diesem allen Gemeinsamen wie eine Stadt mit dem Gesetz 
und noch stärker. Nähren sich doch alle menschlichen Gesetze 
aus dem einen göttlichen. Denn es gebietet, so weit es nur will, 
und genügt allem, und siegt ob allem. 

* Gemeinsam ist allen das Denken. 

^ Das Denken ist der größte Vorzug, und die Weisheit 
besteht darin, die Wahrheit zu sagen und nach der Natur zu 
handeln, auf sie hinhörend. 

^^ Allen Menschen ist es gegeben, sich selbst zu erkennen 
und klug zu sein. 

^^ Der Seele ist das Wort eigen, das sich selbst mehrt. 

^^ Hat sich ein Mann betrunken, wird er von einem uner- 
wachsenen Knaben geführt. Er taumelt und merkt nicht, wohin 
er geht; denn seine Seele ist feucht. 

^^ Trockene Seele, die weiseste und beste. 

^^ Dem Menschen ist sein Sinn Verhängnis. 

^^ Ich habe mich selbst erforscht. 

" Der Seele Grenzen kannst Du nicht ausfinden und ob Du 
jegüche Straße abschrittest; so tiefen Grund hat sie. 

* fr 18. — 2 fr 29 Diels: Eins gibt es, was die Besten allem andern 
vorziehen: den Rnhnif den ewigen, den vergänglichen Dingen. Die Meisten 
freilich ... u. s. w. — * fr 4. — * fr 2. — » fr 33. — ^ fr 44. — ^ fr 114. 

— « fr 113. — 9 fr 112. — i» fr 116. — " fr 115. — " fr 117. — " fr 118. 

— " fr 119 Verhängnis Diels: Gott. — " fr 101. — " fr 45. 

3* 



36 Stadien zur antiken Knltnr. 

^ Mit dem Herzen zu kämpfen ist hart. Denn jeden seiner 
Wünsche erkauft man um seine Seele. 

^ Würden alle Dinge zu Rauch, könnte man sie nur mit 
der Nase unterscheiden. 

^ Die Zeit ist ein Knabe, der sjrielt, hin und her die Bret- 
steine setzt: Knabenregiment. 

* Die schönste Weltordnung ist wie ein aufs Geratewohl 
hingeschütteter Kehrichthaufen. 

III. 

^ Denn alles, was da kreucht, wird mit Gottes Geißel zur 
Weide getrieben. 

^ Wie kann einer verborgen bleiben vor dem, was nimmer 
untergeht ! 

^ Eins, das allein Weise, will nicht und will doch auch 
wieder mit Zeus Namen benannt werden. 

^ Gott ist Tag Nacht, Winter Sommer, Krieg Frieden,. 
Überfluß Hunger. Er wandelt sich aber wie das Feuer, das, wenn 
es mit Räucherwerk vermengt wird, jedem Wohlgeruch spendet. 

® Die Sibylle, die mit rasendem Munde Ungelachtes und 
Ungeschminktes und Ungesalbtes redet, reicht mit ihrer Stimme 
durch tausend Jahre. Denn der Gott treibt sie. 

^" Der Herr, der das Orakel in Delphi besitzt, sagt nichts 
und birgt nichts, sondern er deutet an. 

^^ Denn die Sonne wird ihre Maße nicht überschreiten; an-^ 
sonst werden sie die Erinyen, der Dike Schergen, ausfindig^ 
machen. 

^^ Denn wenn es nicht Dionysos wäre, dem sie die Pro- 
zession veranstalten und das Phalloslied singen, so wär's ein ganz, 
schändliches Tun. Ist doch Hades eins mit Dionysos, dem sie da 
toben und Fastnacht feiern. 

^^ Menschlichem Sinn mangeln die Einsichten, göttlichem nicht. 

^^ Kind heißt der Mann der Gottheit, wie der Knabe dem Mann. 

1 fr 85. — 2 fr 7. — 8 fr 52. — * fr 124. — 5 f^ n _ e f^ jg _ 
7 fr 32. — 8 fr 67 Diels: . . . Überfluß und Hunger. Er wandelt sich aber 
wie das Feuer, das, wenn es mit Räucherwerk vermengt wird, nach eines 
jeglichen Wohlgefallen so oder so benannt wird. Begründung meiner Über- 
setzung S. 115 in der Anm. zu S. 69, Z. 37. — » fr 92. — ^^ fr 93. — " fr 94. — 
" fr 15. — " fr 78 Diels: Denn des Menschen Sinn kennt keine Zwecke^ 
wohl aber der göttliche, — ^* fr 79. 



Stndien zur antiken Knltnr. 37 

^ Unsterbliche sterblich, Sterbliche unsterblich: sie leben 
gegenseitig ihren Tod und sterben ihr Leben. 

- Bei Gott ist alles schön und gut und gerecht; die Menschen 
aber halten einiges für gerecht, anderes für ungerecht. 

IV. 
•' Diese Weltordnung, dieselbige fllr alle Wesen, hat kein 
<jrott und kein Mensch geschaffen, sondern sie war immerdar und 
ist und wird sein ewig lebendiges Feuer; sein Erglimmen und 
sein Verlöschen sind ihre Maße. 

* Feuers Wandlungen : erstens Meer, die Hälfte davon Erde, 
die andere Glutwind. — Es zerfließt das Meer und erhält 
sein Maß nach demselben Wort, wie es galt, ehe denn es Erde 
ward. 

^ Das Weltall aber steuert der Blitz. 

* Feuer lebt der Luft Tod und Luft des Feuers Tod ; Wasser 
lebt der Erde Tod und Erde den des Wassers. 

' Kaltes wird warm, Warmes kalt. Nasses trocken. Dürres 
feucht. 

^ Meerwasser ist das reinste und scheußlichste; für Fische 
trinkbar und lebenerhaltend, für Menschen untrinkbar und tödlich. 

* Es ist immer ein und dasselbe, was in uns wohnt: Le- 
bendes und Totes, Waches und Schlafendes, Junges und Altes- 
Wenn es umschlägt, ist dieses jenes und jenes wiederum, wenn 
es umschlägt, dieses. 

^" Sich wandelnd ruht es. 

^^ Verbindungen sind: Ganzes und Nichtganzes, Eintracht und 
Zwietracht, Einklang und Mißklang und aus allem eines und aus 
einem alles. 

^^ Umsatz findet wechselweise statt des Alls gegen das 
Feuer und des Feuers gegen das All, wie des Goldes gegen 
Waren und der Waren gegen Gold. 

^^ Wer in dieselben Fluten hinabsteigt, dem strömt stets 
anderes Wasser zu. Auch die Seelen dünsten aus dem Feuchten 
empor. 

^^ Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen. 

» fr 62. — » fr 102. — » fr 30. — * fr 31. — Mr 64. — • fr 76. - 
^ fr 126. - 8 fr 61. — » fr 88. — »• fr 84. — »» fr 10. — '« fr 90. — 
" fr 12. — " fr 91. 



38 Studien zur antiken Kultur. 



^ Gab' es keine Sonne, trotz der übrigen Gestirne wäre e& 
Nacht. 

2 Ein Tag ist wie der andere. 

^ Die Sonne ist neu an jedem Tag. 

^ Krankheit macht die Gesundheit angenehm, Übel das Gute^ 
Hunger den Überfluß, Mühe die Ruhe. 

'^ Denn beim Kreisumfang ist Anfang und Ende gemeinsam. 

'^ Des Krempels Weg, grad und krumm, ist ein und derselbe. 

' Der Weg auf und ab ist ein und derselbe. 

^ Des Bogens Name ist nun Leben, sein Werk Tod. 

® Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen 
macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu 
Sklaven, die andern zu Freien. 

V. 

^" Sie reinigen sieh von Blutschuld, indem sie sich neuerlich, 
nur anders, mit Blut besudeln, wie wenn einer, der in Kot ge- 
treten, sich mit Kot abwaschen .wollte. Für wahnsinnig würde 
ihn doch halten, wer etwa von den Leuten ihn bei solchem Treiben 
bemerkte. Und sie beten auch zu diesen Götzenbildern, wie wenn 
einer mit Gebäuden Zwiesprache pflegen wollte, der eben die 
Götter und Heroen nicht nach ihrem wahren Wesen kennt. 

^^ Tod ist alles, was wir im Wachen sehen und Traum, 
was im Schlummer. 

^2 Wann sie geboren sind, schicken sie sich an, zu leben 
und den Tod zu erleiden, oder viehnehr auszuruhen und sie hinter- 
lassen Kinder, daß auch sie den Tod erleiden. 

^^ Im Itriege Gefallene ehren Götter und Menschen. 

^* Größerer Tod empfängt größere Belohnung. 

^^ Der Menschen wartet nach dem Tode, was sie nicht er- 
warten noch wähnen. 

^^ Für die Seelen ist es Tod, zu Wasser zu werden, für 
das Wasser Tod, zu Erde zu werden. Aus Erde wird Wasser, 
aus Wasser Seele. 

Mr 99. — « fr 106. — * fr 6. — * fr 111. — * fr 103. - • fr 59. 
— ^ fr 60. — 8 fr 48. — « fr 53. — ''^ fi 6 Diels: Reinigung von Blut- 
schuld suchen sie vergeblich, indem sie sich mit Blut besudeln, wie wenn . . . 
. . . Zwiesprach pflegen wollte. Sie kennen eben die Götter und Heroen nicht 
nach ihrem wahren Wesen. — "fr 21 Diels: Schlaf, was im Schlummer. — 
" fr 20. - »» fr 24. — " fr 25. — »«^ fr 27. — »« fr 36. 



Stadien znr antiken Knltnr. 39 



^ Für die Seelen ist es Lust oder Tod, naß zu werden. 
Wir leben jener Tod und jene leben unsem Tod. 

- Die Schlafenden: Arbeiter und Mitwirker an den Welt- 
ereignissen. 

^ Denn Leichname sollte man eher wegwerfen als Mist 

* Die Seelen riechen im Hades. 

n. Imitation bei Pseudohippokrates. 

Alle Dinge 

bei Göttern und Menschen 

wandeln im Wechsel 

aut und ab. 

Tag und Nacht 5 

sind lang und kurz. 

Voll und neu 

ist der Mond, 

kurz und lang 

scheint die Sonne: 10 

Alles ist Eins 

und doch nicht Eins. 

Licht ist Zeus 

dunkel Hades. 

Licht ist Hades 15 

dunkel Zeus. 

Dies und das 

wallt dort und da 

jede Stunde 

in die Runde. 20 

Eins für's Andere 

handelt und wirkt. 

Was ihr tut, 

wißt ihr nicht: 

was ihr nicht tut, 25 

glaubt ihr zu wissen. 

* fr 77. — Mr 75. — 3 f^ gg^ _ * fj. 93^ 



40 Studien zur antiken Knltnr. 



Was ihr seht, 
seht ihr nicht; 
was ihr nicht seht, 
glaubt ihr zu sehen. 
5 Göttlich nennt ihr's, 

aber mit Willen 
und ohne Willen 
geschieht euch doch Alles 
durch götthchen Zwang. 

10 So wanken sie hierhin 

und wanken dorthin, 
verschmelzen, erfüllen, 
das Höchste und Tiefste 
nach ihrem Geschick. 

15 Von Großem wird Kleines 

von Kleinem wird Großes 
im Wechsel verzehrt 
und Großes durch Kleines 
und Kleines durch Großes 

20 im Wandel vermehrt. 

In allen Dingen, 
im menschlichen Körper, 
in menschlicher Seele, 
waltet die Seele 
25 auf gleiche Art. 

Es kreuchen zum Menschen 
die Teile von Teilen 
und Ganzes vom Ganzen, 
vereint aus dem Feuer, 
30 vereint aus dem Wasser, 

raifend und gebend, 
im Nehmen vermehrend^ 
im Geben verzehrend. 

Seinen Platz behauptet 
35 ein jegliches Ding. 



Stadien znr antiken Knltar. 41 

Und schrumpft es zusammen, 

dann dringt's in die Enge, 

doch wächst es ins Große, 

dann gehts in die Länge, 

das Fremde stoßt Fremdes 5 

in fremdes Gedränge. 

Für jede Seele 

gibt's größer und kleiner 

und Wandel der Teile 

und dennoch bedarf sie 10 

nicht Zuschuß, 

nicht Abfluß, 

doch wo sie auch ist, 

dort ringt sie um Platz 

und Mittel, die Kraft 15 

zu vermehren, zu vermindern, 

und, was ihr im Weg steht, 

das wird errafft. 

Nicht kann sich behaupten, 

was anderer Art ist, 20 

am Platz, der nicht taugt: 

Streng muß es wandern. 

Nachsichtig mit Andern 

erkennt es, was naht. 

Das Nützliche naht sich 25 

dem Nützlichen. Schädliches 

streitet und kämpft 

entfremdend dawider. 

So wächst denn die Seele 

des Menschen im Menschen nur 30 

kräftig empor. 

Und bei den gewaltigen, 

vielgestaltigen 

Tieren entscheidet 

nicht minder im Wandel 35 

gegen einander 

die rohe Gewalt- 



42 Studien zur antiken Koltor. 

Von den Tieren 
will ich schweigen, 
doch den Menschen 
euch zeigen. 

5 Es überkommt 

die Seele den Menschen 
aus Feuer und Wasser 
zusammengemischt, 
und feste Bestimmung 

10 ward seinem Körper. 

Notwendig erfassen 
die Teile, was naht. 
Und was nicht von Anfang 
in ihm als Bestimmung 

15 verborgen waltet, 

wird nicht durch Ernährung 
und nicht durch Entbehrung 
jemals entfaltet: 
denn es fehlt ihm der Keim. 

20 Mit einem Worte: 

es schuf das Feuer 
nachahmend das Weltall 
nach seiner Weise, 
das Kleine und Große, 

25 das Große und Kleine 

im ganzen Körper. 

Der Bauch, der mächtige, 
von feuchtem und trockenem 
Wasser trächtige, 

30 ist dem Meere gleich, 

spendet überreich, 
errafft von allem, 
was ihm nützt, den Fraß, 
und entladet, 

35 was ihm schadet. 

Es gleicht der Erde, 
was ihm verfallt 



Studien zur antiken Enltur. 43 



und alles durchwallt, 

verzehrend, 

sich mehrend, 

zu leichtem 

Wasser versprengt, 5 

zu unsichtbarem, 

klarem 

Feuer versengt, 

dann vereinigt 

und gereinigt 10 

und im Wandel 

zur Klarheit gebracht 

durch eine ewig 

waltende Macht. 

Es hat sich das Feuer 15 

drei Pfade bedungen, 
nach außen und innen 
in einander verschlungen. 

Der eine gleitet 

ins Hohle und Feuchte, 20 

geleitet vom 

Mond; 

der zweite ins Ferne 

zum hüllenden Hort 

in die Höhen 25 

der Sterne; 

der dritte 

hält die Mitte, 

dringt hinein und heraus, 

bis ins innerste Haus, 30 

wo am wärmsten erglüht 

das Feuer, 

das bezwingt 

und durchdringt, 

das unvemichtbar, 35 



44 Stadien zur antiken Kultur. 

unsichtbar 
wallt im Gemüt, 
das sinnt und denkt, 
schwillt und schwindet, 
5 wacht und Schlummer findet, 

und das Steuer 
lenkt, 

hier und dort, 
an jedem Ort, 
10 unerschüttert 

in Ruhe versenkt. 

Aus Offenbarem 
Verborgnes erschließen: 
das ist's, was die Menschen 

15 nicht wissen, 

was sie nicht merken, 
obgleich sie ihr Wesen 
verwenden in ihren Werken. 
Sich selbst nachzuahmen, 

20 das lehrte sie 

der göttliche Geist. 
Sie wissen, was sie tun; 
was sie nachahmen, 
wissen sie nie. 

25 Alles ist gleich 

und ungleich 

zugleich, 

einfältig, 

zwiespältig, 
30 redend und stumm, 

wissend und dumm, 

einander entgegen 

und gleichgesinnt 

allerwegen. 

35 In menschlichem Sollen 

voll Zugeständnis, 



Stadien zar antiken Knltor. 45 

in ewigem Rollen 
verständigongsbar, 
lebt ohne Kenntnis 
die Menschenschar. 

Selbst haben die Menschen 5 

Gesetze sich abgesteckt: 

wofür, das blieb ihnen 

verdeckt. 

Aber das Wesen der Welt 

haben die Götter 10 

in Ordnung gestellt. 

Menschenwerke 

sind nicht wahr, 

nicht Lug 

und bleiben nie gleich: 15 

im Götterreich, 

ob Trug, 

ob wahr, 

bleiben immer gleich 

Götterwerke. 20 

* 

Daß dies so geriet, 

das macht den Unterschied. 

Jetzt sollt ihr erfahren, 

was an verborgnen 

und offenbaren 25 

menschlichen Dingen 

bei menschlichen Werken 

ist zu bemerken. 

Das ist Weissagung: 

Aus Offenbarem 30 

des Verborgnen Erfragung, 

aus Verborgnem 

der Weg zum Klaren, 

aus der Gegenwart 



46 Stadien zur antiken Kultur. 



in die Zakonft die Fahrt, 
aas dem Tod das Lebendige, 
vom Fübllosen Kenntnis. 

Der Mann von Verständnis 
5 geht niemals irre, 

nur der Unverständige 
kommt ins Gewirre. 

Menschenleben und Wesen 
y könnt ihr in Folgendem lesen: 

10 Weib und Mann 

zeugen ein Kind: 

im Ofienbaren 

kündet Verborgnes sich an. 

Aus dem Kind wird ein Mann 
15 wagt aus der Gegenwart 

in die Zukunft die Fahrt. 

Er stirbt und der Tote 

gleicht nicht dem Lebendigen. 

Der fllhllose Magen 
20 weiß uns von Hunger 

und Durst zu sagen. 

Auf Weissagung beruhn 
Menschenleben und Tun. 

Der Mann von Verständnis 
25 geht niemals irre. 

Nur der Unverständige 
kommt ins Gewirre. 



B. System. 
I. 

Pythagoras stellte dem Wasser den Kronos und das Weinen, 
dem Feuer den Hermes und das Sinnen, wenn man will, auch 
das Sprechen, Wort, Begriff, Verhältnis, Zahl, gegenüber. All 
das bedeutet das große Wort Logos. Wasser und Feuer sind 
Gegensätze. Gegensätze fallen zusammen in Eins. 5 

Pythagoras stellte der Luft Zeus und das Zeugen, der Erde 
Aphrodite und das Streben gegenüber. Die Luft ist das Leichte, 
Bewegte, die Erde das Schwere, Beharrende. Das Zeugen bringt 
hervor, das Streben sehnt. Auch hier zwei Gegensätze. Das 
Streben ist der Weg hinauf, das Zeugen der Weg herab. Der 10 
Weg auf und ab ist ein und derselbe. * 

Der Äther, der leicht bewegliche, der Zorn, Ares: die 
halten bei Pythagoras die Mitte. Aber auch zu ihnen gibt es 
einen Gegensatz: den Frieden.^ Die Pfade des Zornes und der 
Versöhnung laufen in einander. Der Widerstreit löst sich auf im 15 
Dritten, in der Harmonie. Das auseinander Strebende geht in 
einander: gegenstrebige Vereinigung wie beim kriegerischen Bogen 
und der friedlichen Lyra."* 

Aber das verstehen die Leute eben nicht. Denn was ist 
ihr Sinn oder Verstand? Straßensängern glauben sie und zum 20 
Lehrer haben sie den Pöbel. Denn sie wissen nicht, daß die 
meisten schlecht und nur wenige gut sind.^ Hesiod halten sie 
für den Weisesten, ihn, der doch Tag und Nacht nicht kannte: 
ist ja doch eins^! Aber Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben, 
sonst hätte Hesiod es gelernt und Pythagoras, ferner auch Xeno- 25 
phanes und Hekataios.^ 

Pythagoras hat nicht Recht: nicht die Siebenzahl offenbart 
sich in der Lyra, sondern die Dreizahl und diese und nicht die 

* fr. 60.-2 fr. 67, Diog. L. IX 8, DFV p. 60, 10. — ^ h. 61. — 
^ fr. 104. — » fr. 57. — • fr. 40. 



48 Stadien zur antiken Enltnr. 



FQnfzahl, beherrscht das AU. Auf der Lyra spielt, Anfang und 
Ende zusammenschließend, ApoUon und die Saiten schlägt er an 
mit der Sonne, * die, wenn sie aufgeht, die Welt mit ihren Strahlen 
in harmonische Bewegung versetzt.^ In der Lyra schließt sich 
5 Entgegengesetztes zusammen: aus Entgegengesetztem und nicht 
aus Gleichem entsteht der Einklang.^ Auch in der Natur laufen 
die Gegensätze zur Einheit zusammen nach dem Bilde des Kreises. 
Beim Kreisumfang ist Anfang und Ende gemeinsam.^ Die Zeit 
ist das Späteste und Früheste, enthält alles in sich, ist Eins und 

10 doch nicht Eins, entfernt sich immer vom Sein und naht ihm 
wieder; in ihr treffen sich die Gegensätze des Gestern und Morgen.^ 
Und wo immer Wandlungen zum Anfang zurückführen, da waltet 
die Dreizahl. Drei Tage braucht der Neumond, um wiederum 
sichtbar zu werden.^ Dreißig Tage machen einen Monat, dreißig^ 

15 Jahre sind der Zeitraum, in dem ein Mann Großvater sein kann, 
so daß sich der Ring der Zeugung schließt.^ Drei Gestirne bilden 
die Grenze zwischen Abend und Morgen, Gestern und Heute: 
der Wagen, der Arktur und beiden gegenüber der Weihealtar des 
strahlenden Zeus.^ 

20 Der glänzende Planet Wurde dem Hermes zuerkannt, weil 

dieser Gott zuerst die Weltordnung schuf, die Reihenfolge der 
Gestirne absteckte, die Stunden maß und die Jahreszeiten an- 
gab,^* weil er Zahl, Rechnung, Schrift, Geometrie, Astronomie^ 
das Würfel- und Brettspiel erfand. ^^ Der Ordner des Weltalls 

25 erfand das Spiel, der ewige Götterknabe, der die Steine hierin 
und dorthin setzt, Knabenregiment. ^^ 

So wie der Name des Bogens Leben ist und durch den 
Gegensatz auf sein Werk deutet, den Tod,^^ so liegt dem Namen 
des Hermes das Wesen des Gottes zugrunde. Was bedeutet er? 
30 Er verweist auf das ausgesprochene Wort und darauf, daß der 
Gott ein Dolmetsch ist, der Bote der Götter, diebisch und 
trügerisch, kurz ein Handelsmann. Im Sprechen nun hegt der 

» Nach Skythinos v. Teos Plnt. de Pyth. orac. 16 p 402 A & Clem. 
Str. VIII 49 p 674 P DFV p 89, 20 f. - " ibid. DFV p 89. 25. — ^ cf 
fr 10. — * fr 103. — & Nach Skythinos v. Teos bei Stob. ecl. I 8, 43 DFV 
p 89, 29. — « cf Comm. in Arat. ed. Maaß p 40. 14 & 473. - ^ DFV p 65 
n 19. — « fr. 120 cf Comm. in Arat. ed. Maß p 15. -- » ibid. p 275. — 
^^ cf Piaton, Phileb. 18 E & Phaedr. 274 C (Thenth). — »^ fr 52. — ^« fr 48. 



Stadien zur antiken Kultnr. 49 



Nutzen des Wortes und so sinnt er und macht Anschläge. Da 
er also Worte ausdenkt, ziemt es sich, daß man diesen Gott 
Hermes, d. h. den die Worte Ersinnenden nennt. ^ 

Und Pan ist sein Sohn. Sein Name bedeutet: All; denn 
unter dem Logos versteht man auch das All, und wie das All 5 
dreht und wendet sich auch das Wort und ist zwiefach: wahr 
und falsch. Das Wahre ist sanft und göttlich und wohnt in den 
Himmelshöhen, denn^ bei den Göttern ist alles schön und gut 
und gerecht. Die Menschen aber halten einiges für gerecht und 
anderes für ungerecht, bei ihnen wohnt das Rauhe und Widerige ; 1 
hier gibt es die meisten Fabeln und Lügen. So ist denn mit 
Recht der das All bedeutende Pan ein Hirte der Widernisse, 
doppelgestaltig, oben sanft, unten rauh und widerig, und ist als 
der Sohn des Hermes entweder der Logos oder dessen Bruder: 
und daß ein Bruder dem andern gleicht, ist ja kein Wunder.^ 15 

Aber diese Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, hat 
kein Gott geschafien und kein Mensch, sondern sie war immer 
da und ist und wird sein ewig lebendiges Feuer. ^ Das Feuer 
nämlich ist ewig in Bewegung und Fluß: nur der Tote ist ruhig 
und starr. ^ Pythagoras nannte das Zentralfeuer den Herd des 20 
Zeus. Zeus heißt der Lebendige, lebenspendend im All Waltende, 
es Durchdringende.^ Eins, das allein Weise, will nicht und will 
doch auch wieder mit Zeus Namen benannt werden.^ 

Das Walten des Zeus ist strengste Notwendigkeit. Die Not- 
wendigkeit heißt die täglich Beharrende, weil sie die ewig 25 
Wirkende ist.^ Sie vereinigt das Entgegengesetzte, ähnlich wie 
der Bogen, nicht nur in ihrem Namen sondern auch in Wirklich- 
keit.^ Der Fluß des All, jede Strömung und Gegenströmung in 
ihm,*" werden von ihr zur Einheit der einzigen Weltordnung ^^ zu- 
sammengefaßt und begrenzt.^* Himmel: das bedeutet Begrenzung 30 
nach oben.^^ Das All schließt sich in der Dreizahl zusammen 
zum Kreis, die Ewigkeit vereinigt Vergangenheit, Gegenwart 
und Zukunft zum hochzeitlichen^'* Ringe der Wiederkehr. 

' Platon Krat. 407 E ff. — Mr 102. — ^ Piaton Krat. 408 B f. — 

* fr 30. — ^ Aet. I 23, 7 DFV p 63 n 7. — • Platon Krat. 396 A DDox 

p 465, 1. 12 (Stoa), 545 b 16 (Chrysipp). — ^ fr 32. — » cf (Arist) de coelo 

7 401 b 9. — » Diog. L. IX 7 DFV p 59, 34. — ' »<» ibid. IX 8 DFV p 60, 5. 

— *^ DFV p 60, 6, 63 nlO. — " DFV p 60, 5, 62 n 6. — " cf de coelo 

6 400 a 7. — 1* DFV p 65 n 19. 

4 



50 Stadien zur antiken Kultnr. 



Die Welt entsteht aus Feuer und vergeht im Feuer, sein 
Erglimmen und sein Verlöschen sind ihre Maße/ Dazu zwingt 
sie die Notwendigkeit.^ Die Sonne darf ihre Maße nicht über- 
schreiten, ansonst werden sie die Erinyen, der Dike Schergen, 
5 ausfindig machen.'* Und es zerfließt das Meer und erhält sein 
Maß nach demselben Wort, wie es galt, ehe denn es Erde «vard.^ 
Mangel und Überfluß ist das Feuer, Hunger und Sättigung, es 
zeugt und vernichtet, zehrt und vergeudet, es wird schließlich 
alles trennen und erraffen.*^ 

10 Das ist das Wesen der Welt, das ist das Feuer, das ist 

Hermes, das ist Zeus, so waltet Dike mit ihren Schergen, so 
zwingt die Notwendigkeit Streit und Versöhnung** in ihre Maße, 
das ist der Logos. Vor ihm, der dort ist, versinkt -die Welt und 
vor ihm ersteht sie und wach werden wieder die Wächter der 

15 Lebendigen und Toten, ^ die Schergen der Dike, und von neuem 
laufen die widerstrebenden Pfade zusammen in die Einheit der 
Harmonie. 

Das ist die Welt und die Wirksamkeit der großen Götter, 
die allein die Einsicht haben, die des Menschen Sinn nicht kennt, ^ 

20 gegen die Menschengedanken nur Kinderspiele^ sind. Denn ein 
Kind ist der Mann gegenüber der Gottheit, wie der Knabe gegen- 
über dem Mann.*" 

In dem großen Walten der Natur steht der kleine Mensch 
mit starrem, unfähigem Staunen. Aber eigentlich steht er nicht: 

25 er und alles, was da kreucht, wird mit Gottes Geißel zur Weide 
getrieben. ^^ Nicht nur die Sibylle, die mit rasendem Munde Un- 
gelachtes und Ungeschminktes und Ungesalbtes redet, treibt der 
Gott,^* sondern jeden Menschen, dem er nichts sagt und nichts birgt, 
sondern nur andeutet.^-* Vom Menschen selbst hängt es ab, ob er 

30 den Logos, den Lenker des All, mit dem er doch am meisten 
beständig zu verkehren hat, versteht, oder ob er sich ihm ent- 
fremdet. " Denn alles Verstehen und Wissen ist nur ein Wieder- 
schein*^ des allwissenden^^ Logos im Menschen, alles menschliche 
Treiben und Tuen unbewußte^' und bewußte Nachahmung des 
Weltalls. 

1 fr 30. — 2 DFV p 60, 8. — ^ fr 94. — * fr 31. — «» fr. 65. 66. — 
« DFV p 60. 10. — Mr 6S. — 8 fr 78. -- « fr 70. — i» fr 79. — " fr 11. 

— ^^ fr 92. — *3 fr 93. — '* fr 72. — » Chalcid. c 251 DFV p 65 n 20. 

— " cf fr 16. - " fr 17. 



Stadien znr antiken Knltnr. 51 

Ganz wie die Natur kommt auch die Musik nur durch die 
Mischung des Entgegengesetzten zum Einklang. Denn sie mischt 
hohe und tiefe, lange und kurze Töne in den verschiedenen 
Stimmen und bringt dadurch die einheitliche Harmonie zustande. 
Die Malerei mischt gegensätzHche Farben und ahmt so die Wirk- 5 
lichkeit nach. Die Grammatik mischt tönende und tonlose Laute 
und ihre ganze Kunst setzt sich aus ihnen zusammen.^ Auch die 
Heilkunst vereinigt Gut und Schlecht, Schmerz und Wohltat und 
stellt die ursprüngliche Gesundheit wieder her durch Schneiden 
und Brennen, Verbinden und Heilen.* Der Tuchscheer führt seinen 10 
Krempel auf und ab, krumm und grad, immer denselben Weg.^ 
Der Umsatz des Goldes gegen Waren und der Waren gegen 
Gold gleicht dem Umsatz, der wechselweise stattfindet zwischen 
dem Feuer und dem All, dem All und dem Feuer.^ Die Gegen- 
sätze der Welt bestimmen auch uns. Es ist immer ein und das- 15 
selbe, was in uns wohnt: Lebendes und Totes, Wachendes und 
Schlafendes, Jung und Alt. Wenn es umschlägt ist dieses jenes 
und jenes, wenn es wiederum umschlägt, dieses.^ 

Aber gleichwie die Goldgi^äber viel schaufeln, doch wenig 
linden,*^ ist die Einsicht auch des weisesten Menschen beschränkt, 20 
ja der Mensch ist seiner Natur nach einsichtslos.^ Mit dem, was 
er von sich selber hat, bleibt er Narr auf eigene Faust. Erst 
dadurch, daß ihn die alles dui'chwehende Luft mit der Welt ver- 
bindet und den Funken des göttlichen Feuers in ihm entfacht, 
nimmt er Teil an dem hohen Wissen des Logos. ^ Aber was nicht 25 
atmet, das ist tot und den Leichnam soll man eher wegwerfen, 
als Mist;-' denn nichts Göttliches ist mehr in ihm. 

Indem wir die Luft einatmen, besinnen wir uns. ^^ Im Schlafe 
vergessen wir die große, allen Wachenden gemeinsame Welt; 
denn jeder Schlummernde wendet sich an seine eigene. ^^ In ihrer 30 
ungetrübten Ruhe bilden die Träume das All nach und überschauen 
Vergangenlieit, Gegenwart und Zukunft. ^^ So sind die Schlafenden 
Arbeiter und Mitwirkende an den Weltereignissen. ^^ Ihre Sinnes- 
werkzeuge haben sich geschlossen, die Verbindung mit der Außen- 
welt ist abgebrochen, und nur noch mit dem regelmäßigen Atem- 35 

» fr 10. - 2 fr 58. — 3 fr 59. — * fr. 90. — » fr 88. — « fr 22. — 
' ApoU. V, Tyana ep. 18 DFV p 65 n 16. — « Sext. adv. math. VII 133, 
134 DFV p 65 n 16. — « fr 96. — »« Sext. adv. math. VII 129. — »^ fr 89. 
''' DFV p 65 n 20. — *3 fj. 75, 

4* 



52 Studien zur antiken Ealtnr. 



zug wurzeln sie in ihrer Umgebung. Sobald sich aber die Tore 
der Sinneswerkzeuge wieder öffnen, beginnt der glimmende, vom 
großen Urfeuer abgetrennte Funke wieder zu glühen, wie ja auch 
die Kohle, die unter der Asche last verlöscht ist, wenn man sie 
5 anbläst, neuerlich Feuer fängt. Durch die Öffnungen des Körpers^ 
strömt die Luft zur Seele, die jetzt, erwachend, dem All immer 
ähnlicher wird und die Erinnerung an die Umgebung erlangt.^ 
Die Sinneswerkzeuge sind wieder in Tätigkeit. Aber zur Einsicht 
genügt das noch nicht. Denn schlimme . Zeugen sind Augen und 

10 Ohren den Menschen, wenn sie Barbarenseelen haben. ^ Vielmehr 
muß man die eigene Seele erforschen,^ dem All im Inneren nach- 
spüren. Denn das Denken ist der größte Vorzug und die W^eis- 
heit besteht darin, die Wahrheit zu sagen und nach der Natur 
zu handeln, auf sie hinhörend.^ Nur hiedurch gelangt man zu 

15 einem sich immer mehrenden Wissen: denn der Seele ist der 
Logos eigen, der sich selbst mehrt,^ dessen Größe sie immer 
näher kommt; denn der Seele Grenzen kannst du nicht ausflnden^ 
und ob du jegliche Straße abschrittest: so tief erschließt sich ihr 
das All.« 

II. 

20 Das Verhältnis zwischen Pythagoras und HerakUt läßt sich 

seinen wichtigsten, über Reflexion und eigentliche Begriffe hinaus- 
gehenden, emotionalen Voraussetzungen nach an zwei Kunst- 
richtungen jener Zeit, mit denen jeder dieser Philosophen nahe 
verknüpft erscheint, erörtern. 

25 Mnesarchos, der Vater des Pythagoras, war Gemmenschneider 

in Samos. Er gehörte einer großen, weitberühmten Künstlerfamilie 
an, deren Gründer, ähnlich wie der Altmeister der magnesischea 
Kunstschule Bathykles hieß, sich prunkend als Telekles bezeich- 
nete.^ Der Sohn des Telekles, Theodoros, schuf den Ring des 

30 Polykrates,^ mit dem der große Tyrann sein Herrschaftszeichen 
der See aufdrücken wollte, — der Tyrann, um dessen willen 
Pythagoras seine Vaterstadt verließ. Aber die künstlerischen 
Überlieferungen seines Geschlechtes hatte Pythagoras damals schon 
in sich aufgenommen und zur Philosophie fortgeführt. Es gab in 

* Sext. adv. math. VII 129 DFV p 65 n 16. — « fr. 107. — » fr. 101 
- * fr. 112. — «^ fr. 115. — « fr. 45. — ^ W. Klein, Bathykles (archäol 
epigr. Mitteilungen aus Österr.-Ung. 1885) p 178. — ® ibid. p. 191. 



Stadien zur antiken Enltnr. 53 



♦der Familie eine Schrift, welche bald dem Theodoros, bald wieder, 
mit größerer Wahrscheinlichkeit, dem Philaios, einem Künstler 
desselben Kreises, zugeschrieben wurde und welche den Titel 
,5 Tempelbau** ^ trug. Philaios^ hat allem Anschein nach den Tempel 
der Athene in Priene gebaut und in jener Schrift seine Pläne, 5 
seine künstlerischen Prinzipien, seine Kenntnisse und vor allem 
seine architektonischen Maßerfahrungen niedergelegt. „Von Maß 
und Zahl, von Harmonie und Ordnung ist hier die Rede gewesen 
und von manch Anderem, was an die Lehre, ja sogar an den 
Lehrsatz des Pythagoras angeklungen haben mag".^ Wir wissen, 10 
daß bei solchen Tempelbauten vor allem auch Zahlen in symbo- 
lischer Bedeutung von Alters her in Betracht kommen, insbesondere 
für die Heiligtümer des Apollon die Siebenzahl, welche sich in 
den Stufen, in den Säulen, den Verzierungen und bildlichen Aus- 
schmückungen als einheitliches, stilistisches Motiv wiederholt.^ Die 15 
letzten Gründe der- Bevorzugung der Füntzahl bei Pherekydes 
und Pythagoras können wir daher auch nur wieder in einem auf 
eine andere Gottheit bezogenen Kult suchen. Unter allen Um- 
ständen aber sind künstlerische Voraussetzungen der Boden ge- 
wesen, auf welchem die Philosophie des Pythagoras erstand, sie 20 
selbst ein architektonisch angelegter, architektonisch-symmetrisch 
durchgeführter Monumentalbau. 

Der samischen Künstlerschule stand die von Magnesia ge- 
genüber. An ihrer Spitze wirkte Bathykles,'^ dessen Werke mit 
der alten Jonischen Kunst- und Natur-Auffassung innig zusam- 25 
raenhingen und in ihrer Art auch wieder Philosophie zeitigen 
konnten. Von den Werken des Bathykles wissen wir mehr. Der 
Thron des amykläischen Apollon mit seinem siebenfachen Gestühle, 
in welchem der Gott mit dem Bogen in der Linken und dem Speer in 
der Rechten stand, umgeben von symbolischen Darstellungen des 30 
ganzen Weltkreises, läßt die große, durch das Werk sich funda- 
mental hindurchziehende Dreiheit erkennen, hinter welcher die äußer- 
lich gewahrte Siebenzahl zurücktritt. Er führt uns die Dreizahl der 
kosmischen Mächte, Erde, Meer, Himmel vor Augen.^ Was der 

' ibid. p. 178 f. — « ibid. p 179 ff. — » ibid. p 178. — * Röscher, 
Die Sieben- nnd Neunzahl in Kult und Mythen der Griechen, Leipzig 1904 
iBd. XXIV Nr. 1 der Abhh. d. philol.-hist. Kl. d. kgl. sächs. Ges. d. Wissensch.) 
p 4 ff. — «^ Klein, Bathykles p 173 ff. — « Klein, Bathykles p 148 ff cf 
p 166 f. 



54 Studien zur antiken Kultnr. 

Künstler des Achillesschildes real in der Art einer Landkarte zu 
leisten versucht, wird hier ins Symbolische übertragen auf einer 
höheren Stufe wieder in Angriff genommen und weit hinausgeführt 
über die unbeholfenen Darstellungen auf dem Kultbüde von Phi- 
5 galia oder den Schildzeichen von Vettersfelde. — Magnesia w^ar 
zu dieser Zeit in der Gewalt der Ephesier, die in ihren Kunst- 
anschauungen sich an den Leistungen der hörigen Stadt bereichern 
konnten. Die Dreizahl des Heraklit scheint auf eine solche Be- 
einflussung hinzuweisen. Sie bedeutet ein Zurückgehen auf ur- 

10 sprüngliche altjonische Einfachheit, welcher die übeiwuchemden 
Ranken pythagoräischer Beziehungen immer fremder wurden. 
Aber wie die Kunst des Bathykles über den altertümlichen kyp- 
rischen Mantel des salamischen Meisters Arkesas, in dem hernach 
noch Alexander seine Weltherrschaft erkämpfte, hinaus den Ge- 

15 danken der Dreiheit im Kosmischen zu komplizierter künstlerischer 
Wirkung in siebenzahligen Bilderzyklen fortzuführen suchte, be- 
nützt auch Heraklit die pythagoräische Weisheit nur als Vorstufe 
zu seinem System, in welches alle Glieder der pythagorischen 
Fünfergruppen eingingen, jedoch nach dem Stilprinzip der Dreiheit 

20 neu eingegüedert wurden. In der Gegenüberstellung von Gott und 
Mensch, Himmel und Erde, oben und unten und in den natur- 
philosophisch erschlossenen Bindegliedern als .Drittem liegt ein 
der altjonischen Kunst von Magnesia und Ephesos ähnlicher Stil. 
Die innere Verwandtschaft zwischen der jonisch-samischen 

25 Kunst jener Zeit und der Philosophie hat auch in bedeutungsvollen 
Sagen ihren Ausdruck gefunden. Die Erzählung von den sieben 
Weisen, in deren Liste allerdings Pythagoras allem Anschein nach 
erst spät, Heraklit als Jüngerer überhaupt nie Aufnahme fand% 
hat in einer ihrer Versionen den Bathykles von Magnesia dem 

30 König Kroisos einen Becher für den Weisesten der Hellenen ver- 
fertigen lassen.^ In der Sage spricht sich das Gefühl einer 
Wahrheit aus: die großen Weisen Griechenlands, Blas vonPriene, 
von dem hier mehr die Rede ist als von den Anderen,'^ der Samier 
Pythagoras und der Ephesier Heraklit haben aus dem goldenen 

85 Becher altjonischer Künstler apollinische Weisheit getrunken. 

Der Sage steht aber auch noch in anderer Hinsicht Wirk- 
lichkeit gegenüber. Die Philosophen sind nicht nur von den 

» Diog. L. I, 28 DFV p 5, 2. — Mr 39. 



Studien znr antiken Kultur. 55 



Künstlern in ihrer Weltanschauung mit bestimmt worden: sie 
haben auch selbst über Kunst und das, was damals als Handwerk 
vom Geistigen weder formell, noch der Sache nach gesondert war, 
nämlich über Technik und Kunstfertigkeiten, nachgedacht. Pytha- 
goras blieb hierbei in den Grenzen der Schrift vom „Tempelbau". 5 
Auch Maßstäbe, Gewichte, Zeitrechnung und Opferbrauch gehören 
zu den Kunstfertigkeiten jener Periode, und wer darüber spricht, 
daß es kein Volk gibt, welches nicht den Zehner seinem Zahlen- 
system zu Grunde legte, ^ vergleicht die Kunstfertigkeiten der 
Völker, das was der Mensch aus sich selbst heraus kann und 10 
leistet, die Spiegelung seiner Subjektivität in der Umgebung. Das 
wird für ihn der erste Begriff der Bedingtheit des Menschlichen. 
Alles Subjektive kann er sich nur denken, sofern es Werkzeug 
ist. So lang man an eine absolute Wahrheit glaubt, spricht man 
von einem Organen, dessen Gebrauch zu ihr führt, — von einem 15 
Organen, das doch selbst, indem es auf Formen und Verhältnisse 
des Denkens eingeht, schon über sich hinweg zur reinen Rela- 
zionentheorie deutet. Und so lange man in eine objektive Welt 
ohne Zweifel hineinblickt, stellen sich auch die Sinne als Werk- 
zeuge dar, die in der Hand des kundigen Meisters zu seinen 20 
höchsten Gedanken emporführen. Damit sind wir bei Hippasos 
von Metapont, dem Schüler des Pythagoras und dem Verräter 
seiner geheimsten Lehren^ angelangt. Hippasos dachte wie in 
vielen wesentlichen Punkten auch darin dem Heraklit voraus, daß 
er die Sinne als Werkzeuge, die Sehstrahlen, welche aus dem 25 
Auge hervordringen, als eine Art Hände aufgefaßt zu haben 
scheint.^ 

Wir stehen hier inmitten eines Problemenkreises, auf den 
sich offenbar auch eine gelegentliche Äußerung des Xenophanes 
bezog, der in seine Vielwisserei auch pythagorische Anregungen 30 
aufgenommen haben wird. Nicht die Götter, sagte Xenophanes, 
haben den Menschen die Anfänge der Kultur gezeigt, sondern 
die Menschen selbst haben mit der Zeit durch Suchen das Bessere 
gefunden.^ Damit ist der Mensch als unabhängig von der göttlichen 
Weltordnung, als frei wirkend und schaffend gedacht. Aber nicht 35 
Meinung, Übereinkunft oder sonst ein Wort abschwächender 

* cf S. 15, Z. 23. - « DFV p 34 n 4. - » Aet. IV 13, 9. 10 DFV p 
116 n 48. — * Xenophanes fr 18 DFV p 54. 



56 Stadien znr antiken Enltur. 



Sophistik der Späteren träfe zu, wenn man dieses erste Aufleuchten 
des Subjektiven, des Problemes Mensch, kennzeichnen wollte, 
sondern die Auffassung vom Menschen als von dem Schaffenden 
und Wirkenden ist das Wichtige an den Worten des Xenophanes. 
5 Der erste Schritt vom Objektiven zum Subjektiven bestimmt sich 
hier nicht durch irgendeine Meinung über Sein und Schein, wie 
derlei die jonischen Naturphilosophen bei ihren ersten Schritten 
als echte Männer der Wissenschaft mit dem Volksempfinden in 
ausgesprochenen Gegensatz brachte, sondern allgemeiner durch 

10 die Beziehung der Philosophen zur Kunst. 

Nur ein Teil dessen, was die Alten unter dem Worte Kunst 
oder Fertigkeit verstanden, steht zu dem Probleme der Wirküchkeit 
in unmittelbarer Beziehung, nämlich gerade jener, der dem heutigen 
Begriffe Kunst als Ausdrucksmittel für die kompüzierteste Sub- 

15 jektivität des Menschen entspricht. Dieser moderne Kunstbegrift 
will nicht Darstellung des Wirkhchen, Verdoppelung der Natur, 
sondern er ist durchsetzt von. der Antithese „Schein" und „Sein", 
weil er sich auf die Bereicherung eines begrifflich fixierten Aus- 
druckssystems durch passend eingeschaltete Wirklichkeiten bezieht. 

20 So sind die primitiven Darstellungen und Pläne von Gegenden 
ein unter Anlehnung an erfaßte Qualitäten der Wirklichkeit aus- 
gestaltetes und daher nur dem Kundigen verständliches Ausdrucks- 
system. In die Landkarten gehen Kreise als Zeichen für feste, 
mit ringförmigen Mauern umgebene Plätze, Bergprofile als Zeichen 

25 für stereographische Verhältnisse, Bäume als Zeichen für die 
Bewaldung ein und bei fortgeschrittener Technik finden wir in 
der Schraffierung eine zum Ausdruckssystem erhobene Schatten- 
gebung mit Abstufungen, welche an Gegenständen der Erfahrung 
nie wahrgenommen werden. Denkt man sich aber in primitiven 

30 Landschaften die Zeichnung weniger mit vereinbarten, also vom 
GegenständUchen abweichenden, symbolischen Zeichen und mehr 
mit nachahmenden, der Wirklichkeit wieder angenäherten, an- 
schaulichen Elementen ausgefüllt, so kommt man zum künstlerischen 
Begriff der Landschaftsmalerei. Auf sehr verschiedene Weisen 

35 wird in beiden Fällen die Wirklichkeit dargestellt. Das eine Mal 
durch Symbole, welche überall dort, wo sie wegen der ihnen zu- 
grunde liegenden Begriffe selbständige Lebensfähigkeit besitzen, 
ein Anknüpfen von Theorie und damit ein ausgesprochenes Be- 
streben bekunden, die durch sie erreichte Darstellung als „Wahrheit" 



Studien zur antiken Kultur. 57 

dem Scheine der Sinneswahrnehmung gegenüber zu stellen und 
^Iso zur Theorie des betreffenden Tatsachengebietes fortzuschreiten ; 
das andere Mal durch Nachahmung der Wirklichkeit, so daß 
schließlich ein vollkommen bewußt erzeugter „Schein" der wirk- 
lichen Wirklichkeit gegenübersteht. So wie bei der ersten Dar- 5 
Stellung das Wahre noch immer auf den Füßen der Wirklichkeit 
steht, ist auch bei der zweiten Art das Wirkliche in Beziehung 
auf eine aus den Bildteilen sich zusammenschließende Bedeutung 
gedacht. Aber so wenig es der antiken Kunst gelang, eine eigent- 
liche Landschaftsmalerei zu schaffen, während schon in den Zeiten, 10 
von welchen hier die Rede ist, eine Darstellung wirklicher Lokal- 
verhältnisse durch Landkarten angebahnt war, so wenig ist in 
anderen Kunstgattungen eine vollständige Loslösung vom Prinzipe 
der Darstellung des Wahren zustande gekommen. Selbst der 
menschliche Körper, das geläufigste Motiv der darstellenden Künste, 15 
blieb damals und noch lange später ein theoretisch erschlossenes, 
der Anschauung bloß angenähertes Gebilde. 

Nur jener Teil menschlicher Betätigung also, die die Alten 
Kunst oder Fertigkeit nannten, bezieht sich auf „Sein" und 
„Schein", welcher mit Ausdruck und Darstellung zu tuen hat. 20 
Ein anderer, mit dem damals gebräuchlichen Worte fast noch 
fester verbundener führt abseits vom Ausdrucksproblem zum Hand- 
werk, zum praktischen Bedürfnis, zu den Mitteln, es zu befriedigen. 
Bei Heraklit sehen wir das Handwerk und die alltägliche mensch- 
liche Tätigkeit ebenfalls beachtet und untersucht. Die Analogie 25 
dieser Tätigkeiten mit dem Geschehen im Weltall wird ihm 
Problem. Wir haben nirgends ein Anzeichen dafür, daß er dieses 
Problem von dem des Ausdruckes irgendwie unterschied, während 
der Analogieschluß vom Makrokosmos auf den Mikrokosmos und 
wieder zurück, in beiden Fällen unterschiedslos angewandt, für 30 
die Konfundierung beider Seiten des antiken Kunstbegriffes spricht. 
Mithin mußte es für Heraklit eine gemeinsame Basis zur Be- 
handlung der beiden uns heute so verschieden dünkenden Pro- 
bleme geben. 

Um sie zu finden, müssen wir den Kern der Analogie 35 
zwischen Ausdruckssystem und Befriedigung eines Bedürfnisses 
zu finden trachten. Da ist denn zunächst klar : auch der Ausdruck 
ergibt sich aus einem Bedürfnis, welches nur eben in vielen Fällen 
nicht so überwiegend stark hervortritt, wie das praktische, der 



58 Studien zur antiken Enltar. 



„aktiven Anpassung an die Umgebung" gewidmete Bedürfnis, 
welches zu den menschlichen Fertigkeiten geführt hat. Aber -wie 
primär auch das AusdrucksbedQrfnis sein dürfte, wii*d schon klarer 
werden, wenn man einmal die Frage überdenkt, ob die zweck- 
5 mäßige Befriedigung praktischer Bedürfnisse in einer Gemeinschaft 
menschlicher Wesen durchführbar wäre, ohne daß ein Verkehr, also 
schon der Gebrauch eines Ausdrucksmittels, zwischen ihnen bestünde. 
Hiermit soll nicht die Priorität eines der beiden Bedürfnisse ten- 
tiert werden, sondern es soll aus der Fragestellung bloß hervor- 

10 gehen, daß beide Arten von Bedürfnissen anscheinend gleich be- 
deutungsvoll sind. 

Eine zweite Übereinstimmung, aus welcher sich sotort auch 
der wesentliche Unterschied beider Gebiete ergibt, wird darin zu 
sehen sein, daß auch die Befriedigung praktischer Bedürfnisse 

1 5 beim einfachsten wie bei dem entwickeltsten Handwerk Beziehungen 
zur Wirklichkeit besitzt. Auch das Eingreifen von Theorie und 
Symbolik läßt sieh Punkt für Punkt analog wie bei den Ausdrucks- 
systemen beschreiben, wenn man nur eben den in Aussicht gestellten 
wesentlichen Unterschied beachtet: daß nämlich Technik sich auf 

20 das Geschehen bezieht. Bei ihr kommt das Bewegte, Fortschrei- 
tende, gesetzmäßig Abfolgende, bei den Ausdruckssystemen das 
Beharrende, Momentane, in seiner Beziehung zur Stimmung des 
Einzelnen Erfaßte in Betracht. Nicht die Kunst, wohl aber die 
Technik ist bisher durch die großen Entdeckungen naturwissen- 

25 schaftlicher Gesetzmäßigkeiten gefördert worden. Daran ändert 
die rhythmische Bewegung der Musik und Verskunst eben so 
wenig wie die Statik in der Physik. Denn die eine ist nur Kunst 
in der Zeit, jedoch nicht um der Zeit willen; die andere nur 
Physik der Ruhe in Hinblick auf die Möglichkeiten künftigen 

30 Geschehens. 

Eine fernere Übereinstimmung zwischen Ausdruckssystem 
und Technik ergibt sich daraus, daß beide Zwecke haben und 
Mittel, 'um diese Zwecke zu erreichen. Bei den Ausdruckssystemen 
ist der Zweck die Bewerkstelligung des Ausdruckes und die 

35 Verständigung, bei der Technik die Herstellung des Kunstpro- 
duktes und die Befriedigung des Bedürfnisses, welches zur tech- 
nischen Betätigung trieb. Es ist nur ein Schein, daß der Ausdruck 
durch den Gedanken an die Existenz eines Nebenmenschen wesent- 
lich bestimmt sei, während die Technik bloß den Bedürfnissen 



Studien zur antiken Knltur. 59 

* _ 

des isolierten Individuums zu genügen hätte. In Wirklichkeit 
dient sie nicht nur zur Befriedigung des Handwerkers, sondern 
auch zu der seiner Kunden, und Selbstgespräch, Mienenspiel oder 
Schmerzensschrei des Einsamen rechnen oft sogar mit der Ab- 
wesenheit der Nebenmenschen. Sie sind im selben Sinne Ausdruck, 5 
in dem ein versprengter Gemsbock durch Technik Weideplätze findet. 

Endlich noch eine vierte und letzte Übereinstimmung. Aus- 
druckssystem und Technik bedürfen zur Erreichung ihres Zweckes 
gewisser Mittel, welche wir im einen Falle Ausdrucksmittel, im 
anderen Werkzeuge nennen. Eine Zange und der onomatopoetische 1 
Wert des S-Lautes, ein Lötrohr und der feierliche Eindruck des 
Violetten, ein Diamant zum Glasschneiden und eine Dissonanz: 
all das sind Mittel und Werkzeuge, zu erfassen, zu schrecken, 
zu schmelzen, zu erheben, zu schneiden, zu verstimmen. 

Ausdruckssystem und Technik sind also wirklich wesens- 15 
verwandt und, soweit wir überblicken konnten, bloß durch ihre 
Stellung zum Geschehen unterschieden. Was sie mit einander ver- 
knüpft, ist der Begriff des Werkzeuges. Aber er reicht sogar noch 
weiter. Es gibt nicht nur ein Ausdrucks-, sondern auch ein 
Betätigungs- und Wahrnehmungs-Bedürfnis. Wir wollen gehen: 20 
unser Werkzeug sind die Füße; wir wollen ein Werkzeug er- 
greifen : unser Werkzeug, das Werkzeug der Werkzeuge, sind die 
Hände; wir sprechen — mit der Zunge, kauen — mit den Zähnen; 
kurz wir übertragen den Begriff des Werkzeuges zunächst auf 
die in unserer Willkür gelegenen Körperteile, dann aber auch 25 
auf alle tätigen Organe überhaupt, ja wir nennen jeden Körper- 
teil schlechthin ein „Organ", weil wir überzeugt sind, daß er zu 
etwas taugen muß, daß er ein Bedürfnis des gesamten Organismus 
zu befriedigen habe. Wir verdauen — mit dem Magen, zucken — 
mit den Wimpern. Aber mit den Händen erfassen wir nicht bloß, 30 
sondern tasten auch, der fühllose Magen weiß uns von Hunger und 
Durst zu sagend Wenn alle Dinge zu Rauch würden, wäre das 
einzige Mittel, durch das wii* sie unterscheiden könnten, unsere 
Nase^. Die Blickbewegungen der Augen gleichen den Bewegungen 
der Hände^, wenn sie tasten und greifen. Überall ist es unsere 35 
Tätigkeit, durch die wir wahrnehmen, überall ist der Sinn das 
Werkzeug, mit dem wir hinhören, schnuppem, schmecken. Diese 

» cf S. 46, Z. 19. — Mr 7. — 3 DFV p 65 n 16. 



60 Studien zur antiken Kultur. 

große Erweiterung des Begriffes vollzieht der Hauptsache nach 
schon die Sprache. Aber erst der Philosoph bringt sie auf Be- 
griffe. Dazu muß ihm das Werkzeug zum Problem geworden 
sein. Heraklit hat dieses Problem seinem ganzen Umfang nach 

5 in Angriff genommen, wenn ihm auch freilich die Zusammenge- 
hörigkeit von Körperteil, Sinneswahmehmung, Sprache, Handwerk, 
Kunst nur selbstverständlich, nicht aber irgendwelchen Gründen 
nach klar war. 

Die theoretische Betrachtung der Handwerke scheint bei 

10 ihm selbst nicht weit über das hinausgegangen zu sein, was wii* 
aus seinen wenigen, dieses Thema betreffenden Äußerungen un- 
mittelbar ablesen können. Seine Schüler haben dem Handwerk 
eine zwar immer mehr in die Breite gehende, aber immer ober- 
flächlichere Aufmerksamkeit geschenkt. Wenigstens deutet die 

15 lange Liste ^ von Handwerken in unserem herakliteischen Pseudo- 
hippokrates nicht auf einen inneren Fortschritt. Bei den Sophisten 
flacht sich das Interesse für solche banausische Fragen schon 
vollends ab und nur der platonische Sokrates liebt es, die Hand- 
werke zur Verdeutlichung schwieriger Probleme heranzuziehen, 

20 ohne bis zu einer Reflexion über dieses Thema fortzuschreiten. 

Die ferneren Schicksale der in Heraklits Gedanken schon 
implizite gegebenen Kunsttheorie, welche eine Nachahmung der 
Natur behauptet, werden wir noch an anderer Stelle mitzuteilen 
haben. Nur das sei hier bemerkt, daß die künstlerische Nachahmung, 

25 von der Heraklit spricht, als ziellose, triebmäßige Wiederholung 

des Weltalls, nicht als gewollte zweckmäßige Tätigkeit gedacht war. 

Hinsichtlich der Übertragung des Werkzeugsbegriffes auf 

den menschlichen Körper stand Heraklit auf demselben Boden 

wie die Medizin seiner Zeit, welche, aus der Schule des Pythagoras 

30 hervorgegangen, im Kopfe des Alkmaion von Kroton zu einem 
großen Systeme emporwuchs und bis zur Frage nach dem Werk- 
zeug des Denkens fortschritt. 

In der Philosophie des Heraklit selbst aber stehen das Pro- 
blem der Sinneswahmehmung und das der Sprache im Zentrum. 

35 Die Sinneswahrnehmung dachte er sich als Tätigkeit der 

Seele, welche das von Außen Nahende^ ergreift, welche durch die 
Öffhungen*^ des Körpers, das Loch der Pupille, die Nasenlöcher, 

* DFV p. 87 f. — « cf S. 41, Z. 24. — ^ Dpy p 64 n 16 (§ 129). 



Studien zur antiken Knltnr. 61 



den Gehörgang, den Mund, nach Außen hervortritt, Sehstrahlen 
entsendet, die Hände beim Tasten an die richtige Stelle des Gegen- 
standes bewegt, bei ihrem Wege nach Außen auf das Objekt 
trifft und ins Innere zurückkehrend die Wahrnehmung vermittelt. 
Wir sind nicht genötigt, diese Ansichten des Heraklit aus den 5 
Nachrichten der Späteren zu erschließen, weil sie zum Teil schon 
vor ihm geradezu volkstümlich, nur noch nicht systematisch ge- 
gliedert waren. Insbesondere für das Sehen war die Vorstellung 
von Sehstrahlen, welche vom Auge zum Gegenstande streben und 
von diesem abprallend wieder ins Auge mit ihrer Botschaft zu- lO 
rückkehren, schon in den Redeweisen vom flammenden Blick und 
in ähnlichen Metaphern vorgebildet. Und eine periodische Bewe- 
gung von Innen nach Außen und von Außen nach Innen ist auch 
das dem Heraklit so wichtige, die Seele mit dem Logos verbindende 
Atmen. Beim Ausatmen tritt die Seele aus dem Munde hervor, 15 
bedürftig nach der Berührung mit dem All, beim Einatmen kehrt 
sie bereichert und kenntnisspendend zurück.* 

Gerade aber durch den Gedanken, daß der Logos von Außen 
in den Menschen dringt, der ihn von Innen her erfaßt, ergab sich 
die damals naheliegende, für uns heute vielleicht durch die vor- 20 
angeschickten Erörterungen bloß nur noch einigermaßen verständ- 
liche Sprachtheorie des Heraklit. Auch die Sprache ist etwas 
Sinnliches, ein Hineinleuchten des großen Logos in den Menschen. 
Mit dem Atem zugleich dringt der Logos in den Mund ein, mit 
der Zunge erfassen wir ihn, mit ihr bringen wir ihn auch wieder 25 
selbsttätig hervor. So war für Heraklit die Theorie der Wahr- 
nehmung gleichzeitig Theorie der Sprache, die Sprache ebenso 
ein Ausdruck des Wesens der Dinge, wie die Sinnenwahrnehmung : 
Spiegelung und Nachahmung des Makrokosmos im Mikrokosmos. 

Wenn wir von diesen Erwägungen her an das herantreten, 30 
was uns von Heraklit an Gedanken über die Sprache erhalten 
ist, fügen sich die sonst hoffnungslosen Trümmer zu einem einfachen, 
jedoch in seiner Altertümlichkeit fremdartigen Gebäude zusammen. 
Wir verstehen zunächst die durch die Unterscheidung der wahren 
Götternamen und der menschlichen Bezeichnungen bei Pherekydes'-^ 35 
und durch die Gedanken des Pythagoras^ bekräftigte Tendenz, 
die Bedeutung der Namen zu erfassen, um des Wesens der Dinge 

' cf S. 51, Z. 28. — 2 DFV p 506, 36. — ^ cf S. 28, Z. 32. 



62 Stadien zur antiken Kultur. 



habhaft zu werden. Der Grundgedanke ist der nämliche, welcher 
alle Zaubersprüche und Beschwörungsformehl trägt, die durch die 
Macht geheimer, das wahre Wesen der Götter und kosmischen 
Gewalten enthaltender Namen sich das Naturgeschehen unterwerfen 
5 wollen. Jedoch sind wir nicht darauf angewiesen, für Heraklit 
diese Ähnlichkeit nur zu behaupten : wir können sie an den sechs 
Zauberworten im Tempel der Diana von Bphesos, zu denen 
Herakht in nahen Beziehungen steht, erhärten. 

Im Tempel der ephesischen Artemis^ befanden sich, ähnlich 

10 den Sprüchen der sieben Weisen in Delphi, sechs tiefsinnige 
Zauberworte zu einem Hexameter* aneinander gereiht. Der Ur- 
sprung dieses alten Verses wurde dem sagenhaften Geschlechte 
der idäischen Daktylen zugeschrieben. Die Form des sechsfüßigen 
Hexameters und die Sechszahl der Worte, deuten auf die der 

15 Artemis heilige Dreizahl, welche auch im System des Heraklit waltet. 
Aber wichtiger ist der Inhalt. Die Zauberworte sind altertümliche, 
fremdartig klingende, symbolische Bezeichnungen der gemeinten 
Gewalten. Wahrheit, Allbezwinger, Vierheit, Erde, Schattenlos, 
Beschattet: das sind die sechs Rätsel von Ephesos.^ Der AUbe- 

20 Zwinger ist die Sonne, die Vierheit das in den Jahreszeiten sich 
vollendende Jahr, Schattenlos ist die Nacht, weil in ihr alles Schatten 
ist, Beschattet der Tag, weil er licht ist. Der ganze Vers ist ein 
Dokument für die Einführung des babylonischen Sonnenjahres an 
Stelle des den Griechen bis dahin bekannten Mondjahres. Sein Sinn 

25 dürfte sich in schlichten Worten darauf beschränken : Wahrheit ist's, 
daß die Sonne im Laufe der vier Jahreszeiten das Jahr vollendet, 
indem sie auf der Erde den Wechsel von Nacht und Tag hervor- 
ruft. Wir erinnern uns sofort an Heraklit, bei dem die Sonne als 
Wächterin des Jahreslaufes die Veränderungen zum Vorschein 

30 bringt und die Hören, die alles bringen.** Den Namen der Hören 
deutet er als „Trennende". Aber wichtiger als diese inhaltliche 
Berührung ist die in den Namen Schattenlos und Beschattet zum 
Ausdruck kommende Etymologie des lucus a non lucendo, welche 
gerade für Heraklit typisch ist. In ihr sah er das Wesen der Welt 

35 und das Epigramm im Tempel wurde ihm zu göttlicher Weisheit. 

* Eustath. in Hom. T 247 p 1864,12, — « Röscher, Weiteres über die 
Bedeutung des E zu Delphi und die übrigen yQdfjifiaia SeÄtpixä. Philologus 
LX (1901) p 81 ff. — 8 Clem. Alex. Strom. V p 568 Sjlb; Hesych. s. t. 
i(piaia yQctfifiata, — * fr 100 cf fr 67. 



Studien zur antiken Kultur. 68 



So wenig das Etymologisieren des Heraklit auf den ersten 
Blick an feste Regeln sich zu binden scheint, so sehr müssen wir 
bei dem nunmehr wahrscheinlich sakralen Ursprung dieses Ver- 
fahrens das Hereinleuchten einer gewissen Methode erwarten. 
Die Deutung der Hören als Trennende wird auch im Kratylos 5 
des Piaton wiederholt. Dort findet sich mit ihr in nahem Zu- 
sammenhang die Etymologie des Wortes Jahr.*» Sie wird analog 
der Etymologie des Wortes Zeus durchgeführt und es ist nicht 
unwahrscheinlich, daß, wie auch an anderer Stelle, ebenfalls hier 
die Ansicht des Heraklit selbst uns überliefert ist. Genau so 10 
wie der Name des obersten Gottes in zwei Formen gebräuchlich 
ist, gibt es auch zwei gleich gebräuchliche Namen, welche den 
Begiiff Jahr bezeichnen. Und ebenso wie erst aus der Etymo- 
logie beider Namen für Zeus die vollständige Bedeutung der 
Gottheit sich uns erschließt, weil jeder nur die Hälfte seines 15 
Wesens offenbart, muß man auch die beiden Worte für das Jahi- 
zusammen betrachten, um zu wissen, was es ist. Erst so kommt 
man dazu, zu erkennen, daß das Jahr das in sich selbst Zurück- 
kehrende ist. Der der Interpretation zu Grunde liegende Ge- 
danke, Jahr und Zeit sei dem Kreise gleich in sich geschlossen, 20 
verweist ebenfalls auf Heraklit. Jedoch noch wichtiger ist die 
in beiden Etymologien analog angewandte Methode. Sie zielt 
darauf ab, das, was der Sprachgebrauch zerrissen hat, wieder 
herzustellen, den wahren, ursprünglichen und zaubermächtigen, 
wesenerschließenden Namen zurückzuerobern. 25 

Man sieht, daß dieses Verfahren auch die Möglichkeit an- 
deutete, das Bestehen mehrerer Namen für dasselbe Ding zu erklären 
und das, was sonst Einwand wäre, für die Hypothese von der 
Sinnenfälligkeit der Worte zu benützen. In vielen anderen 
Fällen allerdings hat sich Heraklit nicht an solche symmetrische 30 
Etymologien gehalten, sondern bloß dort Gleichklänge verfolgt, 
wo sich symbolisch bedeutsame Zusammenhänge herstellen ließen. 
Aber man verachte weder Heraklits Prinzip, noch seine gelegent- 
liche Prinzipienlosigkeit. In beiden offenbaren sich alle Methoden, 
welche auch heute noch verwendet werden und unser Wissen groß 35 
gemacht haben. 

Auch heute pflegen wir nicht selten die Etymologie der 
Worte an die Spitze zu stellen. Die Frage, ob die so erschlossene 

' Piaton, Krat. 410 C ff. 



64 Studien znr antiken Kultur. 



wahre Bedeutung der Worte mit den gebräuchlichen oder zu 
bestimmten Zwecken vorgeschlagenen Bedeutungen in Überein- 
stimmung gebracht werden kann, oder ob das Wort nicht miß- 
bi-aucht werde, ist von großem logischen und oft auch von sach- 
5 lichem Interesse. Ein Terminus fördert die Wissenschaft oft mehr 
als eine neue Hypothese, wenn er nur „sacUich" ist. Und noch 
von einer anderen» Seite her mtlssen wir Heraklit recht beurteilen. 
Wir unterscheiden zwar Ableitungis- und Stammsilben, kennen 
Regeln für die Zusammensetzung von Worten und Gesetze für 

10 den Wandel der Laute, aber Gesetze des Bedeutungswandels 
haben wir noch immer nicht und die heutige Sprachwissenschaft 
ist in dieser Hinsicht so hilflos wie die alte. Schließlich mag 
noch beachtet werden, daß Heraklit nicht die Gesetze der Sprache, 
sondern in der wahren Bedeutung der Worte das Wesen der Dinge 

15 finden wollte. Auch dieser Gedanke hat seine moderaen Parallelen. 
Daß sich in der Sprache das Wesen unseres Geistes, vornehmlich 
der menschlichen Vernunft offenbare, ist auch in neuerer Zeit 
wiederholt behauptet worden, wobei man das auf das Denken 
anwendet, was Heraklit auf die Natur anwenden wollte. Daß aber 

20 die naiven Methoden Heraklits dennoch vielfach Bedeutendes 
zeitigen konnten, wird ähnlich zu erklären sein wie der heuiistische 
Wert der pythagoilschen Zahlenmystik. Auch mit den zur sinnigen 
Deutung anregenden Lautkomplexen der Sprache ist eine Fülle 
von sonst schwer analysierbaren Erfahrungen innig assoziativ ver- 

25 bunden. 

Die blendende Neuheit, die sprachliche Kraft und die inhalt- 
liche Tiefe der Sentenzen des Heraklit beruht nicht zuletzt auf 
der Berücksichtigung dieses sprachlichen Erfahrungsschatzes. So 
erklärt sich auch der eigentümliche, auf den ersten Blick rein 

30 individuell aussehende Stil, der sich bei genauerem Zusehen ganz 
in den Strogen, durch Heraklits Philosophie vorgezeichneten Bahnen 
bewegt. Heraklit bemühte sich nicht nur, zu zeigen, daß manche 
Worte nach dem Prinzip der Identität der Realrepugnanzen durch 
den Gegensatz auf das Wesen deuten, wie der Bogen, dessen 

35 Name Leben, dessen Werk aber Tod ist, oder die Notwendigkeit^ 
welche die täglich Beharrende heißt, weil sie ewig wirkt, sondern 
er erhob die Antithese zu einem Stilprinzip. Sollten seine Sätze 
wahr sein und das Wesen der Welt zum Ausdruck bringen, so 
mußten sie selber wie die Natur aus gegenstrebigen Gedanken 



Stadien zur antiken Kultur. 65 



zur Einheit emporführen. Auch das, was Aristoteles! als stilistische 
Unart rügt, nämlich die Methode, so zu konstruieren, daß man 
bei gewissen Worten schwankt, wohin man sie zu beziehen hat, 
läßt das Bestreben erkennen, die Vereinigung der Gegendätze im 
Dritten und die Natur, welche es liebt, sich zu verstecken,^ nach- 5 
zuahmen. Der Stil des Heraklit ist nicht Natur, sondern nach- 
geahmte Natur, also 'Kunst — und nicht Kunst im gewöhnlichen 
Sinn des Wortes, sondern philosophisch durchdachte Ausdrucks- 
technik, sein Stil ist selbst in gewissem Sinn Terminologie. 

Schlange man Heraklit aus ganz dunkeln Annahmen unbe- 10 
kannter mystischer Beeinflussungen, ja gewissermaßen aus dem 
Begriffe der Mystik selbst heraus zu verstehen trachtete und ihn 
mit unverhältnismäßig großen intuitiven und spekulativen Fähig- 
keiten ausstattete, konnte man seinem Logosbegriff ebensowenig 
gerecht werden, wie seiner Theorie der Sinneswahrnehmung oder 15 
seiner Sprachtheorie. Die grundlegende Erwägung, welche uns 
hier dazu führte, alle diese bei ihm angedeuteten und behandelten 
Gebiete unter einem Gesichtspunkt darzustellen, ging dahin, daß 
Heraklit die Sprache ebenso als sinnlich wahrnehmbare Eigenschaft 
der Dinge auffaßte, wie etwa Farbe, Größe, Geruch u. s. w. 20 
Sie folgte für uns aus ganz allgemeinen Betrachtungen und wäre 
schon dadurch gerechtfertigt, daß sie das bisher noch nicht Ver- 
standene uns begreiflich machen konnte. Aber diese „Ansicht 
ist so konsequent und so subtil, sie trägt so sein* den Charakter 
materieller Mystik und verrückter Klarheit", gegen sie spricht 25 
schon „a priori so viel", daß ihre Mitteilung in trüben, vom 
platonischen Kratylos und Theaität abhängigen Quellen bisher 
genügte, sie einer viel jüngeren Zeit zuzuschreiben, in „welcher 
bereits alle möglichen Wege der Auffassung erschöpft waren." 
In der Tat, die erwähnten Quellen sind trübe und jung: aber 30 
eine andere, nqch bis in die platonische Zeit hinaufreichende Quelle, 
unser herakliteischer Pseudohippokrates, enthält eine Aufzählung 
von sieben Sinnen. Mit dem Gehör nehmen wir den Schall wahr, 
mit dem Auge das Sichtbare, mit der Nase den Geruch, mit der 
Zunge Lust und Ekel, mit dem Munde die Rede, mit dem 35 
Körper die Berührung, mit den Öffnungen nach innen und außen 
die warme und kalte Luft.^ Ob nun diese Stelle unmittelbar von 

' Arist. Rhet. in, 5 1407 b 11 DFV p 62 n 4. — ^ fr 123. — ^ DFV 

p 88, 21. 

5 



66 Studien zur antiken Kultur. 



einem Herakliteer stammt, oder ob über sie die Feder eines Kompi- 
lators hinweggeackert hat : daß sie im vierten Jahrhundert v. Chr. 
schon niedergeschrieben war, steht fest und es folgt daraus, daß 
auch damals schon die Theorie der Spmche, welche wir Heraklit 
5 zuschreiben mußten, im Umlauf gewesen ist. 

Nicht alle „verrückte Klarheit" enthebt uns der Verpflichtung, 
über sie nachzudenken, namentlich dann nicht, wenn sie mit einem 
Philosophen in Zusammenhang steht, der doch nicht immer nur 
lauter Unsinn schreiben wollte. Nicht Heraklit, sondern unser 

10 Standpunkt ist verrückt, aber wieder nicht veischroben, sondern 
verschoben. Heraklits Ansicht aber über Sinn und Sprache erinnert 
mich in ihrer altertümlichen Premdartigkeit an die plastischen 
Erzeugnisse archaischer Kunst, die beim ersten Anblick zum 
Lachen reizen, bei genauer Betrachtung aber langsam die Fülle 

15 ihres Kunstwertes erschließen. Heraklit selbst hat dieses Weihe- 
geschenk im Tempel der ephesischen Artemis niedergelegt.^ 



III. 

Die Lehre von der Sinnenwahrnehmung, von der Sprache, 
und vom Erkennen Ijei Heraklit stützt sich auf zwei wichtige, 
über diese Themen hinaus zu einem allgemeinen, die Welt um- 

20 fassenden System fortführende Gedanken. Heraklit betrachtet 
das All wie seine Vorgänger Pythagoras und Anaximander unter 
dem Gesichtspunkt des Analogieschlusses vom Großen auf das 
Kleine, von formell abgeschlossenen Systemen auf andere ähnliche 
Systeme, vom Makrokosmos auf den Mikrokosmos und umgekehrt, 

25 so daß ihm Erkennen und Wissen nur Wiederschein des Logos 
im Menschen ist. Das zweite Fundament seiner Philosophie bildet 
sein Interesse am Werden und Geschehen, die Betrachtung des 
Menschen als eines Wesens, welches dieses Geschehen in allem 
seinem Tuen und Lassen nachahmt. 

30 Während der große Analogiesclüuß schon vorher, wie es 

scheint, von allen uns bekannten Philosophen geübt wurde, ist 
die Reflexion auf die menschliche Betätigung ausschließliches Ge- 
dankeneigentum des Heraklit. Sie gestattete ihm, ein neues, noch 
nicht beachtetes Erfahrungsgebiet der Philosophie zu erschließen: 

» Diog. L. IX, 6 DFV p 59, 21. 



Studien zur antiken Kultur. 61 



die Gesamtheit der subjektiv-menschlichen Betätigungen. Daraus 
erklärt sich auch, daß die Philosophie des Heraklit ein immer- 
hin subjektivistischeres Gepräge trägt als die seiner Vorgänger, 
ja daß in ihr überhaupt so viel Persönliches zum Ausdruck ge- 
langen konnte. Daß dieses subjektive Moment nicht bis zu einer 5 
genetischen Weltbetrachtung ausreifte, ergab sich, wie man dies 
gewöhnlich zu sagen pflegt, teils aus dem Charakter des System- 
begründers, teils, und wohl noch mehr, aus der eigentümlichen 
Perspektive des Altertumes. Aber so wenig das Hereinspielen 
der Persönlichkeit Heraklits schon zur Erklärung seiner Philo- 10 
8ophie ausreichen kann, so sehr müssen wir auch den Begriff 
von der Perspektive des Altertums durch passende Analyse auf- 
zulösen suchen, um das wirklich Vorliegende seinen Motiven 
nach zu begreifen. Es scheint, daß diese Perspektive nicht eine 
einfach hinzunehmende Eigenart der Auffassung, sondern vielmehr 15 
das Ergebnis der Gedankenketten ist, welche die Vorgänger des 
Heraklit bei aller Primitivität ihres Denkens eben schon durch- 
laufen hatten und die damals noch in frischem Angedenken 
standen. Eine genetische Weltauffassung war den Griechen un- 
zugänglich, weil die logischen Konsequenzen derselben schon 20 
von ihren frühesten Denkern vorhergesehen und im gewissen 
Sinne auch überwunden waren. 

So fragt es sich denn direkt, ob Heraklit den Fluß der 
Dinge überhaupt als ausschließliche Grundansicht aufstellen konnte. 
Eben ein Blick auf die spekulativen Leistungen seiner Vorgänger 25 
läßt dies ganz unmöglich erscheinen. Schon Anaximander hat, 
allem Anschein nach auf Grund methodologischer Betrachtungen 
über die Größe und das Unendliche, von einer foitwährenden 
Wiederholung der Weltentstehung und des Weltunterganges bei 
unendlich vielen zeitlich und räumlich gleich weit von einander 30 
abstehenden Welten gesprochen, ^ schon Anaximander hat das Feuer 
die Materie, aus der die Welt entstanden ist, verzehren lassen und 
den Begriff des Frevels auf das Kosmische übertragen. ^ Die 
pythagorische Lehre bot für das Zurückkehren der Mikrokosmen 
in den Makrokosmos analoge Gedanken und Männer wie Petron^ 35 
verloren sich so weit in Sjonbolik und unergründlich grundlose 
Mystik, daß sie unbewiesen und unbeweisbar den wunderbaren 

* DFV p 19 n 17. — « DFV p 20 n 30. — ^ DFV p 33 (cap. 6). 

5* 



68 Studien zur antiken Kultur. 



Satz gebaren, es gebe genau 183 Welten, die zu einem großen 
gleichseitigen Dreieck mit je 60 Welten in jeder Seite und je 
einer an den Ecken angeordnet einander berühren und in rhyth- 
mischer Bewegung einen ewigen Reigentanz aufführen. Wer 
5 immer dem Problem des Wandels gegenübertrat und außer Ent- 
stehen und Vergehen auch noch ein Beharrendes erschaute, dem 
mußte sich die Form als Ewiges vom Vergänglichen abheben. 
Heraklit selbst sagte vom Weltall: sich wandelnd ruht es. ^ Die 
Lehre vom Ringe der Wiederkunft bringt den Gedanken in ein 

10 anschauliches Bild. Schon dadurch, daß Heraklit tiberall die 
Koexistenz der Gegensätze lehrt, ist es ganz ausgeschlossen, daß 
er dem großen Fluß der Dinge nicht auch das große Beharren 
gegenüber gestellt hätte. 

Auch die Inschrift im Tempel der Artemis enthält den Keim 

15 des heraklitischen Begriffes vom Geschehen und Beharren, wenn 
man sie durch die damals geläufige Analogie zwischen dem Großen 
und dem Kleinen mit dem System des Heraklit verbindet. Nach 
ihr schafit die allbezwingende Gottheit Tag und Nacht und den 
Wandel der Jahreszeiten. Die beiden Namen für den Begriff 

20 Jahr führten auf das in sich selbst Zurückkehrende, auf den 
Reigen der Hören, welche alles bringen. Dem irdischen Jahre 
aber entspricht das große Weltenjahr, das die Pythagoräer^ als. 
den Zeitraum bestimmten, in dem sämtliche Planeten an die näm- 
liehe Stelle des Himmels zurückkehren und das dann in spätea 

25 Zeiten bei den Stoikern ^ von einem Weltuntergang bis zum nächsten 
dauerte — in beiden Lehren erkennbar als jüngere Form eines, 
alten Gedankens, nämlich des Vergleiches der Zeitalter mit den 
Jahreszeiten und des Vergleiches beider mit den Perioden des. 
menschlichen Lebens. Dieser Gedanke war schon der ältesten 

30 Medizin^ geläufig und die Philosophen fanden ihn wohl bereits, 
im Munde der Sänger und des Volkes. Die Geburt und den 
Tod des Menschen ins Kosmische zu übertragen und auch das- 
Entstehen und Vergehen der Welten, die ja selbst immer wieder 
als Götter, also als Lebewesen gedacht wurden, zu behaupten,. 

35 lag nahe und schon von Anaximander wissen wir, daß er eine 
Periodizität der Welten gelehrt hat. Bei Heraklit können wir 

» fr 84. — ^ DDox 363 b 22. — ^ DDox 469, 14. — * Fredrich 
hippokr. Untersuchungen p 4 ff. 



Stadien zar antiken Kultur. 69 

sogar noch die Stufenleiter sehen, über welche der Schluß vom 
menschlichen Leben zum Weltall emporstieg. Sein großes Jahr^ 
dauert 10800 gewöhnliche Sonnenjahre. Dies ergibt sich, wenn 
man die Zahl der Sonnenjahre, in denen sich der Bing der Zeugung 
schließt, nämlich 30, mit der Zahl der Tage des Jahres multi- 5 
pliziert. Dreißig Jahre sind iür den Logos ein Tag, 360 solcher 
Tage sein Jahr. Wenn man beachtet, daß das gewöhnliche Jahr 
für Heraklit selbst aus 12 mal 30 Tagen bestand,® also das 
Welteigahr aus 12 X 30 X 30 X 30 X 12 Tagen, und daß 
Heraklit die Zahl dreißig in der Form 10 

30-7 + 7 + 1 + 7 + 7 + 1 
darstellte, so ergibt sich folgende Produktzerlegung: 
WJ = 12 (7 + 7 + 1 + 7 + 7 + 1) X 

X (7 + 7 + 1 + 7 + 7 + 1)X 

X (7 + 7 + 1 + 7 + 7 + 1) 12. 15 

Hierin kommt die Einheit genau 6 mal, die Siebenheit aber 12 mal 
vor. Und nicht minder merkwürdige Verhältnisse ergeben sich 
durch folgende Primzahlzerlegung. Es ist nämlich 
WJ = 10800X360 = 

UnU,dimUmU,dt»di • O.O.O.Ö.Ö . 0.0. — — mi^J 

= 2". 3\ 53 Tagen. 
Durch diese Zahlenverhältnisse suchte Heraklit allem Anschein 
nach die Zahlen 1, 2, 3, 5, 7 mit den astronomischen Perioden der 
30 Tage des Monats und der 12 Monate des Jahres in Beziehung 
zu bringen und das Sonnen jahi' mit dem Mondjahr zu einem großen 25 
Zyklus zu vereinigen. Die Siebenzahl muß bei der Lösung dieser 
Aufgabe keine kleine Rolle gespielt haben. Ihre Beziehung zu 
den Lebensperioden des Menschen führte ja dii'ekt die Konstruktion 
des Weltjahres herbei. Auch die 7 Phasen des Mondes, die zu- 
zammen mit dem Neumond eine Achtheit ausmachen (8 = 2X4), 30 
werden nach den 4 Jahreszeiten zusammengerechnet.-* Aber die 
Abschnitte des großen Weltjahres kommen nicht mehr nach der 
Vierzahl der trennenden Hören zu Stande, sondern das Aufflackern 
und Verlöschen des ewigen Feuers — das sind seine Maße. Denn 
Gott ist Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, 35 
Überfluß und Hunger; er verwandelt sich aber wie das Feuer, 
das, wenn es mit Räucherwerk vermengt wird, nach eines jeglichen 

Wohlgefallen duftet.^ 

• 

» DFV p 64 n 13. — 2 DFV^ p 65 n 19. — ^ ^f fr 4a [?]. - * fr 67. 



70 Studien zur antiken Eultar. 



Auch die Bedeutung, welche Heraklit dem Feuer einräumte, 
läßt sich außer auf Grund der pythagonschen Schemata auch aus 
jener Tempelinschrift und der Beziehung der Lehre zum Jahr 
und zur Zeit, zum Beharren und zum Werden verstehen. Der 
5 Allbezwinger der Inschrift ist die Sonne und der Gedanke, daß 
die Sonne Feuer sei, war damals gerade durch Anaximander, und 
auch durch Pythagoras und Xenophanes ausgesprochen worden. 
Und in der Tat liegt ja kaum etwas näher als der Schluß von 
den Wirkungen der Sonnenwärme auf die feurige Beschaffenheit 

10 des Gestirnes. Völker, welche in heißen Gegenden wohnen, haben 
ihn sogar zur Ausgestaltung ihrer Mythologie verwendet. Typhon, 
Moloch und Re scheinen auf diesem Wege mit vielen ihrer eigen- 
tümlichen Eigenschaften ausgestattet worden zu sein. Der Schluß 
war so stark, daß man , um seinetwillen die exaktere astronomische 

1 5 Theorie des Tales, bloß weil er den Mond als nicht selbstleuchtend 
auffaßte, mit ähnlicher Unbesorgtheit verließ, wie die Astronomie 
der mittleren Zeit an den Entdeckungen des Aristarch von Samos 
ohne Interesse vorüberging, um nur ihren, durch die Anschau- 
lichkeit vermeintlich so wohl gestützten Lieblingsmeinungen un- 

20 gestört nachhängen zu können. Auch damals wehrte sich, die 
Anschauung gegen die Ergebnisse der Wissenschaft des Tales, 
das heißt der Begriff des Schauenden vom Wirklichen geriet in 
Kampf mit dem Begriff des Denkers vom Wahren. Die Reaktion 
nahm ihren We^ über die Spekulation und Anaximander verhalf 

25 der Anschauung zu ihrem Recht aus grauer Theorie, deren em- 
pirische Wurzel ihm wahrscheinlich verborgen blieb. Eine hypo- 
thetische Weltentstehung aus einer feuerumschlossenen Kugel, 
deren Hülle zerreißt, führt zu feurigen Sonnen- und Mond-Rad- 
kränzen, welche durch Dünste in wilden WirbelstOrmen um die 

30 ruhende Erde herumgeschwungen werden. Und dabei lag noch 
immer in den festen, bleibenden Radkränzen ein Element, welches 
auf die vorangegangene Konstruktion von Gestimbahnen hinwies. 
Bei Anaximenes und Xenophanes fällt auch noch diese Schranke 
und die entfesselte Phantasie läßt die Gestirne als Gebilde eines 

35 unerklärt regelmäßigen Zufalls planlos den Himmel durchin'en. 
Bei Xenophanes vollends ist nicht nur die Sonne so groß wie sie 
aussieht, und bildet sich täglich neu, sondern für verschiedene 
Gegenden soll es verschiedene Sonnen geben, und die Sonnen- 
finsternisse entstehen, wenn ab und zu einmal einer dieser feurigen 



Studien znr antiken Knltnr. 71 

Bälle in entlegene Gegenden herunterfällt. Doch war auch damals 
schon die Kugelform der Gestirne nicht nur philosophisch von 
Pythagoras gefunden, sondern auch dem Volke geläufig. Bei dem 
thebanischen Daphnephorenfeste* wurden Stäbe getragen, an deren 
Spitze verschieden große, eherne Kugeln befestigt waren, eine 5 
ganz große an Stelle der Sonne, eine kleinere für den Mond, 
ganz kleine für die übrigen Gestirne. Die von den Stäben herab- 
flattemden Bänder sollten die Bahnen der Himmelskörper andeuten. 

Durch alle diese volkstümlichen und wissenschaftlichen Vor- 
stellungen über die Sonne und die Gestirne geht bald mehr, bald 10 
weniger ausgesprochen, doch immer die Überzeugung hindurch, 
daß die leuchtenden Himmelskörper feurig sind. Auch den großen 
Bezwinger der ephesischen Inschrift konnte Heraklit füglich nur 
als feurigen Sonnengott denken. Allerdings muß die Spekulation 
noch einen weiten Pfad zurücklegen, um von da bis zum Feuer 15 
als Urstoff zu gelangen, aber in der Bezeichnung der Sonne als 
Bezwinger des ganzen irdischen und himmlischen Geschehens und 
in der Lehre des Pythagoras von den Himmelskörpern, den Ele- 
menten und ihren Gottheiten, war dieser Gedanke schon fertig 
enthalten. Im Kreise der pythagorischen Schule hat ihn Hippasos* 20 
von Metapont ausgesprochen und Heraklit kann davon gewußt 
haben.^ Es war also nur noch die Lehre vom Feuer als dem 
einzigen Urstoffe in alle damals zugänglichen Details hinein aus- 
zuführen. 

Dabei mußten vor allem zwei Fragen, entsprechend den 25 
beiden Grundgedanken der heraklitischen Philosophie, beantwortet 
werden. Erstens: wie lassen sich alle Zustände als Wandlungen 
des Feuers darstellen ? Zweitens : welche Analogie besteht zwischen 
den makrokosmischen und den mikrokosmischen Perioden? 

Die Beantwortung der ersten Frage führt zu der sogenannten 30 
Physik des Heraklit, welche allem Anscheine nach unter Verzicht 
auf allzu große Ausführlichkeit in den Details ihr Weltbild in 
großen Zügen und ohne zwecklose Vielwisserei entwarf, Das 
Prinzip des Gegensatzes liegt ihr zugrunde. Der Weg aufwärts 
und abwärts durchdringen einander. Sie bilden einen mannigfach 35 
verschlungenen Kreislauf. Verdichtetes Feuer wird Wasser, ver- 
dichtetes Wasser Erde — das ist der Weg abwärts. Aufgelöste 

1 cf. Lobeck, Aglaophamus p 171 f. — « üfv p 34 ff (cap 8). — 
3 Suid. DFV p 588. 3. 



72 Studien znr antiken Knltar. 



Erde wird Wasser, verdunstendes Wasser Luft, verdünnte Luft 
Feuer^ — das ist der Weg aufwärts. Jeder dieser Pfade umfaßt 
drei Glieder, die ähnlich wie bei Anaximenes durch die Gegen- 
sätze der Verdichtung und Verdünnung zusammenhängen. In ihrer 
5 Sechsgliedrigkeit vollzieht sich der tägliche, jährliche, ewige 
Wechsel im Weltall. Täglich steigen aus dem Meere entgegen- 
gesetzte Dünste empor, dunkle und helle, trübe und reine.- Die 
dunkeln verdichten sich zur Nacht, die leuchtenden zur Sonne 
des Tages.^ Diese bildet sich .neu an jedem Tage* und hat die 

10 Breite eines menschlichen Fußes. ^ Und die Sonne wärmt auch 
am meisten, weil sie das reinste Feuer enthält und in klaren 
Räumen sich befindet.^. Gab es keine Sonne: trotz der übrigen 
Gestirne wäre es Nacht.'' Der Mond^ ist schon weiter von der 
Erde entfernt und mit Dunst und Dust umgeben, so daß er hinter 

15 der Sonne an Leuchtkraft und Wärme zurücksteht. Noch mehr 
gilt dies von den übrigen Sternen, obgleich auch sie Feuer sind, 
welches sich am Himmelsgewölbe aus den leuchtenden und klaren 
Ausdünstungen zusammenballt. Aber alle Himmelskörper über- 
haupt sind eigentlich Kähne, ^ welche über den weiten Himmels- 

20 ozean fahren. Die feurigen Ausdünstungen sammeln sich in ihnen, 
die Kähne schwanken und schaukeln, Mond und Sonne ver- 
finstern sich bald, bald leuchten sie wieder auf. Am Abend ver- 
sinken sie wieder in den die Welt umgebenden Okeanos und der 
Weg nach aufwärts schlägt um in den abwärts, jeden Tag im 

25 ganzen Jahr. Im Winter überwiegt die feuchte und dunkle Aus- 
dünstung, im Sommer die warme und leuchtende. ^° Den Kreislauf 
selbst schließt das kugelige Himmelsgewölbe ein, die ewige üm- 
zirkung. 

Die zweite Frage führt zu jenen Partien des Systems, die 

30 bisher die dunkelsten geblieben sind, nämlich zu den Gedanken 
über den Tod und das Fortleben nach dem Tode. Tod ist dem 
Heraklit gleichbedeutend mit Wandel. Das ergibt sich noch aus 
der physikalischen Lehre. Feuer lebt der Luft Tod ; "Wasser lebt 
der Erde Tod und Erde den des Wassers. ^^ Leben und Sterben 

35 hat zunächst nur physikalischen Sinn: es ist ein kosmisches Ge- 

^ Diog. L. IX, 7—11 DFV p 60, 11. — » DFV p 60, 15. — » dFV 
p 60, 33. — Mr 6. — ° fr 3. — 6 DFV p 60, 22. — Mr 99. — « DFV p 
60, 25. — « DFV p 60. 20 ff. — '<> DFV p 60, 35. — »' fr 76. 



Stadien zur antiken Enltnr. 78 



schellen, das wir stets vor Augen haben. Tod ist alles, was wir 
im Wachen sehen, und Traum, was im Schlummer, ^ ' in dem sich 
das kosmische Geschehen spiegelt. Und so wie im Makrokosmos • 
der Logos, waltet im Mikrokosmos die Seele. Wie alles überhaupt 
ist sie ihrem Wesen nach Feuer, ihrem Zustande nach Luft oder 5 
Dunst. Je trockener und feuerähnlicher, desto besser und weiser 
ist sie. 2 Wer sich betrinkt, der taumelt und merkt nicht, wohin 
er geht; denn seine Seele ist feucht.^ So gerät sie auf den Pfad 
nach abwärts, während die vortreffliche den nach aufwäits ver- 
folgt. Für die Seele ist es Tod, Wasser zu werden, für das Wasser 10 
Tod, Erde zu ' werden — das ist der Weg abwärts ; aus Erde 
wird Wasser, aus Wasser Seele, aus Seele Feuer — das ist der 
Weg aufwärts.^ Nach der trockenen oder feuchten Beschaftenheit 
der Seele richtet sich ihr Handeln und, wenn der Mensch stirbt, 
ihr Schicksal. Dann verläßt sie als Dunst den Körper, den man 15 
jetzt eher wegwerfen soll als Mist^ und es wartet ihrer nach 
dem Tode, was die Menschen nicht erwarten noch wähnen.^* 
Größerer Tod empfängt größere Belohnung' und die Seelen der 
im Kriege Gefallenen ehren Götter und Menschen.^ Die anderen 
Seelen aber schweben im Hades über den Wassern, in die sie 20 
zurücksinken und aus denen sie wieder empordünsten. ^ Sie haben 
keine Sinnesorgane und können nur auf eine Art unmittelbar 
wahrnehmen: die Seelen riechen im Hades. ^" Denn das Blechen 
ündet unmittelbar durch Luft und Ausdünstung statt. Beide sind 
dem Feuer besonders eigentümlich, .das, mit Räucherwerk ver- 25 
mengt, nach eines jeglichen Wohlgefallen duftet. ^^ Und wenn 
überhaupt alle Dinge zu Rauch würden, könnten wir sie ja nur 
noch mit der Nase unterscheiden.^^ Aber nicht ewig bleiben die 
Seelen in diesem Zustand. Auch sie müssen sterben. So sind die 
Unsterblichen sterblich, die SterbUchen aber unsterblich, wir leben 30 
ihren Tod und sie sterben unser Leben." Für uns ist es Schmerz, . 
zu sterben und trocken zu werden ; für die Seele ist es Lust, zu 
sterben und feucht zu werden.^* Die Lust der Begattung — das 
ist der Augenblick, in dem eine Seele stirbt und aus dem feuchten 
Samen ein Mensch wird. Das Wachstum dieses neuen Mikro- 35 



' fr 21. — 2 tr 118. — ^ fr 117. - *-fr 12. — ^ fr 96. — « fr 27. 
- ^ fr 25. — 8 fr 24. — « fr 12. — »« fr 98. — '» fr 67. — ^^ fr 7. — 
»3 fr 62. — »* fr. 77. 



74 Stadien znr antiken Knltar. 



kosmos erfolgt nach den grolien Gesetzen des Makrokosmos, nach 
den Zahlen, denen die Siebenzahl beim Monde unterliegt und nach 
den mit den Mondperioden übereinstimmenden Menstruationsperioden. 
Am dritten Tage schon keimt das Leben, wie der Mond drei 
5 Tage nach dem Neumond schon so groß ist, daß er Schatten 
werfen und das Wachstum begünstigen kann, und am 14. Tage 
beginnt der Ehnbryo sich zu vollenden,^ wenn der Same wie ein 
Gerst^ntrank in Bewegung gerät, den man nicht umrührt.^ Im 
neunten Monat bei gewöhnlichen Menschen, bei Göttern und 

10 Heroen aber mitunter schon im siebenten, erfolgt die Geburt. Und 
im 14. Jahre ist der Mensch wieder zeugungsfähig; im 30. schließt 
sich der Ring der Zeugung, die kleine Einheit im großen Ge- 
schehen, der Tdkg im Weltenjahr. Wenn die Menschen geboren 
sind, schicken sie sich an, zu leben und den Tod zu erleiden,^ 

15 oder vielmehr auszmuhen; und sie hinterlassen Kinder, daß auch 
sie den Tod erleiden und ruhen. Auch der Mensch ist etwas, das 
im Wandel behani;. 

Diese Gedanken sind den pythagorischen nahe verwandt 
und doch ihren Ei^ebnissen nach stark von ihnen vei'schieden. 

20 Sie nehmen die Metempsychose in einem ähnlichen Sinne wieder 
auf, wie auch heute die Naturwissenschaft sich von der Unsterb- 
lichkeit der Lebewesen, der Ewigkeit des Keimplasmas, dem Ge- 
dächtnis als allgemeiner Eigenschaft der Materie und ähnlichen 
Pix)blemen mystisch angeregt sieht und doch gleich bei ihren 

25 ei-sten Schritten zeigt, wie sehr sie dem Boden entwachsen ist. 
in dem solche Fragen emporwuchera. Der wichtigste Unterschied 
zwischen Pytbagoras und Heraklit ergiebt sich, wenn man das bei 
beiden beobachtbare und doch so verschieden verteilte Eingreifen 
der sich in aller Mystik begegnenden Gegenströmungen von Ratio- 

30 nalem und Emotionalem, Zahlen und Gefühlen, Spekulation und 
Ethik, erwägt. 

Die Zahlenmystik tritt bei Heraklit im Allgemeinen zurück. 
Die Pallien seiner I^ehre, in denen sie zu finden ist, beschäftigen 
sich mit dem Schluß vom Makrokosmos auf den Mikix)skosmos und 

35 stützen sich insgesamt auf die Dreiheit, welche im System nicht 
mehr wie die Fünfheit bei Pythagoras als mystische Doktrin 
waltet, sondern in dem Prinzip des Widerspruches und der 



^ DFV p 65 11 18. — « fr 125. — » fr 20. 



Stadien zur antiken Knltur. 75 



Harmonie ihre tiefere Begründung findet. Wenn bei der Durch- 
führung dieser Art Zahlenmystik sich Gefühle beteiligen, so sind 
es der Hauptsache nach nicht ethische, sondern ästhetische 
Stimmungen, welche den Ausbau beeinflussen. Die ganze pytha- 
gorische Lehre von der Metempsychose, mit der die ethische Auf- 5 
fassung des Weltgeschehens bei dem pessimistisch resignierten 
Anaximander die meisten Voraussetzungen gemein hatte, schrumpft 
bei Heraklit zu einer physiologischen Erörterung über die Ab- 
hängigkeit des Charakters von dem Feuchtigkeitsgehalt der Seele 
zusammen, deren Schicksale sich aus ihren Verdiensten eben 10 
nur insofeme ergeben, als auch diese Verdienste notwendige Folgen 
ihrer Trockenheit oder Feuchtigkeit sind. Zwar wohnt der Seele 
der Logos inne, der sich selbst mehrt, und der Weg zur Einsicht 
ist niemandem verschlossen : aber diese Art der moralischen Welt- 
ordnung ist doch schon der pythagorischen um die Einsicht voraus, 15 
daß die Tätigkeit der Seele von ihrer physischen Beschaffenheit 
abhängt. 

Aus der starken und tiefen wechselseitigen Durchdringung 
von Phfsik und Mystik wird auch das schroffe Verhalten Heraklits 
gegenüber der volkstümlichen Mythologie und dem eigentlichen 20 
landläufigen Mystenwesen zu erklären sein. Schon bei Pythagoras 
sparte er nicht mit Tadel, noch weniger bei Homer und Hesiod 
oder dem nüchternen Xenophanes. Sein Denken entfernte sich 
aber noch mehr als von seinen Vorgängern von dem Volke. 
Daher ist es geradezu unbegreiflich, daß man darauf verfiel, ge- 25 
rade Heraklit aus den volkstümlichen Mysteriengedanken ver- 
stehen zu wollen. Über die Mysterien jener Zeit wissen wir sehr 
wenig und das, was uns vorliegt, läßt in diesen dunklen Bräuche|j 
nicht all zu tiefe Symbolik vermuten. Den dunkeln Bphesier aus 
den noch dunkleren und mit Ort und Zeit so stark variierenden 30 
Mysterien erhellen, heißt Unverstandenes verständnislos behandeln. 
Nicht jede Mystik muß aus den Mysterien stammen. Heraklit 
selbst wendet sich mit voller Entrüstung gegen die ihm be- 
kannten Mysterienkulte. Denn in unheiliger Weise findet die 
Einführung in die Weihen statt, wie sie bei den Leuten im Schwünge 35 
sind.^ Und wenn es zum Beispiel nicht Dionysos wäre, dem sie 
die Prozession veranstalten und das Phalloslied singen, so wär's 

• fr U. 



76 Studien zar antiken Ealtnr. 



ein ganz schändliches Tun. Ist doch Hades eins mit Dionysos, 
dem sie da toben und Fastnacht feiern.^ Auch mit den Heil- 
mitteln^ der Seele, die sie entsühnen sollen, ist es nichts. Sie 
reinigen sich von Blutschuld, indem sie sich neuerlich, nur anders, 

5 mit Blut besudeln, wie wenn einer, in Kot getreten, sich mit 
Kot abwaschen wollte. Für wahnsinnig würde ihn doch halten, 
wer etwa von den Leuten ihn bei solchem Treiben bemerkte. 
Und sie beten auch zu diesen Götterbildern, wie wenn einer mit 
Gebäuden Zwiesprache halten wollte, der eben die Götter und 

10 Heroen nicht nach ihrem wahren Wesen kennt.' Dieses will 
Heraklit eben erschließen. Damit steht er ganz außerhalb des 
dogmatischen Kreises der Mysten, denen er auch innerlich schon 
entfremdet ist. 

Sein Zusammenhang mit den Mysterien ist eben kein 

15 direkter, sondern soweit seine Spekulation durch sie beeinflußt 
sein mag, durch Pythagoras vermittelt. Gerade der physikalische 
Teil seiner Lehren enthält den überzeugendsten Beweis, wie weit 
Heraküt über diese Voraussetzungen des Pythagoras hinausgelangt 
ist. Heraklit achtet viel mehr auf das Sinnenfällige. Das läßt 

20 ihn die astronomisch voUkommneren Ansichten des Pythagoras 
ignorieren und in rein spekulativer Hinsicht einen wichtigen 
Schritt nach vorwärts tun. Bei ihm treten die Gottheiten hinter 
den aus ihnen gewonnenen und daher mit anthropomorphen Be- 
standteilen belasteten Begriff des Stoffes zurück, dessen Wirken 

25 nicht mehr Elementargeister, sondern die sinnenfälligen Eigen- 
schaften des gewählten ürstoffes, des Feuers, erklären. 

Ähnlich wie bei Anaximenes kann man auch bei Heraklit 
die Einwirkung der sinnlichen Anschauung auf die Spekulation 
beobachten. Der Philosoph benützt die sinnenfälligen Eigen- 

30 Schäften des Feuers gewissermaßen als Ausdrucksmittel für seine 
Gedanken. Und noch mehr — auch die fundamentalen Probleme 
seines Systems stellt er metaphorisch durch seinen Grundstoff dar. 
Das Flackern der Flamme ist das Symbol für die Bewegung, ihr 
Aufleuchten und Verlöschen das für die periodischen Wandlungen, 

35 ihre bleibende Form deutet auf das ewig Beharrende, ihr Ver- 
zehren des Festen, die Wandlung des Körpers in Rauch beim 
Verbrennen, ist der Weg aufwärts, den das Emporflammen selbst 

» fr 15. - « fr 68. ■>- * fr 5. 



Studien zur antiken Kultur. 77 



veranschaulicht. Das Leuchten der Flamme und sein Gegen- 
satz zum Pinstern wiederholt die großen Gegensätze der Welt. 
Und auch am Gegensatz des Feuers selbst tritt die ewige Be- 
wegung und Ruhe zutage. Auch das Wasser ist in Bewegung 
und was beharrt, ist der Fluß und nicht die Welle. Immer neue 5 
Wellen fließen am Badenden vorbei, der Stoff wechselt ununter- 
brochen. Die Welt ist eine Flamme oder ein Strom, die Gegen- 
sätze lallen zusammen. Wer auf den Logos hinhört, ist weise, wenn 
er zugesteht, daß alles eins ist.* Der Lauf der Zeit schließt sich 
zum Kreis, an dem man mit den Augen sehen kann, wie der 10 
Weg aufwärts und abwäi-ts zusammenfallen. Auch bei den Tuch- 
scherem kann man das sehen und bei den Töpfern, deren Scheibe 
sich dreht wie das All, in Ewigkeit- Die friedliche Lyra und 
der kriegerische Bogen: das sind die beiden gegensätzlichen 
Zeichen für das Beharrende, und Ober beiden, den Gegensatz 15 
vereinend, der Kreis als drittes, bei dem Anfang und Ende zu- 
sammentreffen in der großen Harmonie. 

In diesen Bildern und Gleichnissen liegen Probleme und 
Theorien, welche die späteren Zeiten deutlich hemusgearbeitet 
haben. Ihnen insgesamt, besonders aber dem Feuer, kommt eine 20 
analoge Funktion zu, wie der Luft bei Anaximenes. Was noch 
nicht abstrakt gesagt und gedacht werden kann, wird in Sym- 
bolen geoffenbart. Wie den Anaximenes das Nachdenken über das 
kosmologisch gefaßte Schöpfungsproblem dazu bestimmt, in den 
Wandlungen der Luft die Veranschaulichung des Satzes ex nihilo 25 
aliquid fit zu geben, half sich Heraklit über das ontogenetisch 
erschaute Schöpfungsproblem, über das Rätsel der Zeugung, durch 
die Lehre von den Wandlungen der Seele und vom Umschlagen 
des Lebens in Tod und des Todes in Leben, insbesondere aber 
durch das anschauliche Gleichnis vom Gerstentrank hinweg, in 30 
dem ein ursachloses Geschehen sich einzustellen pflegt. Das kos- 
mische Schöpfungsproblem war von Anaximenes auf die Ent- 
stehung des Stoffes bezogen worden: für Heraklit handelte es 
sich beim mikrokosmischen Schöpfungsproblem um die Entstehung 
der Bewegung, also um das, was wir heute Kraft und Ursache 35 
nennen. Gegen Anaximenes müßte man sich durch das Gesetz 
von der Konstanz der Materie, gegen Heraklit durch das von 
der Konstanz der Energie schützen. 

* fr 60. — Mr 59 DFV p 87 cap. 14, p 88 cap. 22. 



78 Stadien zar antiken Knltnr. 



Wenn man das Gleichnis vom Gerstentrank im gegebenen 
Zusammenhang anerkennt, drängt sich auch noch eine andere 
Bemerkung auf. Leben und Zeugen werden durch ein Bild ver- 
anschaulic}it, welches für damalige Auifassung bloß eine äußerliche 
5 Analogie zwischen zwei vermeintlich wesentlich verschiedenen 
Vorgängen benützte. Niemand dachte daran, daß das Gären selbst 
ein Lebens- und Zeugungsprozeß von Mikroorganismen ist. Man 
hielt es für eme physikalische Erscheinung wie etwa das Kochen 
oder Frieren. Ebensowenig faßte man den Gerstentrank als orga- 

10 nische Materie auf. Ihn zur Verdeutlichung des Zeugungsprozesses 
benützen, bedeutete für damals dasselbe, was für uns eine Reduk- 
tion der Vorgänge in der organischen Materie aut die in der an- 
organischen bedeuten wüi'de. In gewissem Sinne schon Anaxagoras, 
ausgesprochener aber die Stoiker, haben die Theorie der Zeugung 

15 beiHeraklit aufgegrifien und umgekehrt : die geheimnisvolle Macht 
und Bildungskraft des Samens übertrugen sie auf das Geschehen 
im All. Ob eiuQ solche Inversion auch schon bei Heraklit vor- 
gebildet war, können wir, so wahrscheinlich es ist, nicht mehr 
entscheiden. Nur das ist zu beachten, daß sie als methodisches 

20 Gegenstück zum Sinn des Gerstentrank-Gleichnisses das Geschehen 
in der organischen Materie auf das in der anorganischen ins Kos- 
mische übertrug. 

Die übrigen Bilder des Systemes führen zu ähnlichen Pro- 
blemen. In dem Feuer und dem Wassei*, in der Flamme und dein 

25 Strom, in der Verkettung der Wege aufwärts und abwärts, kommt 
das Kausalproblem zum Ausdruck. Diesen Bildern stehen Lyra 
und Bogen und als drittes der Kreis, der Ring der Wiederkehr, 
also das Zeitproblem, gegenüber. Es ist von höchster Wichtigkeit, 
daß in Heraklits Bildersprache beide Probleme einander entgegen- 

30 gesetzt und der vergängliche Fluß in der beharrenden Zeit 
und der beharrende Stoff im ewigen Verfließen durch Thesis und 
Antithesis im Namen der obersten Gottheit, der Notwendigkeit, 
harmonisch aus Widersprüchen vereinigt sind. Die Notwendigkeit 
heißt die täglich Beharrende und bedeutet also auch die ewig 

35 Wandelnde, zwei widersprechende Namen und Bedeutungen, die 
im Logos zur Harmonie zusammenfallen. 

Daraus ergibt sich, daß es ein Irrtum ist, auf Grund der 
Autorität Piatons den Fluß der Dinge für die wichtigste und 
ausgeprägteste Lehre des Heraklit zu halten. Man übersah, daß 



Stadien zur antiken Kultur. 79 



sie von Piaton durchwegs mit Beziehung auf die heraklitische 
Theorie der sinnlichen Wahrnehmung erwähnt wird. Diese aller- 
dings hat ausschließlich den Fluß der Dinge zur Grundlage.^ 
Aber sie ist nicht der Abschluß des Systems, sondern sie be- 
schäftigt sich bloß mit der Projektion des Makrokosmos in den 5 
Mikrokosmos. Das Feste, im Wandel der Dinge ewig Beharrende, 
war die Form oder der Stoff, und die zweite Hafte der platonischen 
Lehre, in der die Materie als Trägerin der Formen eine so eigen- 
tümliche, schwer verständliche Rolle spielt, greiit mitliin nicht so 
ausschließlich bloß eleatisches Gedankeneigentum auf, wie man 10 
gewöhnlich glaubt. Die Lehre vom wahrhaft Seienden und den 
Ideen wuraelt zum Teil auch im System des Heraklit. Daß Piaton 
selbst lieber auf die Eleaten und voraüglich auf Parmenides seine 
Lehre zurückführt, mag in zwei Umständen seine Ursache haben. 
Die Eleaten stellten ihm ein ausgebildeteres, antinomisch reich 15 
gegliedertes und daher persönlich anregenderes Begriffssystem zur 
Verfügung, so daß Piaton erst hiedurch sich über Heraklits Bilder 
hinweg zu den Problemen selbst fortgeführt sah. Noch fremder aber ^ 
mußte sich Piaton dem Heraklit fühlen, als er den rein eleatischen 
Gedanken von Parmenides rezipiert hatte, wirklich sei nur das 20 
ewig Seiende und das Wandelbare komme an Wert ihm nicht 
gleich, das sei nur Trug und unverläßlichei* Schein. 

Bei Heraklit findet sich keine solche Bevorzugung der einen 
Hälfte der ihm geläufigen Realrepugnanzen. Er hat keinen Funken 
platonischer Metaphysik in sich. Sein Denken bewegt sich in 25 
großen Anschauungen. Wo bei ihm Wertschätzungen auftreten, 
haben sie den Charakter einer Stufenleiter vom Unvollkommenen 
zum Vollkommenen oder den von der Identität des Gegensätzlichen. 
Auf beiden Wegen gelangt er zum Gipfel seines Systems, zum 
Begriff der Harmonie. Auch dieser ästhetische Begriff verweist 30 
auf unmittelbares Erleben. In ihr äußert sich das Kausalproblem 
in seiner dritten Form: als Teleologie. Die Begriffe des Werk- 
zeugs und des Mittels zeitigen den des Zweckes. 

In den Gegensätzen liegt die Vollendung der Welt. Licht 
und Dunkel, Waim und Kalt, Trocken und Feucht, Gesund und 35 
Krank, Angenehm und Unangenehm, Gut und Böse, Überfluß 
und Hunger, Ruhe und Mühsal sind Gegensätze. Krankheit macht 

* cf Arist. de anima I. 2 405 a 27. 



80 Stadien zur antiken Kultnr. 



die Gesundheit angenehm, Übel das Gute, Hunger die Sättigung, 
Mühe die Ruhe.^ Aber auch umgekehrt macht Gesundheit die 
Krankheit unangenehm, Gutes das Übel, Sättigung den Hunger, 
Ruhe die Mühe. Was vom Teil gilt, gilt vom Ganzen: die Welt 
5 wäre nicht vollkommen, wenn sie nicht unvollkommen wäre. Auch 
die schönste Weltordnuug ist wie ein aufs geratewohl hinge- 
schütteter Kehrichthaufen.^ 

In den Stufen der Vollkommenheit liegt die Vollendung der 
Welt. Und es bestehen Stufen vom Vieh zum Menschen, vom 

10 Knaben zum Mann, vom Mann zur Gottheit. Bei den Göttern ist 

alles schön und gut und gerecht. Nur die Menschen halten einiges 

für gerecht, anderes für ungerecht.^ Unzählige Mikrokosmen einem 

. Makrokosmos nach ewigen Zahlenverhältnissen in Leben und Tod 

eingeordnet, haben ihre eigenen Gesetze und Verhängnisse. Und 

15 doch nähren sich alle menschlichen Gesetze aus dem einen gött- 
lichen; denn es gebietet so weit es will und genügt allem und 
siegt ob allem.^ 

IV. 

Man darf nicht erstaunen, selbst in dem Großen dei' Werke 

20 Gottes eine Vergänglichkeit zu verstatten. Alles, was endlich 
ist, was einen Anfang und Ursprung hat, hat das Merkmal seiner 
eingeschränkten Natur in sich; es muß vergehen und ein Ende 
haben. Die Dauer eines Weltbaues hat durch die Vortrefilichkeit 
ihrer Errichtung eine Beständigkeit in sich, die unseren Begrifien 

25 nach einer unendlichen Dauer nahe kommt. Vielleicht werden 
tausend, vielleicht Millionen Jahrhunderte sie nicht vernichten; 
allein weil die Eitelkeit, die an den endlichen Naturen haftet^ 
beständig an ihrer Zerstörung arbeitet, so wird die Ewigkeit alle 
mögliche Perioden in sich halten, um durch einen allmählichea 

30 Verfall den Zeitpunkt ihres Unterganges doch endlich herbei zu 
führen. Wenn eine systematische Verfassung durch die wesentliche 
Folge der Hinfälligkeit in großen Zeitläuften auch den alier- 
kleinsten Teil, den man sich nur gedenken mag, dem Zustande 
ihrer Verwirrung nähert: so muß in dem unendlichen Ablaufe der 

35 Ewigkeit doch ein Zeitpunkt sein, da diese allmähliche Vermin- 
derung alle Bewegung erschöpft hat. 

» fr 111. — 2 fr 124. — 8 fr 102. — * fr 114. 



Stndien zur antiken Kultur. 81 



Wir dürien aber den Untergang eines Weltgebäudes nicht 
als einen wahren Verlust der Natur bedauren. Sie beweiset ihren 
Reichtum in einer Art von Verschwendung, welche, indem einige 
Teile der Vergänglichkeit den Tribut bezahlen, sich durch un- 
zählige neue Zeugungen in dem ganzen Umfange ihrer VoUkom- 5 
menheit unbeschadet erhält. Welch eine unzählige Menge Blumen 
und Insekten zerstört ein einziger kalter Tag; aber wie 
wenig vermisset man sie, unerachtet es herrliche Kunstwerke 
der Natur und Beweistümer der göttlichen Allmacht sind! An 
einem andern Orte wird dieser Abgang mit Überfluß wiederum 10 
ersetzt. Der Mensch, der das Meisterstück der Schöpfung zu sein 
scheint, ist selbst von diesem Gesetze nicht ausgenommen. Die 
Natur beweiset, daß sie eben so reich, ebenso unerschöpft, in 
Hervorbringung des Trefiflichsten unter den Creaturen, als des 
Geringschätzigsten ist, und daß selbst deren Untergang eine not- 15 
wendige Schattierung in der Mannigfaltigkeit ihrer Sonnen ist, 
weil die Erzeugung derselben ihr nichts kostet. Die schädlichen 
Wirkungen der angesteckten Luft, die Brdbeben, die Über- 
schwemmungen vertilgen ganze Völker von dem Erdboden ; allein 
es scheint nicht, daß die Natur dadurch einigen Nachteil erlitten 20 
habe. Auf gleiche Weise verlassen ganze Welten und Systeme 
den Schauplatz, nachdem sie ihre Rolle ausgespielt haben. Die 
Unendlichkeit der Schöpfung ist groß genug, um eine Welt, oder 
eine Milchstraße von Welten gegen sie anzusehen, wie man eine 
Blume, oder* ein Insekt in Vergleichung gegen die Erde ansieht. 25 
Indessen, daß die Natur mit veränderlichen Auftritten die Ewig- 
keit ausziert, bleibt Gott in einer unaufhörlichen Schöpfung ge- 
schäftig, den Zeug zur Bildung noch größerer Welten zu formen. 

Laßt uns also unser Auge, an diese erschreckliche Um- 
stürzungen als an die gewöhnlichen Wege der Vorsehung ge- 30 
wohnen und sie sogar mit einer Art von Wohlgefallen ansehen. 
Und in der Tat ist dem Reichtume der Natur nichts anständiger 
als dieses. Denn wenn ein Weltsystem in der langen Folge seiner 
Dauer alle Mannigfaltigkeit erschöpft, die seine Einrichtung 
fassen kann, wenn es nun ein überflüssiges Glied in der Kette 35 
der Wesen geworden: so ist nichts geziemender, als daß es in 
dem Schauspiele der ablaufenden Veränderungen des Universi die 
letzte Rolle spielt, die jedem endlichen Dinge gebührt, nämlich 
der Vergänglichkeit ihr Gebühr abtrage. 

6 



8*2 Studien zur antiken Kultur. 

Es scheint, daß dieses den Welten, so wie allen Natur- 
dingen verhängte Ende einem gewissen Gesetze unterworfen sei, 
dessen Erwägung der Theorie einen neuen Zug der Anständigkeit 
gibt. Nach demselben hebt es bei den Weltkörpern an, die äch 
5 dem Mittelpunkte des Weltalls am nächsten befinden, so wie die 
Erzeugung und Bildung neben diesem Cenb'o zuerst angefangen: 
von da breitet sich das Verderben und die Zerstörung nach und 
nach in die weiteren Entfernungen aus, um alle Welt, welche 
ihre Periode zurück gelegt hat, durch einen allmählichen Verfall 

10 der Bewegungen zuletzt in einem einzigen Chaos zu begraben. 
Andererseits ist die Natur auf der entgegengesetzten Grenze der 
ausgebildeten Welt unablässig beschäftigt, aus dem rohen Zeuge 
der zerstreueten Elemente Welten zu bildeif, und indem sie an 
der einen Seite neben dem Mittelpunkte veraltet, so ist sie auf 

15 der andern jung und an neuen Zeugungen fruchtbar. Die aus- 
gebildete Welt befindet sich diesemnach zwischen den Ruinen 
der zerstörten und zwischen dem Chaos der ungebildeten Natur 
mitten inne beschränkt, und wenn man, wie es wahrscheinlich 
ist, sich vorstellt, daß eine schon zur Vollkommenheit gediehene 

20 Welt eine längere Zeit dauren könne, als sie bedurft hat, gebildet 
zu werden, so wird ungeachtet aller der Verheerungen, die die 
Vergänglichkeit unaufhörlich anrichtet, der Umfang des üniversi 
dennoch überhaupt zunehmen. 

Will man aber noch zuletzt einer Idee Platz lassen, die 

25 eben so wahrscheinlich, als der Verfassung der göttlichen Werke 
wohlanständig ist, so wird die Zufriedenheit, welche eine solche 
Abschilderung der Veränderungen der Natur erregt, bis zum 
höchsten Grade des Wohlgefallens erhoben. Kann man nicht 
glauben, die Natur, welche vermögend war, sich aus dem Chaos 

30 in eine regelmäßige Ordnung und in ein geschicktes System zu 
setzen, sei ebenfalls im Stande, aus dem neuen Chaos, darin sie 
die Verminderung ihrer Bewegungen versenket hat, sich wiederum 
ebenso leicht herzustellen und die erste Verbindung zu erneuren? 
Können die Fäden, welche den Stoff der zerstreuten Materie in 

35 Bewegung und Ordnung brachten, nachdem sie der Stillstand der 
Maschme zur Ruhe gebracht hat, durch erweiterte Kräfte nicht 
wiederum in Wirksamkeit gesetzt werden und sich nach eben 
denselben allgemeinen Regeln zur Übereinstimmung einschränken, 
wodurch die ursprüngliche Bildung zu Wege gebracht worden 



Studien zur antiken Kultur. 83 

ist? Man wird nicht lange Bedenken tragen, dieses zuzugeben, 
wenn man erwägt, daß, nachdem die endliche Mattigkeit der Um- 
laufsbewegungen in dem Weltgebäude die Planeten und Kometen 
insgesammt auf die Sonne niedergestürzt hat, dieser ihre Glut einen 
unermeßlichen Zuwachs durch die Vermischung so vieler und 5 
großer Klumpen bekommen muß, vornehmlich da die entfernten 
Kugeln des Sonnensystems, unserer vorher erwiesenen Theorie 
zufolge, den leichtesten und im Feuer wirksamsten Stoff der 
ganzen Natur in sich enthalten. Dieses durch neue Nahrung 
und die flüchtigste Materie in die größte Heftigkeit versetze Feuer, 10 
wird ohne Zweifel nicht allein alles wiederum in die kleinsten 
Elemente auflösen, sondern auch dieselben in dieser Art mit einer 
der Hitze gemäßen Ausdehnungskraft und mit einer Schnelligkeit, 
welche durch keinen Widerstand des Mittelraums geschwächet wird, 
in dieselben weiten Räume wiederum ausbreiten und zerstreuen, 15 
welche sie vor der ersten Bildung der Natur eingenommen hatten, 
um, nachdem die Heftigkeit des Zentralfeuers durch eine beinahe 
gänzliche Zerstreuung ihrer Masse gedämpft worden, durch Ver- 
bindung der Attraktions- und Zurückstoßungskräfte die alten 
Zeugungen und systematisch beziehende Bewegungen mit nicht 10 
minderer Regelmäßigkeit zu wiederholen und ein neues Welt- 
gebäude darzustellen. Wenn denn ein besonderes Planetensystem 
auf diese Weise in Verfall geraten und durch wesentliche Kräfte 
sich daraus wiederum hergestellt hat, wenn es wohl gar dieses Spiel 
mehr wie einmal wiederholt: so wird endlich die Periode heran- 25 
nahen, die auf gleiche Weise das große System, darin die Fix- 
sterne Glieder sind, durch den Verfall ihrer Bewegungen in einem 
Chaos versammlen wird. Man wird hier noch weniger zweifeln, 
daß die Vereinigung einer so unendlichen Menge Feuerschätze, 
als diese brennenden Sonnen sind, zusamt dem Gefolge ihrer 30 
Planeten den Stoff ihrer Massen durch die unnennbare Glut auf- 
gelöset, in den alten Raum ihrer Bildungssphäre zerstreuen und 
daselbst die Materialien zu neuen Bildungen durch dieselbe 
mechanische Gesetze hergeben werden, woraus wiederum der öde 
Raum mit Welten und Systemen kann belebt werden. Wenn 35 
wir dann diesem Phönix der Natur, der sich nur darum verbrennt, 
um aus seiner Asche wiederum verjüngt aufzuleben, durch alle 
Unendlichkeit der Zeiten und der Räume hindurch folgen : wenn 
man siebet, wie sie sogar in der Gegend, da sie verfällt und ver- 

6* 



84 Studien znr antiken Enltnr. 



altet, an neuen Auftritten unerschöpft und auf der anderen Grenze 
der Schöpfung in dem Raum der ungebildeten rohen Materie mit 
stetigen Schritten zur Ausdehnung des Plans der göttlichen Offen- 
barung fortschreitet, um die Ewigkeit sowohl, als alle Räume 
5 mit ihren Wundern zu füllen: so versenket sich der Geist, der 
alles dieses überdenkt, in ein tiefes Erstaunen ; aber annoch mit 
diesem so großen Gegenstande unzufrieden, dessen Vergänglichkeit 
die Seele nicht genugsam zufriedenstellen kann, wünschet er das- 
jenige Wesen von nahem kennen zu lernen, dessen Verstand, 
10 dessen Größe die Quelle desjenigen Lichtes ist, das sich über 
die gesammte Natur gleichsam als aus einem Mittelpunkte aus- 
breitet. Mit welcher Art der Ehrfurcht muß nicht die Seele 
sogar ihr eigen Wesen ansehen, wenn sie betrachtet, daß sie noch 
alle diese Veränderungen überleben soll, sie kann zu sich selber 
15 sagen, was der philosophische Dichter von der Ewigkeit sagt: 
Wenn denn ein zweites Nichts wird diese Welt begraben. 
Wenn von dem Alles selbst nichts bleibet als die Stelle: 
Wenn mancher Himmel noch, von andern Sternen helle, 
Wird seinen Lauf vollendet haben : 
20 Wirst du so jung als jetzt, von deinem Tod gleich weit 
Gleich ewig künftig sein, wie heut. 



Der Stoff, woraus die Einwohner verschiedener Planeten ^ 
25 ja sogar die Tiere und Gewächse auf denselben gebildet sind, 
muß überhaupt um desto leichterer und feinerer Art und die 
Elastizität der Fasern sammt der vorteilhaften Anlage ihres Baues, 
um desto vollkommener sein nach dem Maße, als sie weiter von 
der Sonne abstehen. 
30 Die Trefflichkeit der denkenden Naturen, die Hurtigkeit in 

ihren Vorstellungen, die Deutlichkeit und Lebhaftigkeit der Be- 
griffe, die sie durch äußerlichen Eindruck bekommen, sammt dem 
Vermögen sie zusammenzusetzen, endlich auch die Behendigkeit 
in der wirklichen Ausübung, kurz, der ganze Umfang ihrer Voll- 
35 kommenheit steht unter einer gewissen Regel, nach welcher die- 
selben, nach dem Verhältnis des Abstandes ihrer Wohnplätze von 
der Sonne immer trefflicher und vollkommener werden. 

Die Vollkommenheit der Geisterwelt sowohl, als der mate- 
rialischen in den Planeten von dem Merkur an bis zum Saturn, 



Stadien znr antiken Kultur. 85 



oder vielleicht noch über ihm (wofern noch andere Planeten sind), 
steht in einer richtigen Gradenfolge, nach der Proportion ihrer 
Entfernungen von der Sonne, wächst und schreitet fort. 

Eben dieselben allgemeinen Bewegungsgesetze, die den 
obersten Planeten einen entfernten Platz von dem Mittelpunkte 5 
der Anziehung und der Trägheit in dem Weltsystem angewiesen 
haben, haben sie dadurch zugleich in die vortheilhafteste Verfassung 
gesetzt, ihre Bildungen am weitesten von dem Beziehungspunkte 
der groben Materie und zwar mit größerer Freiheit anzustellen; 
sie haben sie aber auch zugleich in ein regelmäßiges Verhältnis 10 
zu dem Einflüsse der Wärme versetzt, welche sich nach gleichem 
Gesetze aus eben dem Mittelpunkte ausbreitet. Da nun eben 
diese Bestimmungen es sind, welche die Bildung der Weltkörper 
in diesen entfernten Gegenden ungehinderter, die Erzeugung der 
davon abhängenden Bewegungen schneller und, kurz zu sagen, 15 
das System wohlanständiger gemacht haben, da endlich die geistigen 
Wesen eine notwendige Abhängigkeit von der Materie haben, an 
die sie persönlich verbunden sind: so ist kein Wunder, daß die 
Vollkommenheit der Natur von beiderlei Orten in einem einzigen 
Zusammenhange der Ursache und aus gleichen Gründen bewirkt 20 
worden. Diese Übereinstimmung ist also bei genauer Erwägung 
nichts Plötzliches oder Unerwartetes, und weil die letzteren Wesen 
durch ein gleiches Prinzipium in die aligemeine Verfassung der 
materialischen Natur eingeflochten worden : so wird die Geisterwelt 
aus eben den Ursachen in den entfernten Sphären vollkommener • 25 
sein, weswegen es die körperliche ist. 

So hängt denn alles in dem ganzen Umfange der Natur 
in einer ununterbrochenen Gradfolge zusammen durch die ewige 
Harmonie, die alle Glieder auf einander beziehend macht. 

Wir haben die bisherigen Mutmaßungen treulich an dem ^^ 
Leitfaden der physischen Verhältnisse fortgeführt, welcher sie 
auf dem Pfade einer vernünftigen Glaubwürdigkeit erhalten hat. 
Wollen wir uns noch eine Ausschweifung aus diesem Gleise in 
das Feld der Phantasie erlauben? Wer zeigt uns die Grenze, 
wo die gegründete Wahrscheinlichkeit authört und die Willkür- ^^ 
liehen Erdichtungen anheben ? Wer ist so kühn, eine Beantwortung 
der Frage zu wagen: ob die Sünde ihre Herrschaft auch in den 
andern Kugeln des Weltbaues ausübe, oder ob die Tugend allein 
ihr Regiment daselbst aufgeschlagen? 



86 Studien zur antiken Kultur. 



Die Sterne sind vielleicht ein Sitz verklärter Geister, 
Wie hier das Laster herrscht, ist dort die Tugend Meister. 



5 In der That, wenn man mit solchen Betrachtungen und mit 

den vorhergehenden sein Gemüt erfüllt hat: so giebt der Anblick 
eines bestirnten Himmels bei einer heitern Nacht eine Art des 
Vergnügens, welches nur edle Seelen empfinden. Bei der allge- 
meinen Stille der Natur und der Ruhe der Sinne redet das ver- 

10 borgene Erkenntnisvermögen des unsterblichen Geistes eine un- 
nennbare Sprache und giebt unausgewiokelte Begriffe, die sich 
wohl empfinden, aber nicht beschreiben lassen. Wenn es unter 
den denkenden Geschöpfen dieses Planeten niederträchtige Wesen 
gibt, die, unerachtet aller Reizungen, womit ein so großer Gegen- 

15 stand sie anlocken kann, dennoch im Stande sind, sich fest an 
die Dienstbarkeit der Eitelkeit zu heften: wie unglücklich ist 
diese Kugel, daß sie so elende Geschöpfe hat erziehen können I 
Wie glücklich aber ist sie andererseits, da ihr unter den aller- 
annehmungswürdigsten Bedingungen ein Weg eröffnet ist, zu einer 

20 Glückseligkeit und Hoheit zu gelangen, welche unendlich weit 
über die Vorzüge erhaben ist, die die allervorteilhafteste Ein- 
richtung der Natur in allen Weltkörpern erreichen kann! 



Zu Pythagoras. 



Die Geschichte will Tatsachen, die der Philosophie fest überlieferte 
Lehren ihrer Darstellung zu Grande legen. Auf beides muß bei Pythagoras 
verzichtet werden. „Da es keine Schriften des P3^hagoras gab imd überhaupt 
vor Philolaos' Zeit nnr mündliche Tradition der eigentlichen Schnle bestand, 
so gibt es hier keine Doxographie. Die Biographie muß sich im ganzen bei 
der früh beginnenden Legendenbildnng anf die ältesten Zeugnisse bis Aristo- 
teles und dessen Schule (mit Auswahl) beschränken." (DPV p. 26.) Aber 
selbst in diesem reduzierten biographischen Materiale sind noch deutlich 
mythologische Züge nachweisbar. Geradezu gefährlich wird aber die Überfülle 
mythischer Bilder und Vorstellungsweisen in den angeblich auf den Meister 
selbst zurückgehenden Lehren. So müssen wir uns die Frage vorlegen: In 
welchem Sinne kann aus den gesichteten Pythagorasquellen ein Einblick in 
die ursprüngliche Lehre des Stifters der Schule gewonnen werden? 

Die Antwort muß sich nach der mythologischen Charakteristik der 
Pythagoraslegenden richten. Wären sie ersichtlich Gebilde jüngerer und 
jüngster Zeit, dann dürften wir nicht zögern, sie als wertlos außer Acht zu 
lassen. Sind sie aber alt und voll vorpythagorischer Züge, dann besitzen 
sie offenbar einen großen Quellenwert, der nur noch eben genau abgeschätzt 
werden muß. Nun knüpfen in der Tat die meisten dieser „Legenden" an 
mythologische Vorstellungen des Pherekydes, des Lehrers des Pythagoras. 
an, wie in den folgenden Anmerkungen zu unserer Darstellung ins Detail 
hinein gezeigt wird. (Siehe: Anm. zu S. 3, Z. 33, Aithalides.) Wir können 
also alle diese Nachrichten nicht einfach als wertlos bei Seite lassen, sondern 
müssen trachten, sie zu würdigen. 

Zu diesem Zwecke sind zwei Erscheinungen zu beachten. Erstens: Das 
Symbol wird den Späteren Ereignis, das anschauliche Bild Tatsache, die 
Parabel Geschichte, das Verständnis für den Sinn verblaßt. Zweitens: 
Jüngere Gedanken werden in das Alte eingeiiochten, innig damit ver- 
schmolzen, zu neuen, geläufigen Symbolen übergeführt. Durch beide Er- 
scheinungen wird das mythologische Gedächtnis des Volkes beeinträchtigt. 
Sie lassen sich durch die Analogie eines geläufigen, in gewissem Sinn in- 
versen Vorganges bei der Reproduktion der Erinnerungsbilder des Einzelnen, 
durch das Ausfallen von Details, das Verschmelzen mit anderwärts Erlebtem, 
durch das Vorherrschen des deutlichen Neuen gegenüber dem undeutlicheren 
Alten, veranschaulichen. 

Die Korrektur und Kontrolle der in der Pythagoras - Legende festge- 
haltenen Gredanken ist auf Grund der beiden angegebenen Erscheinungen ver- 
hältnismäßig leichter möglich als sonst, weil die meisten unserem Philo- 



88 Studien zur antiken Kultur. 



sophen zugehörigen Lehren mit den bald hernach schriftlich fixierten und 
wenigstens in einigen Bruchstücken durch verläßliche Doxographie über- 
lieferten, aus der Schule hervorgegangenen größeren Systemen verglichen 
werden können. Hier haben wir einen Maßstab aus historischer Zeit in 
Händen, von dem das Legendenhafte nicht so weit entfernt ist, als daß sich 
keine Schlüsse mehr darauf ziehen ließen. In jenen späteren Systemen ist 
vieles enthalten, das wir nur aus einem hypothetisch angenommenen System 
des Meisters verstehen können, wenn wir nicht ein historisches facit saltus 
annehmen wollen. 

Versuchen wir, den Pfad der Umwandlung von Symbolen in Tatsachen 
nach rückwärts zu verfolgen, so werden aus den Legenden Lehren und wie 
weit wir hier [in der Symboldeutung gehen dürfen, ergibt sich aus den uns 
auch anderweitig erhaltenen Symbolen, vor allem aus der Vergleichung des 
Pythagoras mit seinem Lehrer Pherekydes. An diesem sehen wir, durch 
welche Gleichnisse Pythagoras selbst etwa seine Gedanken ausdrücken 
konnte. Die Geschichte von Aithalides und seinen Metempsychosen ist ein 
solches Gleichnis, welches, als Tatsache erzählt, symbolisch zu nehmen war. 
Sie ist eine Parabel. Auch viele der später hinzugefügten Wunder scheinen 
auf solche Parabeln zurückzugehen, so in einer vielleicht noch durchblick- 
baren Weise das Wunder beim Durchschreiten des Flusses Kosa. In anderen 
Fällen aber kommt nur mehr die für die Lehre selbst charakteristische 
Stimmung der Bewunderung und Wundersucht zum Ausdrucke. In ihnen 
liegt noch das Milieu. Gerade in diesem Sinne sind solche Überlieferungen, 
wo sie alt sind, interessant. 

Gestattet man noch die Verbindung der auf beiden Wegen erhaltenen 
Ergebnisse zu dem psychologisch verständlichen Ausdruck einer großen Per- 
sönlichkeit, so wird man das System des Pythagoras langsam aus seinen 
Trümmern sich erheben sehen. Aber man stelle es sich nicht zu philosophisch, 
zu naturphilosophisch, zu jonisch vor. Pythagoras hat nichts geschrieben, 
sondern nur gelehrt, nach seiner Lehre gelebt. Seine Schüler mußten ihn 
nicht nur aus seinen Reden, sondern auch aus seinem Tuen verstehen lernen, 
die Worte waren nur Gleichnisse. Ein großes Gebäude von systematisch an- 
einander gereihten Gleichnissen scheint seine Lehre gewesen zu sein. Daß sie 
in ihrem Aufbaue selbst nach Zahlenverhältnissen gegliedert war, ist um so 
wahrscheinlicher, als schon Pherekydes eine nach fünf Weltwinkeln einge- 
teilte Theogonie verfaßt hat. Im Stile eines solchen kunstvollen und oft auch 
künstlichen Gebäudes möchte mir das System des Pythagoras erst recht ein- 
fach und dorisch vorkommen. 

Natürlich können wir in keiner Hinsicht hoffen, diesen Monumentalbau 
jemals auch nur seinen Umrissen nach wieder herzustellen. Aber die von 
ihm uns bekannten, für ihn typischen Verhältnisse der Symmetrie dürfen wir 
gewiß als heuristische Prinzipien ausnützen. Wir dürfen nichts aufnehmen, 
was nicht in diese Architektonik paßt. So war es denn eine der Hauptbe- 
strebungen der Darstellung des Systemes. was wir von Pythagoras wissen, in 
seinem eigenen Stile zu bringen und in den fünf mal zehn einander ent- 
sprechenden Begriffen den Entwurf eines stilgerechten Grundrisses auch auf 
die Gefahr hin zu wagen, daß das eine oder das andere Glied irrtümlich in 



Studien zur antiken Kultnr. 89 

^as Schema aufgenommen wäre. Was zur Rechtfertigung des so ausge- 
sonderten und verarbeiteten Materiales zu sagen ist. ergab sich gelegent- 
lich der theoretisch -philosophischen Würdigung der Lehre des Pythagoras. 



S. 9, Z. 11. Kosa] Nach üsener, Sintflutsagen, p. 167 ff und 187 ff, sind 
Herakles (oder der h. Christophoros), der ein Götterkind durch 
die Fluten trägt, und Hermes, der den Kaben auf den Armen 
hält, Parallel figuren, denen der „Ferge" zu Grunde liegt, „der 
den Heros über den Götterstrom ins Land der Seligen trägt" 
(p. 191). Pythagoras gab sich selbst als Sohn des Hermes aus 
und es ist demnach nicht unwahrscheinlich, daß die wunderbare 
Durchschreitung des Flusses Kosa (dessen Namen vielleicht auf 
xd^ü) und Kadmos, die bekannte Nebenform des Hermes, hin- 
weist) in Hinblick auf symbolische Hermesmythen der Pytha- 
goräer gedichtet wurde. In der uns erhaltenen Überlieferung 
kommt zwar vom Götterknaben nichts vor: daß aber der Gott 
des Flusses Kosa, also wohl Hermes selbst, seinen Sohn begrüßt, 
deutet auf den anschaulichen Grundstock dieses Mythos hin, den 
wir auch sonst von Pythagoras verwertet finden, nur daß an die 
Stelle des Hermes wiederholt, ihm gleichwertig, Apollon tritt. 

S. 9, Z. 18. Schenkel] Die Vertilgung giftiger Schlangen, die Femhaltung 
von Seuchen sind Funktionen des Apollon. Der goldene Schenkel, 
der unter dem dunklen Gewände zum Vorscheine kommt, könnte 
ein Bild für die am finsteren Horizont aufgehende Sonne sein. 

S. 9, Z. 22. Aithalides] Aithalides ist eine von Pherekydes übernommene 
Figur (DFV p. 509 fr 8). Pherekydes nahm fünf Welten und 
fünf Welträume an. nach denen er seine Theogonie gliederte 
(DFV p. 507 n 8 cf ibid p. 507, 13). Ihr liegt eine Drei zahl 
ursprünglicher Wesen (Zeus, Kronos, Chtonie DFV p. 508 fr. 1) 
zu Grunde. Die Elemente der pythagorischen Zahlenmystik 
sind angedeutet. Bei Pherekydes gab es, soviel man sehen kann, 
kein Chaos. Aber die Gestalt des Aithalides und sein Vater 
Hermes scheinen der symbolische Ausdruck des Chaos und des 
aus ihm entspringenden Phanes der orphischen Theogonie zu sein. 
Sobald Pherekydes dem Chaos in seiner Theogonie keine Stellung 
zuzuweisen vermochte, lag die Umgestaltung dieses für jede 
symbolisierende Kosmologie so wichtigen Begriffes in eine kon- 
krete Götterfigur sehr nahe. So nehme ich also den Gedanken 
der vorangehenden Bemerkung auf und vermute in Hermes - 
Kadmos den Ersatz für das orphische Chaos, in Aithalides den 
Vorläufer des Phanes. Das zwischen beiden liegende Weltei 
konnte hierbei natürlich nicht in diesen Zusammenhang ein- 
gehen. Die fünf Metempsychosen des Aithalides lassen ebenfalls 
den Einfluß der von Pherekydes hochbewerteten Fünfzahl er- 
kennen. Und auch darüber wird jetzt (trotz Rhode, Psyche * II, 
419, der den Ausdruck bei Diogenes möglicherweise für ungenau 
hält und die fünf Geburten des Pythagoras dem Heraclides 
Ponticus ausschließlich zur Last legt) wohl kein Zweifel be- 
stehen können, daß schon Pherekydes den Mythos zur Darstellung 
der Lehre von der Metempsychose verwendet hat (Suidas s. v. 
Pherekydes DFV p. 507. 10). Pythagoras wich allem Anscheine 
nach hauptsächlich in der Beziehung des Hermes auf den apol- 
linischen Sagenkreis von seinem Lehrer ab. 

S. 10, Z, 6. Euphorbos] Die spätorphischen Lithika, in denen 431 ff Euphorbos 
durch den aiSr^QiTf^g gegen Schlangenbiss gefeit im idäischen 



90 Stadien znr antiken Enltar. 



Gebirge furchtlos jagt, denten anf Beziehungen des Euphorbos- 
zu ApoUon Sminthens, respektive Sanrokter. Wichtig ist der 
Kampf zwischen Enphorbos und Menelaos vor Ilion und der 
Zng, daß Menelaos seinen Schild im Heiligtum des ApoUon 
aufhängt. Aus dem Namen des Menelaos wird sich ein Zu- 
sammenhang mit dem Fischer Pyrrhon ergeben. 
S. 10, Z. 1, Hermotimos] In dem Schild wird ein dem Becher, Dreifuß, der 
Truhe u. s. w. äquivalentes Bild des ApoUonmytho's zu erkennen 
sein. Der Name Hermotimos deutet zwar auf Hermes, aber 
viel weniger noch als bei Euphorbos sind wir hier über die Sagen 
orientiert, in die dieser Heros verflochten war. Vielleicht hängt 
Hermostinos mit dem noch so wenig aufgeklärten Hermos (vgl. 
Rochers mythologisches Ijexikon unter diesem Worte) susammen. 

S. 10, Z. 14. Pyrrhon] Der delische Fischer Pyrrhon, eine ganz unbekannte 
Figur, nimmt uns als Vorstufe vor Pythagoras Wunder. Aber 
der Name Pyrrhon deutet auf die Deukalion-Sage, in der der 
Pyrrha auch öfters ein Pyrrhon gegenübergestanden zu sein 
scheint (Usener a. a. 0., p. 75). Jetzt erinnere man sich an die 
Bedeutung der Fischer in den ApoUonmythen. Sie ziehen ein 
Götterbild (z. B. Usener a. a. 0., p. 105) oder einen goldenen 
Dreifuß (cf die Sage von den sieben Weisen bei Harro Wulf, 
de fabellis cum collegii Septem sapientium memoria conjunctis^ 
quaestiones criticae. Balis Saxonum 1896, insbes. p. 13, sub i) 
aus dem Meere. Einen von Hephaistos verfertigten goldenen 
Dreifuß soll Helena nach einem alten Orakelspruch (cf Wulf, 
a. a. 0., p. 18. sub 11) ins Meer versenkt haben, Helena, das 
Weib des Menelaos, der den Euphorbos tötete. Wenn wir irgend 
eine Vermutung über den Inhalt des Orakels aussprechen wollen, 
so kann es nur die sein, daß der Dreifuß aus dem Meere heraus 
in die Hände des zu Pyrrhon gewordenen Euphorbos und durch 
diesen in das Heiligtum des ApoUon gelangen sollte. Aithalides 
(gleich dem späteren Phanes). der Leuchtende, wurde von 
Pyrrhon in der symbolischen Form des goldenen Dreifußes 
seinem Vater wiedergegeben, — Der Knabe des Bathykles. 
Thyrion mit Namen, der (Wulf. a. a. 0., p. 12, sub. c) den 
Dreifuß von einem W'eisen zum andern trug, scheint eine Neben- 
form des Eurypylos (Usener, a. a. 0.. p. 104 ff), des „Torwartes" 
zu sein, dessen Kult in Kos (Usener, a. a. 0., p. 104, Anm. 2) 
es vielleicht erklärt, daß nach anderen Versionen koische Fischer 
den Dreifuß ans Land brachten, um den. dann die Lebedier 
{^'ßtjSi das Becken) mit ihnen stritten. Pherekydes kennt neben 
„Buchten", „Gruben", „Höhlen", auch „Türen" und „Pforten", 
als Symbole für die Wandlungen der Seele. 

S. 11, Z. 14. Rotbart] Der griechische Name iQly?.ri verweist auf die der 
Hekate heilige Dreizahl. 

S. 11, Z. 15. Eier] Die auch bei Empedokles (Act. II, 31, 4. DFV, p. 169. 
n. 50) wohl in Anschluß an Pythagoras festgehaltene Ei-, resp. 
Kugelform des Weltalls deutet darauf hin, daß Pythagoras außer 
von Pherekydes auch noch von den Orphikern, bei denen das 
Weltei bekanntlich eine große Rolle spielte, beeinflußt gewesen 
sein konnte. So jung auch möglicherweise die Figur des orphischen 
Planes sein mag (vgl. zum Stand der Frage 0. Kern, de Orphei 
ceterorumque theogoniis, Berolini 1888, p. 22 ff und p. 35). 
so wenig kann gezweifelt werden, daß das Weltei eines 
der ältesten orphischen Bilder gewesen sein dürfte, durch welches 
das Schöpfungsproblem unmittelbar veranschaulicht werden 
sollte. In ihm liegt nicht nur die Vorstellung von einer voU- 
kommenen, allseitig gerundeten Form der Welt, sondern auch 



Stadien zur antiken Knltar. 91 



der Gedanke, das Werden des Makrokosmos dnrch die Analogie 
des Werdens eines Mikrokosmos zn erfassen. Man vergleiche 
später das Bild vom Gferstentranke bei Heraklit, in 
welchem der inverse Gedanke niedergelegt ist. Dort wird ans 
dem nach damaliger Vorstellung anorganischen Greschehen in dem 
gährenden Tranke der Kreislauf im Weltall erklärt: hier 
in diesen wohl beträchtlich älteren Vorstellungen wird umgekehrt 
durch ein dem Gebiete des Organischen entnommenes Gleichnis, 
des Ei. die Entstehung der als Kosmos aufgefaßten Welt 
erläutert. Es ist wichtig, sich in diesem Zusammenhange zu 
vergegenwärtigen, wi^ nahe noch Pjthagoras dem orphischen 
Gedanken steht und wie weit Heraklit von ihnen schon entfernt 
ist. ja wie er zu ihnen bereits in gewissem Sinne in einem 
ausgesprochenen Gegensatz steht. 

S. 13, Z. 1. Aphrodite] Was Pherekydes Chtonie. die dritte weibliche, neben 
den beiden anderen männlichen ürgottheiten nennt, könnte 
leichtlich mit der einzigen weiblichen Gottheit unter den Planeten- 
göttern des Pjthagoras in naher Beziehung stehen. Die strenge 
paarweise Anordnung der Rand- und Mittelglieder der pytha- 
gorischen Gruppen ließe uns statt der Aphrodite als Gegenstück 
zu Zeus seine Gemahlin Hera vermuten. Eine innigere Be- 
ziehung zum Herakult ist gerade bei dem Samier Pjthagoras 
zu erwarten. Nicht nur für Aphrodite, sondern auch für Hera 
sind chtonische Funktionen nachgewiesen. Es wäre dann an- 
zunehmen, daß erst später die ursprüngliche Hera des Pjtha- 
goras in der Schule durch Aphrodite ersetzt wurde. So ließe 
es sich auch verstehen, daß zwar Pjthagoras als erster die Ver- 
einigung von Morgen- und Abendstem bei den Griechen vorge- 
nommen haben soll, daß aber gleichwohl dem Dichter Ibjkos 
die Erfindung und poetische Verwendung des Namens Aphrodite 
zugeschrieben wird. Dann hätte eben Ibjkos an die Stelle der 
Hera die Aphrodite eingesetzt. 

S. 13, Z. 3. Welträume] Die Fünfergruppe läßt sich quellenmäßig nicht 
belegen. Daß sie existiert habe, ergibt sich als wahrscheinlich, 
da für Pherekjdes die Annahme von fünf Welträumen verbürgt 
ist. Welcher Art die fünf Welträume des Pherekjdes gewesen 
seien, wissen wir nicht; aber für Pjthagoras brauchen wir bloß 
einen Blick auf die Reihenfolge der Schichten in seinem Welt- 
sjstem zu werfen, um genau in der eingehaltenen Ordnung alle 
angeführten fünf Regionen zu erkennen. 

S. 14, Z. 34. Phjsik] Die Stelle des Jamblich (in vit. 141. p. 100, 19. Pist.) 
redet von einer ursprünglichen Dreiteilung der Wissenschaften 
bei Pjthagoras. Aber die. welche Jamblich gibt, nämlich 
Arithmetik. Geometrie, Musik, würde Astronomie wie Phjsik 
(den Inbegriff damaliger Philosophie) aus der Zahl der pjtha- 
gorischen Wissenschaften ausschalten. Die gegebene Einteilung 
sucht aus dieser sachlichen Erwägung heraus eine sachlichere 
Gliederung der pjthagorischen Wissenschaftslehre zu bieten. 

S. 15, Z. 8. Gerechtigkeit] Das pjthagorische Gleichnis, man solle das 
Gleichgewicht nicht überschreiten (tvyov ^^ tneQßatveivJ,. 
wird von Porph. vit. Pjth. 42 dahin gedeutet, man solle sich 
nicht zu bereichem trachten. In denTheologumena arithm. (ed. Ast, 
Lpz. 1830) p. 30 f wird aberfyydv mit diwxioavvri identifiziert, die 
Form des E in Delphi, das seinem Zahlenwerte nach fünf gibt, mit 
der Wage verglichen und angeblich nach Pjthagoras selbst die 
Gerechtigkeit der Fünfzahl zugeteilt. Demgegenüber klingt das 
Apophthegma des Pittakos bei Diog. L. I., 77 viel echter pjtha- 
gorisch. Es lautet: Ilhraxog tTib K^oiaov (%c. iQOizri'd'elgJ' zig 



92 Studien zur antiken Kultur. 



dQx^ l*€ylairi; fi tov jtoixlÄov, ^g)fj, §vXov [hölzerne Inschrift- 
tafel, auf welcher das E zu Delphi angebracht war. Vgl. W. 
H. Röscher, Weiteres über das E zu Delphi und die übrigen 
YQdfJi'fA.axa SeÄq>cüäy Philologus LX, 84], aijfialvwv töv v6^ov. Die 
Fünf zahl als d^X''^ ^^^ g&nz pythagorisch; auch gegen die Zu- 
weisung des Gesetzes zur Fünfzahl wußte ich nichts zu sagen, 
wenn mir auch sonstige Belege für diesen Gedanken nicht bekannt 
sind. Auf Grund dieser Stelle erklärt sich dann die irrtümliche 
Gleichstellung der Fünfzahl mit der Gerechtigkeit in den Theolog. 
arithm., die einfach statt v6f*og öixaiomjvfj setzten. Das ^vydv fi^ 
tneoßalveiv wäre dann dem Sinne nach gleich dem aTäy>avov ^^ 
zUXeiv (Arist. fr. ed. Rose, p. 1512, Z. 1), in dem ebenfalls 
atä(pavos gleich vöfiog steht. Der vö/i^og ist als Wage, durch 
welche eine gleichmäßige Verteilung der Rechtsgüter verbürgt 
erscheint, gedacht. Das Walten der Gerechtigkeit hängt von 
ihm ab. Die Fünfzahl steht über der VierzahL (Vgl. S. 23.) 

II. 

S. 17, Z. 2. Vaterstadt] Biographische Daten über die samische Periode des 
Pythagoras siehe unter Heraklit ÜI (S. 52 ff). 

S. 17, Z. 5. Syros] Gomperz, griech. Denker, I., S. 430, sucht den Zusammen- 
hang des Pythagoras mit Pherekydes in Abrede zu stellen. 

S. 17, Z. 21. entvölkert] Die fabelhaften Zahlen der Truppen der Sybariten 
und Krotoniaten (300.000 = 10x30.000, wobei 30.000 die Zahl der 
Jahre ist, welche die Seele nach Empedokles zu wandern hat, 
um alle Tierformen zu durchlaufen), das Verhältnis 3 : 1 zwischen 
den kriegführenden Parteien, das Motiv der Schutzflehenden, 
der heraklesgleiche Milon, der seinen siebenten Kampf siegreich 
durchficht, und der Sieg des guten Prinzipes über das böse, sind 
mystische Gebilde, bei deren Zustandekommen vielleicht Details 
der Theomachia des Pherekydes, in der Kronos und Ophioneus 
am Gestade des Ogenos-Flusses um den Besitz des Himmels 
kämpften, vorbildlich mitgewirkt haben könnten. 

S. 17, Z. 25. Delphi] Beziehungen des Pythagoras zu Delphi, insbesondere 
zu den y^dfM^fiata 6e?.q)iad ergaben sich auch oben in Anm. zu 
S. 15, Z. 18, Gerechtigkeit. 

S. 18, Z. 5. verpflichtet] Eine Sonderung der Lehre in exoterische und 
esoterische scheint mir gegenwärtig nicht durchführbar. Was 
Männer wie Oinopides von Chios oder Hippasos von Metapont 
als echt esoterische Lehre des Pythagoras verraten haben sollen, 
ist in den übrigen Berichten durchaus nicht als besonders tiefe 
oder letzte Weisheit dargestellt. Insbesondere für uns aber, 
die wir nicht mehr entscheiden können, worin sich Pythagoras 
gegen die volkstümlichen Anschauungen abschließen wollte, und 
die wir viel mehr als an seine ganz subjektiven Scheidungen 
zwischen geheim und profan, an seine Symbole selbst anzu- 
knüpfen haben, verliert diese Sonderung so gut wie jeden Wert. 
Zwar wird dort, wo wir seine Symbole erst deuten müssen, 
oft esoterische Lehre vorliegen; aber auch zweifelsohne exoterische, 
wie sich an der Fülle der Speiseverbote zeigt. Und auch um- 
. gekehrt sind ganz klare Dinge, wie etwa die geometrischen 
Eigenschaften des Pentagondodekaeders, allem Anscheine nach 
esoterisch behandelt worden. Daraus scheint mir hervorzugehen, 
daß der Grad der Leichtigkeit, mit welcher wir heute die Sym- 
bole von damals verstehen und der Wert, den wir ihnen zu- 
erkennen, natürlich nicht der Maßstab für die Unterscheidung 
in esoterisch und exoterisch sein kann. So lange uns die Quellen 



Stadien zur antiken Knltur. 93 



hierüber nicht ausführlich aufklären, bleiben uns nur unfrucht- 
bare Vermutungen übrig. Dem Bedenken, wir könnten durch 
Vernachlässigung dieser Unterschiede exoterische und esoterische 
Formen desselben Gedankens als gesonderte Lehren ansprechen, 
begegnen wir am besten, wenn wir daran erinnern, daß solche 
verschiedene Formen desselben Gedankens ertahrungsmäßig immer 
einen inneren Zusammenhang aufweisen. Wo dieser gefunden 
ist, kommt das System zu seinem Recht; wo man keinen finden 
kann, verliert es noch nichts. 
S. 18, Z. 14. Tod] Auch der Flammentod ist ein sagenhaftes Motiv der Pytha- 
goraslegende. Erst als man seine symbolische Bedeutung, die 
Epiphanie des Lichtgottes Aithalides, nicht mehr verstand, fühlte 
man in der Schule das Bedürfnis, den der Zukunft kundigen 
Pythagoras die Anschläge des Kylon ahnen zu lassen und ihn 
vor der Katastrophe zu entfernen. 

III. 

S. 20, Z. 20. nicht] Vgl. A. Meinong in den Untersuchungen zur Gegenstands- 
theorie und Psychologie, Lpz. 1904, S. 8. über das Prinzip der 
Unabhängigkeit des Soseins vom Sein. 

S. 21, Z. 13. Ibykos] Vgl. Anm. zu S. 13, Z. 1, Aphrodite. 

S. 21, Z. 24. Zersetzung] Ausführlicheres hier aber unter Heraklit HI (S. 70 f). 

S, 24, Z. 18. haben] Über eine volkstümliche Antizipation (oder Verwertung?) 
dieser astronomischen Einsichten, in der der Mond ' und die 
Planeten selbstleuchtend gedacht waren, nämlich über das the- 
banische Daphnephorenfest, vgl. Heraklit III (S. 71). 

S. 26, Z. 25. Stoff] Aristoteles soll in seiner Schrift über die Pythagoräer 
gesagt haben, Pythagoras habe die Materie „das Andere^^ genannt, 
weil sie fließt und sich verändert. So ist sie also das Bleibende 
im Wechsel der Dinge, das Wesen, das sich in immer neuen 
Formen offenbart. 



Zu Herakleitos. 

A. Quellen. 

I. Fragmente. 

Die Zusammenstellung der Heraklit-Fragmente wurde nicht mit Rück- 
sicht auf irgend eine Ausdeutung seines Systems vorgenommen. Wer sich mit 
diesem Philosophen zu beschäftigen beginnt, muß sich zuerst mit dem Per- 
sönlichen an seinen Aussprüchen abfinden. Die Mehrzahl modemer Leser 
empfindet, soviel ich beobachten konnte, sogar noch viele dieser Sätze als 
rein persönlich, welche allem Anscheine nach ganz und gar systematisch 
gemeint waren. Wer würde ohne eingehendes Studium des Übrigen in dem 
isolierten Satz : „Man soll nicht handeln und reden wie Schlafende^' zusammen 
mit der Sentenz „Die Wachen haben eine gemeinsame Welt" mehr suchen 
als eine Aufforderung zu bewußter Tätigkeit? „Allen Menschen ist es ge- 
geben, sich selbst zu erkennen und klug zu sein", sagt Heraklit und wir 
haben, zuerst wenigstens, den Eindruck, einen optimistisch - rationalistischen 
MoralphiloBophen zu hören. Hierdurch werden manche Aussprüche, die nicht 
gerade ihre Kraft aus Invektiven ziehen, zumeist platt und treten mit anderen, 
durch tiefe Dunkelheit von ihnen verschiedenen, in merkwürdigen Kontrast. 
Auch bei diesen aber deuten wir zunächst immer, gemäß dem uns Geläufigeren, 
falsch. Wie mancher wird den sonderbaren Satz: „Tod ist alles, was wir 
im Wachen sehen!" schon zu verstehen glauben, wenn er eine dämmernde 
pessimistische Grundstimmung über die Vergänglichkeit menschlicher Dinge 
zu empfinden beginnt. Sie ist uns eben geläufiger als die grandiose Über- 
tragung des Begriffes vom Tode auf den gesamten Wandel der Formen im 
Weltall, also auch auf das anorganische Geschehen. Heraklit ist durchaus 
nicht so modern wie die in ihn hineingetragenen Gedanken. Es scheint 
dies darauf zu beruhen, daß die Mystik von damals Klarheit kannte, während 
die von heute, wo immer man zu ihrem Verständnis vordringen will, zeigt, 
daß sie sich mit Unklarheit begnügt. 

Dieser typische Wandel der Dunkelheit in Klarheit, des Platten in 
Bedeutungsvolles, unter stätigem Einfluß von Seiten des Persönlichen, darf 
durch keine Anordnung der Fragmente unterdrückt werden. Ganz im Gegenteil 
war die Absicht der Zusammenstellung, ihn zu fördern und in bestimmte Bahnen 
zu lenken. Die objektive Anordnung bei Diels wurde aufgegeben, weil in sie 
alle Fragmente eingehen müssen, also auch die, welche ohne komplizierte Inter- 
pretation überhaupt nicht verständlich sind oder schon Gesagtes minder 
prägnant wiederholen. Auch die Hoffnung, der Anordnung des Original Werkes 
nahe zu kommen, ja etwa gar gleichzeitig das System zu rekonstruieren^ 
wurde fallen gelassen. Es blieb nichts anderes übrig, weil zu erwägen war, nach 
welchen Gesichtspunkten die Schriftsteller, bei denen uns heraklitische Frag- 



Studien znr antiken Kultur. 95 



mente überliefert sind, ihre Exzerpte verfertigten. Sie wollten nicht das 
System darstellen, sondern immer nnr herausheben, was für ihren Zweck 
wichtig war. Aber ihre Zwecke. — wie verschieden sind siel Dem einen 
genügt es, das Wettern gegen Homer als Kuriosum zu verzeichnen oder in dem 
Schmähspruch gegen die Ephesier sich selbst beinahe markig zu finden, der 
andere will seine christliche Theologie mit altjonischer Weisheit aufputzen und 
klaubt außerhalb des Zusammenhangs nach seiner eigenen Perspektive alles 
lieraus, was nach Weltgericht. Himmel und Hölle aussieht, und ein dritter 
zeigt wieder mit skeptischer Schadenfreude: auch Heraklit besaß kein Kri- 
terium der Wahrheit. Wie sollte aus alledem der Zusammenhang des 
Originales erschlossen werden, über dessen Form sogar wir uns bloß in Ver- 
mutungen ergehen können ? Denn es ist ebenso gewagt, Heraklit auf Grund 
mancher inhaltlicher Verwandtschaft mit Nietzsche auch gleich zum ersten 
Aphoristen zu machen, wie das Gegenteil zu behaupten. Man vergißt, wie 
gefährlich es ist, auf das Altertum moderne Begriffe anzuwenden, selbst wenn 
formelle Übereinstimmungen bestehen. Selbst wenn man manchen Fragmenten 
Heraklits die Aphorismenform zuerkennt, so werden sie sich vom modernen 
Aphorisma doch wesentlich dadurch unterscheiden, daß sie bei Heraklit in 
ein System eisern eingegliedert waren und sich also durchaus nicht jener 
systemlosen Freiheit bedienten, deren sich etwa Nietzsche gerade um seiner 
Aphorismen willen rühmt. Aber das System Heraklits kennen wir noch nicht. 
Avenn wir zum erstenmale seine Aussprüche lesen. Sie wirken auf uns in 
der Tat als Aphorismen, weil wir moderne Menschen sind. Den Weg bis 
zur Meinung des Altertums müssen wir erst durch vertiefendes Studium 
langsam zurück verfolgen. In diesem Sinne, zur Erleichterung des Überganges, 
wurden die Fragmente an einander gereiht. 

Indeß wurden in diese Anordnung nur jene aufgenommen, welche ohne 
Erläuterung verständlich schienen, und viele, die sich für den ersten Anblick 
all zu sehr in mystisches Dunkel verlieren, anderweitig präziser finden, 
oder zur Charakteristik nicht sonderlich beitragen, habe ich weggelassen. 

Der erste Abschnitt sucht die namenlose Verbitterung, und alles, was 
organisch an sie sich anschließt, alle Heftigkeit und alle Überlegenheit dieses 
Wesens, vor allem aber den subjektiven Stil des Heraklit zu vermitteln. 
Diese Tendenz wurde bis ans Ende der Zusammenstellung als Grundton bei- 
behalten. Der zweite Abschnitt geht schon auf Ergebnisse über Gesetz 
Denken, Seele. Wille und Welt ein; der dritte beschäftigt sich mit dem 
Göttlichen, in dem symbolisch die Naturauffassung anklingt. Der 
vierte faßt diese Naturbetrachtungen zusammen und will ahnen lassen, in 
welchem Sinne sie sich wieder im Persönlich - Menschlichen spiegeln. Der 
fünfte redet von den letzten Dingen. 

II. Imitation bei Pseudohippokrates. 

Die zusammenschließende Übersicht über die membra disjecta des 
heraklitischen Werkes und Systems wird uns besser als durch Parallelen aus 
der Neuzeit, die doch immer wieder nur mit Vorsicht benützt werden können, 
durch den Nachhall in den nächsten Generationen, die kulturell jenen Ge- 



96 Stadien zur antiken Knltnr. 



danken noch viel näher standen, vermittelt. Anch fttr die Imitation des 
Heraklit bei Psendohippokrates läßt sich ein moderner Vergleich schaffen, 
der anf die geläufige Beziehung des Heraklit zn Nietzsche ein merkwürdiges 
Licht wirft. Dieser Psendohippokrates erinnert uns an Goethe. Wie stück- 
weise muß immerhin unser Verständnis noch sein, wenn auf den vermeinten 
antiken Nietzsche ein antiker Goethe folgen konnte! 

Aber es ist eine eigene Sache um historische Vergleiche. Wenn wir 
zwei Menschen einander ähnlich finden, wurzelt unser UrteU meist im 
Nebensächlichen und im Nebensächlichen am störksten. Denn das ist Auf- 
fassungssache. Man fragt die guten Bekannten, ob man Recht habe. Wenn 
sie widersprechen, zürnt man und versteht sich nicht. Und doch wollte man 
sich verständigen, das Fremde sich nahe rücken, das Eigene mitteilen. 

Ähnlich steht es um Vergleiche in geschichtlichen Dingen und fast 
noch schlimmer um Vergleiche zwischen großen Menschen und Philosophen 
im Besonderen. Wir wollen vergleichen, das Fremde uns näher bringen, den 
sonderbaren letzten Rest der fremden Individualitöt ins Persönliche auflösen, 
und man zürnt uns, wenn es mißlingt. 

Gewisse Ähnlichkeiten zwischen Altem und Neuem, den ersten und 
letzten Taten der Menschen, scheint es gegeben zu haben, so lange es 
Geschichte gibt. Die Kant-Laplace'sche Theorie nahmen die Theogonien mit 
ihrem Chaos vorweg, Anaximander ließ die Menschen aus Fischen hervorgehen. 
Pythagoras hat die Erde aus der Mitte der Welt entfernt. Piaton schuf den 
Begriff der Onomatopoetik, Archytas baute Automaten. 

Welche Vorahnungen, welche Ähnlichkeiten mit dem Neuesten ! Sie 
sind nach festem Maßstab überprüfbar. Wir können sie besprechen und aus- 
sprechen, weil das. womit sie sich beschäftigen, inzwischen für uns zur 
Wissenschaft geworden ist. Und Wissenschaft analysiert. Sie weist im Kom- 
plizierten das Einfache nach, sie baut die Welt neu auf. wie sie muß und 
will, sie gibt damit die Mittel in die Hand, mit denen wir uns verständigen. 
Wie leicht wird es uns, den Unterschied zwischen den Spielereien des Archytas 
und dem Stolz unseres Eisenbahnjahrhunderts zu kennzeichnen! Wir können's 
gewissermaßen aufzählen. Die Kohlen, den Dampf, die Elektrizität, den 
Begriff der Maschine in seiner physikalischen Allgemeinheit, die Mathemathik 
mit ihren Differenzialen und Integralen voll praktischen Interesses, ihrer 
Zahlen- und Funktionstheorie voll theoretischer Gleichgiltigkeit und nur noch 
so gewissermaßen als residuum unsere Staatsform und ein paar Änderungen 
in Sitte und Sinn. Und Pythagoras? Ihm fehlte exakte Beobachtung, das 
Femrohr, die Verallgemeinerung seines Satzes und wenn schon nichts Anderes,, 
der Begriff von sinus und cosinus. Die Sprachwissenschaft des Piaton wußte 
nichts von Vorsilbe und Stamm : damit sind wir weit über sie hinaus. Über 
Anaximander vollends und die Theogonien lächeln wir nur mehr mitleidig; 
denn nichts wußten die Alten von einer Entwicklung, ihr Chaos unterlag 
keiner Gravitation und wenn sie sich ein Walten im Unendlichen vorstellen 
wollten, so schufen sich die unklaren Geister unter ihnen Streit und Liebe, 
göttliche Mächte aus der menschlichen Brust. Ja, ganz anders sieht uns die 
Welt aus, ganz leicht ist es, diese fremde Welt zu unserer zu orientieren : 
wir haben doch mehr Kultur. 



Studien zur antiken Kultur. 97 

Und doch sind wir so bitter annselig daran, wenn wir auch nur ver- 
stehen wollen, wie die Theogonien auf ihr Chaos kamen, auf welchen Pfaden 
Anaximander seine fischartigen Vorfahren der Menschheit fand. wie.Pytha- 
goras als erster unter allen Menschen Welten verrückte, wie Empedokles und 
Piaton Götter schufen, wie Archytas baute. 

Die ersten Glieder der Ähnlichkeit sind noch immer im Ungewissen. 
Die griechische Kultur scheint uns wieder fremder denn je. Die Geschichte 
der Philosophie wird uns einer der Wege zu ihr, sie wird uns eine „Um- 
schreibui^ der Kultur — als einer Temperatur und Stimmung vieler, ur- 
sprünglich feindseliger Kräfte, die jetzt eine Melodie abspielen lassen."* Wir 
müssen diese Umschreibung leisten, wenn wir einen Vergleich zwischen der 
alten und neuen Kultur zustande bringen woUen, wenn wir Sehnsucht danach 
fühlen, auf einer Leyer, deren Saiten längst vermodert sind, unsere Melodie 
zu spielen. 

So sieht es aus um unsere Vergleiche und Ähnlichkeiten, wo doch 
'noch immerhin eine Seite von Analyse und Wissenschaft ins Helle gerückt 
wird, wo Ansichten an Ansichten, Hörbares, Sichtbares, Lernbares ^ an ein- 
ander geraten. Aber wo wir Menschen und Persönlichkeiten einander gleich- 
stellen, — wie sieht dort eine Ähnlichkeit aus zwischen Athen und Berlin, 
zwischen Athen und Weimar, zwischen Athen und Bayreuth? 

Für solche Dinge fehlen uns die Worte, denn für Gefühle, Stimmungen, 
Persönlichkeiten hat sich die Wissenschaft zwar interessiert, sie aber immer 
nur als Objekt im Einzelnen, nicht als Ganzes in Beziehungen untersucht; 
nur Dichter haben sich ab und zu an solche Analysen gewagt. Wie steht 
es, wenn wir also einmal dieses Persönliche, wenn auch nicht der Biographie, 
so doch der Mühe wert finden und einmal zwei Persönlichkeiten einander 
gegenüberstellen, sagen wir: Nietzsche und Heraklit. 

Wie gleichen sie doch einander! Sie sagen dasselbe und nicht das- 
selbe. Sie spielen mit Worten, Gedanken und Pfaden, mit oben und unten; 
sie rühmen sich des schöpferischen Hauchs und jener himmlischen Not, die 
noch Zufälle zwingt, Sternenreigen zu tanzen. Würfel zu spielen am Tische 
der Erde, so daß sie erzittert vor den neuen Götterworten und Götterwürfen. 
Brünstig sind sie nach dem hochzeitlichen Ringe, dem Ringe der Wieder- 
kunft. Als Wahrsager wandeln sie auf hohem Joche zwischen zwei Meeren, 
zwischen Vergangenem und Zukünftigem, als schwere Wolke, schwanger 
von Blitzen, die Ja und Amen sagen. Ihre Vogelweisheit spricht: „Siehe ~ 
es gibt kein Oben und Unten, wirf Dich umher, hinaus — die Küste 
schwindet, die Kette fäUt — das Grenzenlose braust und weit hinaus glänzt 
Raum und Zeit." 

Haben wir sie jetzt besser verstanden? Worin werden wir hier den 
Alten dem Neuen oder den Neuen dem Alten überlegen finden? Im Reichtum 
der Gedanken, in der Leichtigkeit der Sprache, in der Fülle der Seele? Wie 
messen wir hier ? Und doch ist auch das noch Philosophie, letzter Schimmer 

1 Nietzsche, Werke X, 249 („Ob die Philosophie Fundament einer Kultur 
sein kann."). 

^ cf. Heraklit fr. 55. 



98 Studien znr antiken Knltnr. 



der leuchtenden Wissenschaft, vor allem aber etwas, das sonst die Wissen- 
schaft machen will, das aber aus ureigenster Kraft von selber hervortritt: 
hier ist Leben in besonderer Form, bestimmte Art des Daseins. Kultur. Die 
Wissenschaft, die Leben macht und Leben läßt, ist Technik: die Wissen- 
schaft, die Kultur zeugt, gibt es nicht. Was sie tuen, wissen sie: was sie 
nachahmen, wissen sie nie! * 

Also stehen wir auch heute noch vor dem alten Problem, auch heute 
noch — nach Nietzsche und Heraklit. Hinter dem Leben, hinter der Kultur, 
hinter den großen Marionetten der „weinenden'* und ..lachenden" Philosophen, 
stehen Probleme, oder Gottheiten, und die Größten sehen nur das „Staub- 
gewölk des olympischen Kampfes und das Aufglänzen göttlicher Speere".* 

Das den Heraklit -Fragmenten folgende, von mir metrisch übersetzte 
Stück aus (Hippocr.) de victu I (abgedruckt: DFV. p. 85—88) wurde zuletzt 
von C. Fredrichs, Hippokratische Untersuchungen. Berlin 1899 (als Heft XV 
der philologischen Untersuchungen, herausgegeben von A. Kiessling und 
ü. V. Wilamowitz - Moellendorf). nicht nur texlich. sondern auch 
«einer philosophiegeschichtlichen Stellung nach eingehend erörtert. Da 
ich bei der metrischen Übersetzung des Stückes bald aus inneren, bald 
aus formellen Gründen den Text freier behandeln, mitunter sogar durch Aus- 
lassungen, ja auch an einer Stelle durch Hinzufügung für seine Kon- 
tinuität sorgen mußte, soll hier zunächst die Überlieferung mit allen vor- 
zunehmenden und vorgenommenen Abweichungen ihren Platz finden. Neben 
sie sind die wichtigsten Belegstellen für heraklitischen Ursprung und eventuelle 
fremde Beeinflussung (meist unter Benützung der diesbezüglichen Vermerke bei 
0. Fredrichs) gesetzt; unter dem Text stehen die Abweichungen von Fredrich 
und Diels. sowie rechtfertigende Bemerkungen zu meiner Übersetzung. 
[ ] bezeichnen das in meiner Übersetzung Weggelassene. < > Hinzufügungen. 
[[ ]] Wegzulassendes. 

[Hippocr.] de victu I, cap. IV ff. 
"Eyiaatov nqbg navta %aX navxa n^og 
inaoTOv TÖ ai}tb xal oiökv jidvTwv 
TÖ ai)T6' ö vöfiog yäq xfi (pvaei jibqI 
TOiftiüv ivavTlog.] Plat. Krat. 402 A ^^ei nov ^H^dx- 

V. XwqeI ök Ttdvxa aal ■d'eta Xeitog, du Ttdvxa y^üiQet Kai oitdkv 
Tial ävO-geoTiiva ävct) xal xdTCH fie'vei. cf.fr. 12 f^ei TtdvraJ. fr. 102 
dfieißöfieva.fifiäQrjxaledipQÖvijiTil (T(p f^ev S-e^ opp. äv&QCjjtoi 6kj. 
TÖfjirixi.atovxalkÄdy^Knov'ihg^aeX'rivri fr. 60 ööbg ävo) xdio) fila xal tavtii. 
ItiI tb fd^^lxiOTOv xal iAdyiatov [nvQÖg fr. 67 d d-ebg i^fi^Qt] eixpqdvri. iT.61 
i(po6og xal üdarog^. < odrcog > ^ '^Äiog ij^äQf^v xal edtpQovtjv ovx iyi- 

1 cf. S. 44, Z. 22. 

* Nietzsche. Werke X. 33. 
^ [(hg] Fredrich. 

* TivQog Ecpodog xal ßöazog [sc. iarlv aeÄijvTj] mag zwar echt heraklitisch 
gedacht sein, stört aber den Zusammenhang als unangezeigte Bemerkung und 
konnte daher in die Übersetzung nicht eingehen. 

* <odzü)g> Diels. 



Studien zur antiken Kultur. 



99 



Tidvta Tai>tä Kai od tä adid' 
(pdog Zi]vi, (mÖTog 'Alörj. q)dog 'Alöt^. 
utiOTog Zrivt' q)oiT^ Tietva äiSe xal 
xdde xeiae, näaav wqi^v, Jiäaav x<i)Qfjv, 
6ia7iQriaa6f4,eva xstva te tu icavöe zdöe 
ze <:^ad >^ lä TieCvtov. xal rä f*iv Jt^^a- 
aovaiv, odx oXöaaiv. & ök od Tt^'^acov- 
at, doxeovatv eiddvai' xal lä fihv ÖQä- 
ovoLv, oi> yivtbaxovaiv, <& ök odx 
ÖQäovaiv, öoxiovatv yivwaxecv. 
Soxei 6k TU. '&eta> ^ dkX dfioig adioiai 
jidvra ylvetai 6i' dvdyxrjv -d-eh^v xal 
ä ßovÄovzai xal ä ftr^ ßovÄovtai. 

(poitü)vx<j)v JE kxeCviüv (^Se liovök 
te xelae, avf*^i(ryof4€v(ov TiQÖg aXXri- 
Äa Tijv 7i£7iQCt)i!*evi^v /4,0LQav ixaarrov 
-ixjiXriQol xal ijil tb f*€^ov xal iTil 



v<j)(jxEv' eoTi ydq iv. fr. 4 a xazä Äo- 

yov 6k diQäwv (jvf*ßdÄÄezai ißSofiag 

xazä aeXiivriv. 

fr. 31 TivQbg zQOTial tzq&zov S-d- 

Xaaaa. 

fr. 10 xal ix 7idvzo)v iv xal i$ 

ivdg Tidvza. 

fr. 15 (Jivzbg 6k 'Al6i]g xal Atdvvaog. 



fr. 17 oi> yäg (pQoveovai zoiavza <o/> 

TzoXXol, öxoloig iyxv^evGiv, od6k fta- 

S'ovzeg yivcoaxovaiv, itovzoiat 6k 

6ox€Ovat. 

fr. 11 Tiäv y&Q iQTzezbv (S-eov) TiXriyfi 

vif^ezai. 

Diog. L. IX, 8 (DFV p. 60, 6) yewäa- 

S-a£ ze a-özbv [sc. zbv xoafAOv] ix nvgbg 



* [fl^^iog — ßgaxvzazov] Fredrich. 

^ <ad> Diels. 

^ <& 6k oi>x ÖQeovatv. 6oxäovatv yivcaaxeiv, 6oxet 6k za d-eta. > Zu dem 
vorhergehenden Satz erwarten wir einen der Gliederung nach entsprechenden 
und vermissen die Durchführung dieser Figur umsomehr, als sonst der Ver- 
fasser in solchen Dingen eher zuviel tut. Immerhin aber kommen wir ohne 
Einfügung aus. wenn wir interpretieren: „Was sie (sc. die Menschen) sehen, 
erkennen sie nicht: aber dennoch geschieht ihnen alles durch göttliche Not- 
wendigkeit." Dann wäre der menschlichen Einsichtslosigkeit das göttliche 
Naturgeschehen gegenübergestellt. Heraklitischer und logisch konsequenter 
ist die Gegenüberstellung: menschliche Unkenntnis, göttliche Einsicht als 
Lenkerin des notwendigen Waltens, Sie bricht auch gegen Schluß unseres 
Textes wieder durch (vgl. S. 103) und wird an unserer Stelle durch das dÄX' 
Sfiojg aözoloL ndvza yivezai 6i dvdyxtjv S-elf^v nahegelegt. Der beschränkten 
menschlichen Einsicht gegenüber, in deren Besitz die Sterblichen schwanken 
und irren, ist die göttliche Einsicht, in der es kein Schwanken und Irren 
gibt. Notwendigkeit. Will man keine Einfügung vornehmen, so wäre also 
-adzotai in [[ ]] zu setzen. Gibt man aber der Verlockung nach, die Responsion 
in beiden Sätzen herzustellen, so gelangt man zur Einfügung von & 6k otx 
■ÖQeovatv, 6oxeov(nv yivwaxeiv. Was kxinn damit gemeint sein? Was ist 
das Unsichtbare, worüber 66^ai bestehen, zi 6oxelf zb S-etov. Aber wir 
„meinen" eben nur über das Göttliche, ohne zu „wissen". Dieses 6öxetv' 
findet hauptsächlich statt nach Maßgabe dessen, was wir wollen und nicht 
wollen (^xal ä ßovÄovzac xal ä ^ii ßodÄovzatJ; so ohnmächtig wir sind: 
wir möchten doch in das große Geschehen eingreifen. Aber das Welt- 
geschehen richtet sich nach dem Willen der Gottheit. Auf Grund der vor- 
geschlagenen Einfügung wäre also zu übersetzen: „Was sie tuen, wissen sie 
nicht; was sie nicht tuen, glauben sie zu wissen. Was sie sehen, erkennen 
«ie nicht; was sie nicht sehen, glauben sie zu erkennen, Sie glauben über 
Götter; aber dennoch — was sie wollen und was sie nicht wollen, alles er- 
füllt sich ihnen durch göttlichen Zwang." In der metrischen Übersetzung 
wurde an Stelle des Abstraktums „erkennen" das Konkretum „sehen" gesetzt 
und hierdurch „sehen" in doppelter Bedeutung zur Verschärfung der Para- 
■doxie im Ausdruck verwendet. 



100 



Stadien zur antiken Knltnr. 



TÖ fielov \ q>d'OQii 6k Tiäaiv dn dAX'fi- 
Xtav^ T^ fjie^ovi dnb tov fielovog %€U 
T<p fielovi dTid TOV ^^ovog, a^S-i] re 
T^ fi^^ovi dnb TOV iÄdacovog xal r^ 
iÄdaaovi dnb tov ftd^ovog. 

VI. ra 6k äÄJia ndvTa, %al iffv^t^v 
dvd'QO}7iov aal aoj/*a df*oiü>g // y^^XV 
6ia%oafieUai. kaäQTiei 6k ig ävd-QOi- 
Ttov fdäQea f4€Q€0)Vf SÄa 3Äü)v, ^^^vTa 
avyaQfiatv TivQÖg xal d6aTog, ra f^kv 
Äfi'^ofdBva T& 6k 6d>GovTa' xal tä f^kv 
AafißdvovTa TiXeXov^ jroieT, rä 6k 61- 
66vTa fjLetov.'^ 

X<jiQriv 6k ixaoTOv (pvAMoaei tt^v 

itÜVTOVy xal TU fAkv kTll TÖ fielov 

iövTtt 6iaxQlveTai ig tt^v iXdatJova 
X^QV'^^y 7<z 6k inl Tb f*ä^ov TtoQevö- 
(jieva [(WfM'fuoydfi^vay i^aXJLduaei ig 
T^v fJii^o) Ta^iv. T& 6k ^elva <xal> ^ 
firi öfiÖTQOTia d)d'elTai ix X^QVS ^^' 

ÄOTQlTig. 

ixdoTi] 6k tffvx^ f^e^di xal iXdaaa) 
e^ovaa negifpoiT^ Tä /4>6^ia Tä i<avT-^g, 
<,aiTii>^6k o-ÖT€ 7iQoa-&ä(jiog oi^Te dq>ai- 
Qeaiog 6eof4,ävri ratv /le^^cov, xoTä 6k 
ai^^riaiv Ttov tnaQx^vTOiv xal fieloi- 
triv 6B0f4,€vij X^QVS ÄMTora^ 6ianQ^a- 
aeTai, ig ijvTtv' äv iXd"rj, xal 6^y^eTai 
Tct TTQOOTiiTiTOVTa. oi> ycLQ 66vaTai tö 

fAfl öf*6TQ07lOV iv TOlaiV daVf4,(p6QOLQl 

^co^loimv ifAf*riveLV. TrXavdTai fi>kv 
ydQ dyvwfiova, avyycoftova 6k dÄÄi^- 



xal TidÄiv ixTivQovO'&ai xard tivag 
7teQi66ovs ivaXXä^ rbv tröfM^TiavTa al- 
&va' To^to 6k ylveo^ai xa^' elfia^ 

fr. 45 ^v^'^g TielgaTa iatv otx äv 
i^e^^ow, Tiäaav iniTTOQevöfievog 666v' 
oßtu} ßad'vv Xdyov ^x^'" 
Anaxagoras, fr. 12 (DFV p. 331. 2). 
iv TnavTl yaQ Jiavrbg (M^olga iveariv. 



Sext. Emp. ad. Math. VII. 130 (DFV 
p. 64), iv 6k kyQriyoQboL 7TdA.iv 6iä^ 

TMV alad-r^Ttxcüv ttöqcov r^ 

ne^ie^ovri (WfdßaÄatv Äoyix^v iv6v- 
erai 6vvaf4,iv. 



* xal inl Tb fi^^ov xal ijil Tb f*€iov „das Höchste und Tiefste". An 
Stelle der physikalischen Anschannng des Wachsens nnd des Schwindens 
die moralischen Korrelate des Emporsprießens and Verfallens. 

* nXetov, im nächsten Glied f^i^tov nach ^ M von Diels restituiert: 
Fredrich hat die umgekehrte Anordnung fjielov — nXiov. 

* TiQlovaiv äv&Qtajioi ^^Äov b f^kv i?.xBiy b 6k <h&et^ Tb 6' avrb tovto 
TTOiovar f*etov 6k TioiovvTeg nXelov jtoiovar toiovtov (p^aig dv'&goiTiov' Tb fikv 
dy&eT' Tb 6k iXxer Tb f^kv 6l6(aat, Tb 6k Xafißdver xal T<p f^kv 6l6(üar ToaovTtp 
ttAeov- Tifi 6k Xafißdver Toaomtfi fietov unterbricht den Zusammenhang und 
kennzeichnet sich dadurch als Einschub. 

* <rvf*fiioy6f4€va blieb in der Übersetzung unberücksichtigt. Womit 
eine Vermischung stattfinden soll, wird nicht gesagt und an eine wechsel- 
seitige ist bei dem Wortlaute kaum zu denken. 

^ <xai> Diels. 

* <ttvTri> Diels. 

' X<J^Q^S' ^^aarra <6k> , Fredrich. Unser Text nach Diels. 



Stadien zur antiken Knltor. 



101 



/idx^Tai Hai öiaÄÄdaarei djt* dÄÄi^- 

X(dV. Ölä TOVTO dv^QüiTlOV V^Z^ ^ 

dv^Q<&Jt<p a^^etaiy iv äÄÄ(p ök o-öde- 
vi.^ xal T&v &XX<av ^qxov t&v /leyd- 
Ä(j)v^ <baatJT(üg ßoa öiaÄÄdaaei dn 
dkXiiXbiVy i)7th ßlris dTiotiQlvejai. 
VII. tisqI (*kv odv Tü)v äÄXiav ^tpiav 
idaca*, neQl 6k dv^Qihnov dijÄcbaiO, 
iaeQnei yä^ ig äv^Qtojiov tpv^^ JivQÖg 
ytal -ßdatog CT^yTtQijaiv Ij^ovoa, f4ol- 
^ai 6k adifAUTog dvS'^wjiov. dvdyxi] 
dk TU f4,iQea iy^eiv Tidvia tä kaiövxa' 

odrivog yäQ fA^ri iveCri f^ot^a i§ d^X'^lS 
o^x äv ad^ri'&elij oi^re TtoÄÄi^g tQO(pfig 
inio'öorig oijze öÄlyrjg' od yä^ i^^i tö 
nQooav^av6f4evov. \ßxov dkndvxa ai^^e- 
rat Iv x<ii^ T^ kcavTOv iytaarrov, tqo- 
(p^lg kmovarig dnb -Bdaxog ^riQov xal 
jtVQÖg i}yQov. nal tä f*kv ^gü) ßia^d- 
/i€va tä 6k ^l'w.] ^ 

X. *Evl 6k Äoyq) Tidvia 6ieaoa- 
/ri^iaaio aaxä tqotiov adiö kwvii^ tä 



fr. 53 UdXefA^og Jtdvrwv fji>kv nat'fiQ- 
kern, TidvTtov 6k ßaaiÄevg. 



Anaxagoras, fr. 9 (DFV p. 330, 1), od- 
rct> 7ot;rct)4» jre^tx^QodvTOiv rk Mal 

d7lOX^lVOf4'^VO)V -ÖTPÖ ßlljg t€ ftttl 

taxvTtlTog. ßlijv 6k ij rax^t^g Jtoiel. 
? Anaxagoras,' fr. 4 (DFV p. 397, 29), 
toi^jisiv 6k oüzbig ix^vitov x^ 6oKeTv 
ivetvai noÄ/jx te xeU Ttavrota kv jtäai 
Totg avyx^ivoftivoig ytal am^Qf^ata 
Ttdvttüv xQVf**^^*^'^ .... xal dv'&^<!h- 
Ttovg te avf*7tayfjvai xal tä äÄÄa 
S&a, öaa ^vx^v ^x^'" 
Anaxagoras, fr. 19 (DFV p. 332, 5), 
ii€Qov 6k at6iv ioti öf^otov ot6evl, 
dÄX' Stcüv TtXetarta Mvi tavta kvSij- 
Äötata iv ixaatöv kati xal '^v. 



fr. 30 x6af*ov \t6v6e\ tbv ai>tbv 
dndvttov. ovte tig ^ewv, oüts dv^Qa>- 



^ TiQÖg & Ttooal^ec, woneben es sich niederläßt. Dazu muß sich das 
Wesen dem betreffenden Dinge nähern. Jede Annäherung ist gegenseitig, 
solange man sie rein physikalisch (Relativität der Bewegung) betrachtet. 
„Gleich zu gleich gesellt sich." Der friedlichen Annäherung steht der feind- 
liche Überfall entgegen (tö 6k da^/4,q)OQov noXefiei xal f*dx£tat xtXj. Die 
Übersetzung will den wesentlichen Sinn wiedergeben, nicht den Wortlaut. 

^ kv äÄXtp 6k oi>6evl = „nur" im Menschen. 

^ twv äXXdiv ^([)CDv t(ov fdeydÄtüv. Eine sonderbare Zusammenstellung 
behufs Wortspieles äXÄwv — fA^eydÄtov. Nirgend anderswo sind die großen 
Tiere ausdrücklich und ausschließlich Gegenstand der Betrachtung. Auch 
gilt doch augenscheinlich der Satz nicht nur für den Menschen und die 
anderen großen Tiere, sondern für alle überhaupt. Die Übersetzung ist sich 
bewußt, die Subsumption des Menschen unter den Begriff Tier zum Ausdruck 
gebracht zu haben. Bei äÄXoiv schwebt sie noch vor; bei fieydÄo)v wird 
sie einer Assonanz geopfert. Ich suchte das Wortspiel reimend festzuhalten 
und dem Gedanken seine Konsequenz zu geben. 

* fAotQai Diels, fioT^av d'M, fiiqea Fredrich. 

^ \ßx^'^ — H^\ Daran schließt, ähnlich wie oben, S. 100, Note 3, an: 
wojieQ oi täxtoveg tb ^ißÄov TtQiovatv 6 f*kv iÄxei, 6 6k dy&BV t(i)dtb Ttoiovv- 
teg^^^ xdto} 6k uie^ovtoiv äv(a ignety oi) yäQ äv 7iaQd6äxoito xdta) Uvai. i}v 
6k ßcd^ijtat. Ttavtbg df^^agt^iastai. toiovtov t^oip^i dv^QWTtov tb fikv iÄxet, 
tb 6k (b^et- ^a<a 6k ßia^öfi^evov ^<a iQnei' fjv 6k ßtfitai Tiaqä xaiqöv, Ttavtbg 
djtotevietat. Hierauf folgen die hier weggelassenen cc. VIII und IX. 



102 



Stadien zur antiken Kultur. 



iv T(p atafiazi id nvQ, djiofilfifjaiv 
rov 6ÄoVj fiixQa ngbg fieydÄa xal 

fteydÄa JiQbg ^iixQd' xoiÄtrjv (Jihv r^v 

eiov Sovvai Tiäat xal Äaßetv nagä 
jidvT(üv, ^aXdafffjs öi^vafiiv, ^qtcDv 
iivfiq>6gü}v TQ0(p6v, dav(A(p6Q(i)v 
6k q>^6Qov. \71eQl 6e lamijv dSatog 
^TjQov^ xal tyQov (r^axaaiv, öi^^odov 
Tive^fiarog tpvy^Qov "Kai '&eQftov.^ djio- 
f^lfAfioLv yfjg va ineianlmovTa Tidvra 
dXXoLO'öcfrigj xai ra fjikv dvaXianov, 
xä 6k ad§ov^ (yx^6aaiv ■ß6azog Xemov 
aal TivQÖg inoi'^aato 'fje^lov, dq)av^og 
'Aol (paveQov, dTib rov avvearijxÖTog 

dnoTiQiaiv, iv ^ q>€Q6^eva ig zö (pa- 
veQÖv dipixpetiai ixatnov fioiQcc 
ji€7iQ(t}f4,evr^. 

iv 6k To^Tip ijioiTJaato <TÖy^7ivQ 
7ieQc66ovg rgtaadg. neQaivovaag TiQbg 
äÄXiiÄag -Kai iaoi xal ^§0)- al f^kv 
jiQbg zä TioTÄa zeov {jy^atv. ae^ijvrjg 
6vvaf4iv, al 6k [TiQog trjv ۤ(o neQi- 
cpoQavY'' TiQbg tbv Tie^ie'xovra nd- 
yov, ä(nQO)v 6vva(*iv. al 6k g^iaai 
Tcal ^ao) xal M^o) TtcQaivovaai. zb < (5^> 
&eQfi6zazov xal lay^vQÖzazov tivq, ötieq 
jidvzcDv TiQazel, 6ii7iov i-naaza xaza 
(pvaiv, äixzov xal ötpec xal tpavaei. ® 
iv 6k zo6z(p V^^XV' ^^00^, (p^övr^aig, 



ntüv ijioif^aev, dXX fyf del xal ecrziv 
xal iazat tivq deC^eaov, d7iz6(4evov 
f*€ZQa xal dTioaßew^fievov (Aizga. 
Sext. Emp. ad. Math. VH, 130 (DFV 
p. 64). öf*oioet,6i]g zq) 6X(p xad-- 
Icrzazai [sc. ^ zov Tieguxovzog f-iolQa 
iv z(p ii(ji£zeQ(p a(i}f*azi\. 

ir.^XnvQbg zQOTial' ngiazov '&dXaaaa^ 
fr. 61 d'dXaaaa d6o)Q xad^aQmzazov 
xal (*iaQ<bzazov, iy^d^OL f*kv tzözi- 
fiov xal acDzi^Qiov, dvd'QüiTioig 6k 
äjiozov xal ÖÄed-giov. 



fr. 91 axl6vfjat xal jtdAiv avvdyei 
xal TtQoaeiai xal äjisiat. fr. 54 dg- 
fji^ovlri d<pavf]g g>av€Q^g xgelzzüiv. 
Diog. L. IX, 7 (DFV p. 59, 34). xa^' 
sif^aQfAEvriv xal 6ta zr^g ivavzio- 
6QOf4.lag fiQfibad'ai zä dvza. 



Arist. de coelo IIl. 1, 298 b. 30 ol 
7iQ(x)ZOC q>vaioA,oyriaavzeg . . . . ol 6e 
zä ^kv ä^Äa ylvea^al ze (paal xal 
^elVj elvai 6k Tiaylcog oöd'ev, iv 6k 
ZI f^bvov tTiof^ävetv, i^ od zavza 
Tidvza ^Ezaaxrif^azl^Bad'aL itefpvxev^ 
ÖJieQ ioCxaai ßovkEo^ai Xiyevv äXXoi 
ze TtoÄÄol xal 'H^axÄeizog ö 'Etpäaiog^ 



* it^Qov. überliefert: tpvxQov xal i)yQov. 

* tieqI — d-EQfiov blieb in der Übersetzung weg. Auch im Text 
scheinen mir die Worte überflüssig. Die 6ii^o6oL nvE^^azog ^vxqov xal d^sQ- 
fiov sind später das siebente yevog alad^rjzcov. Seine Beziehung zur Stelle 
ist nicht zu ersehen; das ^6azog avazriaig sieht nach einer versprengten 
Interpretation aus. 

^ xazavaXCaxovza 6k ad^ov d-M, xazavaÄtaxov 6k xal ad^ov nach 
Zwing Fredrich, corr. Diels. 

^ <z6> Fredrich! 

^ [jiQbg zijv ^i(ü TtEQiipoQäv] Fredrich. 

ö tpavoEt, „unvemichtbar, unsichtbar". Wörtlich „unsichtbar, unbe- 
rührbar". An Stelle der Berührung die Folge des Tappens. 



Stadien zur antiken Kaltnr. 



103 



TOVTO Tidvza 6iä iiavzbg xvßegv^ nal 
rdSe xal ixeiva o-dd^jtoxe dtgsfil^ov. 

XI. Ol 6k ävd'QüiTioi, ix T<x>v g>a- 
vBQ&v TO, dq>aväa onäTitead'ai o^x ^77/- 
otavxai. fäx^r^at yaQ j^^eöfievot öfjioiri- 
Gtv dv^Q0}7ilvt^ (pi)a€i od ytvtoaxovaiv. 
d-e&v yoLQ voog idlöa^e f*if4eTa^ai ta 
iMVTü)v, yivüiaxoviag d noe'ovai nal 
od yivüioxovvag ä fAifiäovTar Tidvza 
yäg d^oia dvöfioia iovta, xal av^- 
(poQa Tidvza 6id(poQa iövza, öiaXe- 
yöfiBva od 6iaAey6f4€va, yvtofirjv 
iy^ovza dyvwfAova, tTievavzCog özqo- 
Tiog ixdcmDv öfioA^oyeoftevog' vöftog 
yaQ xal tpvoig^ oXai Tidvza 6ianQria- 

aofJiEd'a, ody^ öfiOÄoyeTzai öfioÄoyeöfie- 
va. v6f4ov fikv äv&QcaTioi id'eaav adzol 
i(ovzoiaiv, od yivfbaxovzeg ti€qI ä}v 
^d'Bcrav, (pdaiv 6k Tidvziov d-eol 6ie- 
xoofiTiaav. za fikv odv äv&QtaTioi 6iä^s- 
aav, odSäTioze xazä zdivzb i^ei oijze 
ögS-wg, o^z€ ^^ ÖQ^-tog' 8aa 6k 'd-eol 
6id'&eaav, del 6Qd'(bg ^x^^ ^^^ ^^ Ö^S'ä 
xal zä f.ir^ ÖQS'd' zoaovzov 6ta(p€Qei. 

XII. 'Eyo) 6k 6i]Ä(0(ro) zey^vag q)a- 
veQag dvd'QWTiov Tia^r^^iaaiv öfAoiag 
iodaag xal tpave^oiai xal dq)avEai. 
fiavzix'^ zoi6v6e' zoToi (jikv g>av£Qotai 
zä d<paväa yivaxixec, < xal zoloiv d(pa- 
viai zä (pavegäy / xal zolaiv kovai zä 
fte'ÄÄovza, xal zoXaiv djio'&avovai zä 
^ihvza, xal r^ davvezq) ovviaaiv ö 
^ukv €l6cDg del ÖQ^cjg, ö 6k f*fj eiöwg 
äXXozE äXXciig. 



(pdatv dvS'QCJTiov xal ßiov zavza 
fii^elzar dvijQ yvvaixl avyyevöf*evog 



fr. 64 zä 6k Tidvza olaxl^ei xegawög. 



fr. 58 xal dyad-dv xal xaxöv [sc. iv 

iazi]. 

fr. 78 ^^og yäQ dv&QOiTieiov odx 

^X^^ yvd)fiag, d-eiov 6k Mxei. 

Plat. Krat. 429 B. Odx äga 6oxovai 

aoi v6(40i ol f^kv ßeXzCovg, ol 6k (pav- 

MzeQoi elvai; Od 6fiza. 

fr. 102 z^ (Akv ^e(p xaAä Jidvza xal 

dyad-ä xal 6lxaia, ävd'QMTioi 6k & 

fikv a6txa vTieiXfiq)aaiv, h 6k 6Cxaia. 



Plat. Krat. 429 D. 2Q. Olov et zig dTiav- 
zr/aag aoi [sc. KgazvÄq)] ItiI ^evlag 
Aaßöfievog zfjg x^^Q^S s^^or ;^ar(>«, 
(b §£'ve 'Äd'fjvate, vik 2f*txQl(üvog '^Eq- 
fiöyeveg, odzog Ää^eiev äv zavza f} 
(paCri äv zavza ^ ^^^01 äv zavza ^ 
TiQoaelTcoi äv oßzo} ae ^kv oij 'E^fio- 
yevrj 6k z6v6e; ^ odöeva ; 
KP. 'Bf4oi fikv 6oxet, (p 2o}XQazegr 
äAAwg äv odzog zavza (pd^ey^ao'&ai. 



* <(pd'laig> Dem Verfasser ist die Siebenzahl bei den Sinnen geläufig 
(vgl. S. 65, Z. 33). Hier: eine fundamentale Dreiheit {^vx^i, vöog, (pQÖvriaig) und 
zwei Gegensatzpaare {a^^riaig, (pd-Covg; dTivog, Mye^aig), also wieder eine Sieben- 
heit, wenn (p^laig ergänzt wird. Fredrich will -tpvxn und adiijaig tilgen, 
weil in jungen Handschriften die Tabelle der Gegensätze noch mehr anschwoll. 

^ Die termini technici vö/^og und g>v(xtg wurden in der Übersetzung zu 
poetischen Äquivalenten fortgeführt: „menschliches Sollen" — „ewiges Rollen. 

* <xal — (paveQdy Diels. 



104 



Stadien zw antiken Koltar. 



2Q. ^AkX dyaTirjTÖv mal tovto. 7i6te- 
Qov yäQ dXri'&ii äv q>^äy§aiTO vavta 
6 q>^eySdf*€Vog fj iffevSij; fj tö fihv xi 
attcjv dXfid'äg, tb 6k tf>ev6os; xal yäQ 
äv xal TOVTO iiaQKolij. 
KP. ipoq>€tv fycjy* äv g>alfjv töv 
ToiovTov, iitdTfjv a^xbv iavTÖv xivovv- 
xa, &(meQ äv et ti xaXxelov xiv^asie 
%Q0-6aas, 



Ttaiölov knolriae' t^ g>aveQ^ tö äöij- 
Xov yivtüoxei^ [\yv(üf4i] dvd'QtbTiov 
dq>av^g yivdtaxovaa t& g>av£Qd]].* 
ix jiaiSös ig ävÖQa f^e'&loTaTai. r^ 

iövTt TÖ fA^XÄov yiv(a<nt€i.^ odx dfAOi- 
ov djiad'avwv ^üiovTi' [[t^ Te^ijxÖTi 
oldev TÖ fd>ov]].* d<rifV€Tov yaoTiiq. 
Ta^Tr^ avvUf*ev ötl ötiff^ ^ Tteivf^. 
Ta^TOL iitavTixi}g TäxvjS ^^^ q>ifa€CDg 
dv^QOiiTilvfig 7ia^'ii(iaTa' Toiai f^kv 
yivcjaxovaiv del ÖQ^wg, Toiai 6k ^^ 
yivdioxovaiv^ äXXoTe äXXeag. 

Dieser Text findet sich in folgendem Zusammenhang: A. Ihm voran 
gehen Erörterungen üher das Wechselverhältnis von Feuer und Wasser im 
Tone des Anaxagoras (Fredr. a. a. 0. p. 123), in denen hauptsächlich nachge- 
wiesen wird, daß keines dieser Elemente über das andere die Ober- 
hand gewinnen kann (cc. III, IV, »Fredr. p. 111, 1—117. 12). Dann folgt 
der mitgeteilte Text. (ß. cc. IV, V, VI, VII, Fredr. p. 112. 12—114, 9 und 

D. cc. X., XI, Xn, Fredr. p. 116, 1—117, 18). C. Er wird durch eine, die 
cc. Vin, IX umfassende Erörterung, in der die Entstehung des Embryos mit 
der des Weltalls in Analogie gebracht ist, unterbrochen. In dieser Partie hat 
Fredrich insbesondere den Einfluß des Archelaos wahrscheinlich gemacht. 

E. An unseren Text hinter c. XII schließt sich eine lange Aufzählung mensch- 
licher Beschäftigungen an (cc. Xni-XXIV. DFV p. 86, 44—88, 38, Fredr. 
p. 117, 19—121, 9), in welcher Heraklitisches durch fremde Zusätze augen- 
fällig unterbrochen und durch mangelhafte Überlieferung vielfach entstellt 
ist (vgl. inbes. die Stelle bei Fredr. p. 120, 12—20, cap. XXIII). F. Darauf 
folgt dann be; Fredrich c. XXXV (Fredr, p. 121, 10—122. 26), in dem die 
Beteiligung von Feuer und Wasser an der seelischen Veranlagung des 
Menschen betrachtet wird. Auch für diesen Teil hat Fredrich (a. o. o. p. 126) 
nichtheraklitische Einflüsse nachgewiesen. 

Die ganze Schrift besteht also aus sechs Stücken, von denen das erste 
(A.) mittlere (C.) und letzte (F.) genügend gut übereinstimmen, um einem, 

1 6t i odTOig iarai nach Fredrich und Diels zu tilgen. 

* yv(of4fj — <pav£Qd. Im vorangehenden Satz erkennt der el6(og aus dem 
Bekannten (^vtjq yvvaixl avyyCvexatJ das Unbekannte, im Mutterschoß Ver- 
borgene (nai6lov). Woher im Anschluß daran die yvibfÄti, woher ihr Prädikat 
d(pav'iig, wenn nicht aus einer späten Glosse? 

* yivütaxei. Auch im griechischen Text bleibt die Möglichkeit, statt 
an den eiöoDg an das 7iai6Cov zu denken. Die Objektivierung des Ei6otg empfiehlt 
sich aus Gründen poetischer Anschaulichkeit. „Er stirbt" spricht das 
Enthymem des Textes aus. 

* T^ Tc^vf^xÖTi oUev TÖ ^<üov. Für den ei6ojg können diese Worte 
nicht gelten. Der Schluß geht ja von dem fwv auf den Ted^vr^xwg. Für 
den Sterbenden passen sie noch weniger. Sie sind also ans dem Zusammen- 
hang, der ihrer nicht bedarf, zu verweisen. 

^ del nach yivwarxovatv tilgte Diels. 



Stadien zur antiken Kultur. 105 

uns allerdings unbekannten Autor zugewiesen zu werden. Diesem Autor^ den 
Avir mit Fredrich als „Physiker" bezeichnen wollen, waren die Systeme des 
Archelaos, des Anaxagoras, vielleicht auch das des Empedokles und ge- 
wiß die gesamte philosophische Bildung der damaligen Ärzte geläufig. 
Er hat dieses Wissen in den erwähnten Stellen eklektisch verwertet. In den 
übrigen Stücken (6., D., E.) sucht Fredrich einen heraklitischen Grundstock, 
«eine Überarbeitung durch den Physiker und die Überarbeitung sämtlicher 
Stücke durch einen „Kompilator'^ bis ins Kleinste hinein mit äußerstem 
Scharfsinn nachzuweisen. Für uns ist die Bemühung Fredrichs von großer 
Bedeutung; denn sobald wir die Frage in Angriff nehmen, in wie weit diese 
Imitation für HerakUt selbst verwertet werden kann, muß uns die Struktur 
der mitgeteilten Kapitel zum Problem werden. 

Gegen die Ansicht Fredrichs und insbesondere gegen ihre Durchführung 
im einzelnen erheben sich jedoch folgende Bedenken: Es scheint mir im 
allgemeinen unmöglich, in einem Text, der wie der vorliegende Lehrmeinun- 
gen von Schulen umfaßt, in denen naturgemäß auf die philosophische 
Spekulation der ganzen damaligen Welt reagiert wurde, mit der Bestimmtheit, 
welche Fredrich in Anspruch nehmen muß, den Anteil fremder Doktrin jeder- 
zeit richtig einzuschätzen. So ist es m. E. äußerst bedenklich, an einem Stücke, 
wie cap. X, drei Köpfe arbeiten zu lassen und den Anteil eines jeden fest- 
zustellen. Fredrich schlägt hier einfach die Methode ein, als heraklitischen 
Grundstock alles zu betrachten, wofür sich in Heraklits Fragmenten direkte 
Belege finden. Das Übrige, wenig verwandt mit dem Wesen des Physikers, 
fällt dem Kompilator zur Last, welcher das Hauptgerippe dieses Kapitels 
geschaffen haben mußte. Ein Kompilator, der so arbeitet, sieht aber schon 
eher nach dem Verfasser aus. Er flicht nicht nur „wunderlich genug" die 
heraklitische Lehre der elfiagfAivri ein, sondern führt auch mit Konsequenz 
den groß angelegten Vergleich des Körpers mit der Welt, des Bauches mit 
dem Meere, der Erde mit der Nahrung, durch und bezieht sogleich das mikro- 
kosmische Geschehen auf den Makrokosmos, läßt den Stoffwechsel im Körper 
durch das Geschehen in der Welt bestimmt sein, schafft eine neue Dreiheit: 
Mond. Sterne und — wir möchten erwarten. Sonne: aber der Hvmnus auf 
das Feuer, welches alles lenkt, soll schon nicht mehr ihm gehören, sondern 
heraklitischer Grundstock sein. Und doch: in diesem Grundstock haben wir 
wieder eine Dreiheit (Seele, Geist. Sinn) vor uns, die zusammen mit den 
beiden folgenden Gegensatzpaaren (wenn man (p^iaig im Text ergänzt) 
Wachsen— Schwinden, Schlaf — Wachen einen heraklitischen Gedanken zu einer 
Siebenzahl fortführt. Und derselbe Kompilator gibt nach Fredrich im cap. 
XXIII eine Siebenzahl der Sinne an, welche mit der heraklitischen Sprach- 
theorie übereinstimmt. Also stammt vielleicht auch der Schluß des cap. X 
von ihm und nicht von einem Herakliteer? Dann ist aber das ganze Kapitel 
ersichtlich einheitlich gearbeitet, er ist nicht mehr Kompilator. sondern der 
Verfasser der Stelle. 

Die große, unleugbare Einheit, welche in cap. X auffällt, gestattete. 
Fredrichs Ansicht schon an dieser Stelle zu widerlegen. An den übrigen 
ist das im einzelnen schwieriger, weil überall auf Fragen der System- 
rekonstruktion einzugehen sein wird; für die Gesamtheit dieser Stellen im 



106 Studien zur antiken Kultur. 



allgemeinen beachte man aber, daß, falls Fredrich für cap. X Unrecht hat. 
seine ganze Annahme erschüttert ist; denn es zeigt sich, daß seine Methode 
für das gesetzte Ziel trotz allen Scharfsinnes nicht ausreicht. Wir wenden 
uns einzelnen anderen Stellen zu, an denen die Hand des Kompilators be- 
teiligt sein soll. 

Die wichtigste ist der Anfang des cap. VI, mit dem wir den von 
cap. XI gemeinsam behandeln wollen. In dem Satze tä 6^ äXXa ndvia 
xal 'ipvx^v dv^Q(t>7iov aal atof^a dfioicog ^ V^^XV ^icixo(rf*€TTai würden 
wir bei Frederich die gesperrten Worten dem Herakliteer zugewiesen er- 
warten, wie ja auch in dem ol Sk oivd'QOiTioi in tibv (paveQtbv rä dq)a- 
väa axeTtveaS'ai oi>v. kniaxavxai' xiy^vriai yäg xedfAEvoi ögAoir^aiv 
dvd'QWTtlvr^ (fdaei oi) yivettanovacv, bloß dv&Qiünlvr^ vom Kompilator 
stammen soll. Aber man darf Fredrich nicht tadeln, daß er an der ersten 
Stelle diese Sonderung nicht vollzog, sondern es muß uns wundern, daß er 
sie an der zweiten nicht, analog zur ersten, auf Grund der Sache unterließ. 
Der Gedanke des cap. VI ist durchwegs heraklitisch, wenn man ^vx'fi genau 
in dem Doppelsinn verwendet, in welchem fr. 45 selbst die menschliche Seele 
zur Weltseele erweitert und in dem die ganze Theorie der Wahrnehmung 
bei Heraklit sich auf den Gedanken stützt, daß unsere Seele vermittelst des 
Atems an dem großen Xdyog Anteil hat. Und auch die zweite Stelle kann 
ihrer unmittelbaren Beziehung zu Heraklit nicht beraubt werden, auch wenn 
man dvd'QomCvri beibehält. „Es sollte begründet werden, daß die Menschen 
nicht wissen, wie sie ihre eigene Natur nachahmen, und es wird bewiesen, 
daß sie nicht ahnen, wie sie der Natur überhaupt folgen." (Fredr. a. a. o. 
p. 144.) Das wäre ein Fehler in der Beweisführung, wenn tatsächlich im An- 
schlüsse bewiesen würde, daß die Menschen „nicht ahnen, wie sie der Natur 
überhaupt folgen". Die Disposition ist komplizierter. Zunächst wird ein 
Teil der Behauptung erwiesen: das oi> yivwaxovmv. Die menschliche Ein- 
sicht wird der göttlichen t'berlegenheit gegenübergestellt. Satzungen fv6f4ogj 
machen die Menschen, unkundig ihrer eigenen Natur (Mikrokosmos); die 
Weltordnung (Makrokosmos) machen die Götter, kundig des Wesens der 
Dinge f<pi^aigj. Dann wird der zweite Teil der Behauptung erörtert ol 
ävd'QüijioL ^x Tibv (paveQüiv tä d(pavea ayidnteO'&aL oi)v. inidcavxai^ es sei 
denn mit Hilfe der Götter. Das ist die ^avtix^ ^^x^ri, von Menschen geübt. 
dvd^QüiTiov Tia^^i^aaiv öfioia (cap. XII, Anfang), Wissen im Nichtwissen. 
Hier setzt schon der Beweis des dritten Teiles der Behauptung ein. 
nämlich des tä^vfiai yaQ yQsö^evoi öftolt^ai dv^QcuTi Ivri ipvaei. Er 
wird faktisch am Beispiele des menschlichen Lebens erbracht. Die lange 
Aufzählung der übrigen Künste (Stück F) führt ihn immer ausführlicher 
durch und ich sehe nicht, wie von einem „logischen Fehler" gesprochen 
werden kann, so lange man eben nicht willkürlich den zweiten Teil aller 
dieser Parallelen einem Kompilator zuschreibt. Neben der Analogie Hand- 
werk-Natur findet sich auch die Analogie Handwerk - Mansch bei Heraklit 
selbst. Wer nach Weisheit forscht, gleicht dem Goldgräber: er gräbt viel 
und findet wenig. Sie folgt auch unmittelbar aus dem System; denn wenn 
einmal der Mensch dem Weltall gleicht und das Handwerk ebenfalls, so 
muß doch wohl auch das Handwerk dem Menschen gleichen. Der Autor 



Studien zur antiken Kultur. 107 



hätte also, auch wenn der Rest des Textes fehlte, noch immer nicht zu wenig 
bewiesen, woferne er selbst wirklich, wie Fredrich (allerdings irrig) sagt, 
bloß gezeigt hätte, daß die Menschen „nicht ahnen, wie sie der Natur 
überhaupt folgen". 

An den beiden hiermit erledigten Stellen galt es, den heraklitischen 
Ursprung der betreffenden Lehre nachzuweisen. Wir wenden uns jetzt zu 
einigen anderen, für welche Fredrich. um sie seinem Physiker zuerkennen zu 
können, den Einfluß des Anaxagoras feststellen wollte. Für die Kompilations- 
hypothese Fredrichs wäre dies äußerst wichtig, weil erst dann der Kompilator 
zwei Texte zu kompilieren gehabt hätte, während andernfalls bloß etwa von 
einem Überarbeiter des heraklitischen Textes gesprochen werden dürfte- 
Wirklicher Einfluß des Anaxagoras ist jedoch hier schon aus den früher er- 
wähnten allgemeinen Gründen unerweisbar. Im ganzen kommen drei Parallel- 
stellen des Anaxagoras in Betracht. Die erste (fr. 9; S. 101) überzeugt 
nicht; denn die entscheidenden Termini djioxQlvezai xmb ßirig und t^v Sk 
ßCriv ^ xaxvTfig tioieI fanden sich auch bei Heraklit zum mindesten vorge- 
bildet, wenn auch ni^ht wörtlich gleichlautend. Man vgl. fr. 91 xa^* 
^H^xÄeiTov o-öSh d-vijTf^g odalag Slg ätpaa'&ai xatä i^iv dXA' öivTtjTi aal 
tdxEt f4£taßoXfig ^^^- ^ö der zweiten Stelle (fr. 4, S. 101) ist das 
Wort GJi^QfjiaTa geradezu ein Merkpfahl dafür, daß die Homoiomerien- Lehre 
des Anaxagoras selbst aus dem heraklitischen Gedankenkreis hervorge- 
gangen ist. Auch das av^jtay^vai erinnert an Jidyog, und Jiayiiog, 
S. 102, bei Aristoteles über Heraklit. Die Stelle beweist durch diese 
Struktur gerade das, was ich sagen will: Wir können nicht ermessen, wie 
weit die Schule Heraklits sich selbst, noch unabhängig von Anaxagoras. 
dem Standpunkt dieses Philosophen in gewissen Dingen genähert hat. Dieser 
Einsicht gegenüber verliert aber dann die bloß inhaltlich verwandte, nicht aber 
auch terminologisch anklingende dritte Stelle jede Beweiskraft. 

Damit verliert m. E. Fredrichs Hypothese nicht nur ihre wichtigsten 
Stützen, sondern sie wird ganz entwertet. Eine Methode, welche an den 
Hauptpunkten nicht Anwendung finden darf, nützt nichts behufs Aufklärung 
von Details. Je kleiner die dem Kompilator, Herakliteer oder Physiker zu- 
gewiesenen Stückchen werden, desto weniger kann ihr Inhalt irgend welche 
Anhaltspunkte für eine sichere Zuweisung geben. Ich begnüge mich also 
mit dem Gesagten und glaube auch so schon genügend eingehend gezeigt zu 
haben, daß der ganze Text, wie er wiedergegeben wurde, ein einheitliches 
Gefüge erkennen läßt, welches nur wiederholt durch Randglossen, späte Ein- 
schiebungen einzelner Teile des Textes selbst an unpassende Stellen, u. dgl. 
unterbrochen wird. Typisch hiefür ist z. B. cap. VI (S. 100, 
Note 3) die Einschachtelung des Gleichnisses vom Holzsägen, das nur 
eine Paraphrase für cap. XVI bietet. Kein einziger Kompilator, schon gar 
nicht aber einer, der so viel kann, wie er bei Fredrich können muß, kann 
an ihr Schuld sein; denn ein Kompilator will doch wenigstens immer einen 
Zusammenhang herstellen, während er ihn hier zwecklos unterbräche. Derlei 
geschieht vielmehr durch Versehen von Abschreibern. Die ganze Folge der 
cc. XIII — XXIV scheint mir in schier unverbesserlicher Weise teils durch 
solche Einfügungen, teils durch Auslassungen entstellt. Aber die zweiten 



108 Stadien zur antiken Eoltar. 

Teile des Vergleiches scheinen mir trotzdem durchaus nicht schlechter als 
die ersten, die Analogien nicht talentlos gezwungen nnd ein Schlnß ans 
dieser Partie auf die Struktur des Ganzen unter keinen Umstanden zulässig. 
Die Ablehnung von Fredrichs Hypothese würde es ermi^lichen, die 
Schrift zeitlich früher anzusetzen als bisher, weil sie vor Anazagoras oder 
doch gleichzeitig mit ihm entstanden sein könnte. Jedoch läßt sich hierüber 
leider ebensowenig etwas Bestimmtes sagen, wie über ihren Autor. Fredrich 
bezeichnet ihn als jüngeren Herakliteer und denkt mit Zeller an Kratylos. 
Die Stelle des Kratylos (vgl. S. 103), in welcher das Wort äÄXias merkwürdig 
yerwendet wird und wie ein Terminus des Kratylos selbst aussieht, habe ich 
neben unseren Text gesetzt. Sie würde diese Vermutung nur insofeme be- 
stärken, als es denkbar wäre, daß Kratylos und der Verfasser unserer Schrift 
diesen Terminus aus gemeinsamer Quelle schöpften. Für Kratylos selbst ist 
mir der Gedankengang unseres Autors zu reich und wissensfreudig. 



B, System. 



I. 

Heraklit aus den Spekulationen des Pythagoras zn erklären, wurde 
l)isber so gut wie gar nicht versucht, ja zum Teil ausdrücklich als unmöglich 
abgelehnt. Einer der wichtigsten Gründe für dieses Verhalten war wohl unsere 
mangelhafte Kenntnis der Gedanken des Pythagoras selbst, die zur ganz 
selbstverständlichen Gepflogenheit führte, den Meister immer nur zusammen 
mit der Schule zu behandeln. Hierbei aber mußte man Gedanken auf ein- 
ander beziehen, welche ihrer Entstehung nach über mehrere Jahrhunderte 
zerstreut und nur durch die Eigentümlichkeit unserer Überlieferung in 
einem Inbegriff vereinigt sind. Solche Konstruktionen über die pythagorische 
Philosophie luden wenig dazu ein, den dunkeln Heraklit in ein zweifelhaftes 
Licht zu stellen. 

Ein zweiter Grund liegt in einer Äußerung unseres Philosophen selbst. 
„Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben", hatte er in Hinblick auf Pjtha- 
goras gesagt; wie sollte er da von Pythagoras gelernt haben? Und doch hätte 
eine Anzahl historischer Parallelen ein vorsichtigeres Urteil in dieser Sache 
zeitigen sollen. Die Pietätlosigkeit des Aristoteles gegen seinen Lehrer Piaton, 
von der ihn jede neue Philosophiegesohichte immer erst reinwaschen muß, 
stimmt schon nachdenklich. Aber Schopenhauer, der sich über Schelling lustig 
macht, und Nietzsche, der auf einem langen Pfade leidvoller Erkenntnisse 
seine ideale Zuversicht zu dem „Erzieher der Menschheit" verliert, sich mit 
seinen intimsten Freunden zerwirft und in seinen Werken über Wagner und 
Schopenhauer viel mehr sagt, als Heraklit über Pythagoras. erwecken in uns 
geradezu den dringenden Verdacht: ob nicht Heraklit von Pythagoras sehr 
stark beeinflußt war? 

Vor allem darf man gewiß nicht gleich jede Beeinflussung in die Form 
der Schülerschaft zwängen. So wie. kaum daß Heraklit seine Philosophie 
entworfen hatte. Parmenides von ihr in Unteritalien (vielleicht durch Ver- 
mittlung des Hermodoros) schon wußte und sich aus Zorn über den ephesischen 
„Doppelkopf" um desto tiefer in seine Abstraktionen verbiß, wird auch Heraklit 
von Pythagoras bei den regen Handelsbeziehungen, welche die jonische Küste 
mit Unteritalien verbanden, schon früh genaue Kunde gehabt haben. Man 
muß aber außer auf einen direkten Einfluß des Pythagoras (wie er in der 
Umgestaltung des pythagorischen Fünferschemas zu einer Dreiheit von 
Gegensätzen zu Tage tritt) auch noch auf die beiden Denkern gemeinsamen 
kulturhistorischen Voraussetzungen achten, durch die sie einander in Vielem 



110 Stadien zar antiken Koltar. 



'ähnlich erscheinen mögen, was trotzdem jeder selbständig finden konnte. 
Diesem Gesichtspankte ^urde anf S. 52 ff. Rechnung getragen. 



S. 47. Z. 18. Lyra] Zu den drei ersten Abschnitten vgl. das Schema zu 
Pythagoras. S. 27. in welchem das Denken und das Wissen von 
Heraklit in ein Glied zusammengezogen worden sein muß. 
Sollte sich von hier aus die Möglichkeit ergeben, das Schlagwort 
vom „weinenden" Denker seinen systematischen Gründen nach 
zu verstehen? 

S. 48, Z. 4. versetzt] Vgl. Anm. zu S. 49. Z. 15, Wunder. 

S. 48, Z. 19. Zeus] Das hier benützte fr. 120 lautet (DFV p. 82): //ov^ xal 
ioTiiQag xeQftata f/ ä^xvog xal dvtlov tf^g aQxxov o^Qog aid-Qiov 
Aiog. Diels übersetzt: „Die Grenzen von Morgen und Abend sind 
der Bär und gegenüber vom Bären der Grenzstein (?) des strahlenden 
Zeus.'' Durch das Fragezeichen deutet er die Stelle an, welche 
unverständlich bleibt. Welcher Bär ist gemeint und welche 
Stellung kann diesem Sternbilde in der Astronomie jener Zeiten 
zugekommen sein? Schon früher kannte man den großen, wie 
den kleinen Bären und Kallimachos soll die Entdeckung des 
kleinen Bären l nXiovai, Qoivixeg (bei Diog, L. I, 23, DFV 
p. 1. 16) dem Thaies zugeschrieben haben. Da er den Polar- 
stem enthält, kommt ihm jedenfalls sachlich eine größere Be- 
deutung zu als dem großen Bären. Auch in später, mit den 
kq>iaia yQa^fjiaTa zusammenhängender Überlieferung wird der 
kleine Bär als Wächter des Nordpoles zauberkräftig mit den 
Worten angerufen: agntog r/ zezayfAEvri eni zo arzQecpBiv zov ieqov 
710Ä0V vixaQOTiÄi] (Wessely, XII. Jahresbericht des Franz Josefs- 
Gymnasiums zu Wien, 1886, p. 15 nr. 46). Das Wort vixaQOJzÄf] 
ergibt in Zahlen umgesetzt: [v =^) 50 -\- {i ==) 10 + (x =) 20 + 
(a =) 1-1- (^ =) 100 + (0 =) 70 + {tz =) 80 + (Ä =) 30 -r 
(iy ==) 8 = 369 = 360 [Zahl der Tage im Jahre nach alter hera- 
klitischer Rechnung] -f- 9 [Zahl der Artemis, welcher die Bären 
heilig waren]. Eine Anzahl von Mythen bringt Artemis mit den 
Bären in Zusammenhang. Nach Hesiod (fr. 15) war die Tochter 
des Lykaon in Arkadien die Jagdgefährtin der Artemis und wurde 
von Zeus ihrer Jungfräulichkeit beraubt. Artemis entdeckte 
ihre Schwangerschaft und verwandelte sie in die B^rin (Maaß. 
Comm. in Arat. p. 181). Später erkannte sie, daß Zeus an der 
Sache schuld sei und versetzte ihre Gefährtin auf den Himmel. 
Ja, sie stellte ihr gegenüber noch ein zweites Sternbild, den 
großen Bären, auf, um sie doppelt zu ehren (ibid. p. 184). 
Auch in fr. 4 a treten bei Heraklit die beiden Bären als die 
Gestirne auf. an welchen sich die Siebenzahl gesondert zeigt, 
d. h. deren jedes aus sieben Sternen (cf. die Bezeichnung Septem 
triones und Diels, Herakleitos von Ephesos, Berlin 1901, p. 32) 
besteht. Sie sind d&avdzov Mvri^rig aj^fteict}. Aber eine ein- 
gehendere Vergleichung beider Fragmente wird uns dazu führen, 
in fr, 4 a noch eine andere astronomische Einsicht angedeutet 
zu finden. Hierzu gehen wir zu fr. 120 zurück' und suchen das 
zweite Sternbild zu ermitteln, welches den Plural zäg^aza recht- 
fertigen soll. Das Wort od^og hilft uns nicht weiter; wohl 
aber fällt olqxzov odQog auf und da andernfalls die Stelle ganz 
brach liegen blieb, sind wir gezwungen, trotz des Artikels und 
der Kasusänderung, den Namen dQxzovQog zu lesen. Welche 
Stellung kommt nun dem 'AQxzovQog in der hellenischen Himmels- 
kunde zu? Der Arktur und das Tljymiaterion. sagen unsere 
Quellen, entsprechen einander in gewisser Hinsicht und alle 



Studien zur antiken Kultur. 111 



alten Astrologen nehmen an, daß das Thymiaterion (auch Thy- 
terion) genau eben so weit vom Südpol abstehe wie der Arktur 
vom Nordpol. Erst Hipparch bewies gegen Arat und seinen 
Interpreten Attalos das Gegenteil (E. Maaß. Comm. in Arat. 
p. 15). Und in den Schollen zur betreffenden Stelle des Arat 
(v. 402—407) heißt es bei Maaß, Comm. in Arat, p. 419: xal 
T(p ^tkv 'Aqxtovq(i} a(pöÖQa fA£ie(OQoi xal ^eydXai eialv alneQitpoQai, 
die Sil xal ßoQeii^ övti, xb 6k Bvti'iqiov ta^e'iog bnb töv ianeQiov 
'Qxeavöv Sverai. ne^u'Äaße 6k \ö "^Agazog sc] töv'Aq^tovqov, in€i6ii 
xal atxbg ijiirpavei tov ßoQEiov x^kÄov, xal zö SvzfjQiov 6k, 
<öziy zov dvza^xzixov. xal iaziv oi^zcog' dvazäXXei fiezä Ae'ovza 
[^j (5 'AQKzovQog [später in der Tabelle abgekürzt in 'A]. iSov 
6vo &Qai. eiza nagd-evog [J*]. l6ov 6\ elza Zvyöv [j^J. l6ov 
ejQai q'. elza ZxoQTiiog. cngat rf. xal zöze ^ezä cjgav rf zö Svzi)' 
QI.OV [später in der Tabelle abgekürzt 6] dvazeXXei. elza 6 To- 
iozrig [Jt^]. üjQac ^' [Lies i'f], zov ßvztiQiov otgai 6' . elza Aiyo- 
xäQ(og [q3E]- <*>(>«* f'ß^, ^ov SvzfiQlov utgai g' . *X6Qoy^6og [J{^] 
5)Qai i6\ zov 6k SvztiqIov SjQai r[ . elza 'I^^veg [SJJ]. wgai ig\ 
xal zov SvztiQiov öjQai i . xal öficog i &Qag Tzoi^aav Svezai zö 
ßvziiQiov, ö 6k To^dzT^g ig', ndXtv i}7ie'Qyeiög iarziv. oÖzcog elg 
z6 ivavziov zov 'Aqxzoi^qov jzo^evezai, xal zö fikv [SvzfJQiov sc] 
d'äzzov Svvei, ö 6k ^eC^ovag ey^ei zag 7ieQiq>0Qdg. Es kann kein 
Zweifel bestehen, daß hier die vom Aufgange des SvziiQiov an 
gerechneten Stunden falsch angegeben sind und wir müssen sie 
also auf Grund der übrigen Angaben einfach berichtigen. 
Folgende Tabelle läßt die Daten überblicken: 

^ geht auf Oh 

'A 2 h — 7h 

7 Stunden vom 

Aufgange des 

Arktur. 



4h _ 5h 

5*3 „ .. 6 ^ . . . . — 3 h J g 

S l l 9 h [ b h ] richtig: h l 5 

Aö- 10h4h1 lh/«2| 

S " 121-6'' " ^hU TStundenvom 

:ä " lO SM " .^J- Aufgange des 

SB geht auf 16 h . [10 h ] ^ 7h/ innerion. 

Die vier ersten Tierkreisbilder (in? ifpfC THt Hü) sind nicht ein- 
bezogen. Innerhalb der Achtheit der übrigen aber werden zwei- 
mal sieben Stunden durchlaufen. Vergegenwärtigen wir uns 
jetzt wieder fr. 4a. Es lautet: xazä Xoyov 6k üq^wv [d. h. nach 
der Vierzahl und ihren Vielfachen] av^ißdÄÄezai iß6ofiag xazä 
aeXYivfjv [4 (u^ai und 2x4=-7-]-l = 8 Phasen des Mondes und 
zwar: 1. ^T^voeiöiig, 2. 6iy6zof4og. 3. dfi(pixvQzog, 4. TzavaäÄfjvog, 
5. d^(pCxvQzog, 6. Siyozof^og, 7. fitivoeiSt'ig, 8. dq)avrig\ Siai^etzat 
6k [7 ojQai, gerechnet vom Aufgange des 'AgxzovQog, und 7 w^ai, 
gerechnet vom Aufgange des SvziiQiov, nach je vier Tierkreis- 
zeichen] xazä zäg aQxzovg. dd-avdzov Mv/f^ir^g arj^eio). In der 
Tat bilden SvziiQiov, 'AQxzovQog und ""Agxzog annähernd ein 
gleichseitiges Dreieck und speziell das Svzt'iQtov eiTeicht im 
Sommer um Mitternacht, im Winter zu Mittag seinen höchsten 
Stand. Wir widerstehen also nicht mehr der Versuchung, 
den durch die Konjektur dQxzovQog sinnlos gewordenen Genetiv 
ai'&Qlov Acog auf das Bv^uazriQiov zu beziehen und folgende 
Rekonstruktion der Stelle vorzuschlagen: iiovg xal iojziQag zeQ- 
fiaxa ii aQxzog xal dvzlov zov d^xzo^QOv zd <d'Vf4iaztiQiovy 
aid^Qiov Aiog. Das Svf4iaz7^^iov (man erinnere sich an dvad^v- 
filamg, ^^iiafia u. dgl.. um diese Form der Form Bvzr^Qwv 
hier vorzuziehen), der Weihealtar, an welchem der höchsten 



112 Stadien zar antiken Ka]tnr. 



Gottheit wohlriechende Brandopfer dargebracht werden, fügt sich 
stilgerecht in den Gedankenkreis des Heraklit ein. 

S. 49 .Z. 15. Wunder] Plat. Krat. 407, Eff. 2Q. 'AUä fii^v tovto ye ioixe 
Jtegl Äoyov ii elvai 6 'E^fifjg, aal vö ig^ir^väa elvai xal rd 
äyyeXov %al ib xÄoTiixdv re xai lö dTeattjÄdv iv Äöyoig aal ib 
dyoQaatixöv, TieQl Ä6yov ^i^af^tv iamv jräaa aCxf} f^ ngay/Aa- 
Tsla' ÖTieQ odv xal iv lotg ngda^ev iAJyo^ev, tö eXgeiv Xoyov 
XQ^^ot icrrl, tö de, olov aal "OfiriQog noXXaxov Xiyei, if*i'iaaT6 
(ffjaiv, TOVTO 6k ftfjxavi^aaa^al iariv. i§ df4g>0T^Q0)v odv tovtmv 
TÖv TÖ Xiyeiv xe xal töv Äöyov f4fjad/4^evov tovtov rdv '&ebv 
üioneQel ijiiTdTTet fjfdlv ö vofio&äTtjg' <h äv'&QOiJioiy hg Tb eiQeiv 
ifi'^loaTo, öixaltog äv xaÄoiTo ^nb i>fi(av ElQ^fiijg' vvv 6k ^/4£?^, 
üig olöfAed-a, KaXXtanl^ovTeg Tb dvofia *EQ(4flv xaÄovfi^ev. EPM. 
Nf^ Tbv Ala, ed äga ^oi 6oxet KgaT^Xog Aiyeiv Tb kgAk ftri elvai 
^E^/LioyivTj. oßxovv eö^^^^vög yi elf*i Xbyov. 2Q, Kai xb y£ 
Tbv liäva Tov *Eq^ov elvai vlbv 6i(pvfi i%ei Tb elxög, & iraiQS. 
EPM. Iliag 6fj; 2Q. Ola&a öti 6 Adyog Tb Jiav aijfdalvei 
xal xv7iA.eT xal TtoÄei del, xal ^crri 6i7iÄovg, dÄijd''^g Te xal 
^ev6fig. EPM. Ildvv ye. 2Q. Oi>xovv Tb fikv dA.tjd'kg adrov 
Xelov xal ^eiov xal ävo) olxovv iv Tolg ^eoig, Tb 6k ^ev6og 
xaTCD iv TOig noÄXotg twv dv^Qüi7t<av xal TQaxv xal tqo- 
yixöv ivrav&a yäp nXetoToi oi f*V'&ol Te xal Ta 'ipeif6ij iarlv. 
JieQl Tbv TQayixbv ßCov. EPM. Ildvv ye. 2Q. 'ÖQ^dig yaQ äv 
6 näv ftf]vi5(üv xal del noAcHv II äv alTibXog eirj, 6iq)vijg 
'Eq^ov vidg, Tä f*kv ävcod-ev Xeiog, tcl 6k xaTtod-ev Toaj^vg xal 
TQayoei6fjg. xal ^ariv iJTOi Xbyog fj Xbyov d6eÄq>bg 6 lldv, etne^ 
^Egftov vidg iamv d6eA(p^ Te ioixävai d6eXq>bv ov6kv 'd'avfAaarTOv. 
Diese Stelle, zusammen mit dem für Pythagoras erschlossenen 
Ftinferschema, welches Heraklit gemäß unserer Auffassung in 
eine dreigliedrige Form umgoß, sind die entscheidenden Dokumente 
für die Entstehung des Begriffes Adyog bei Heraklit. Jeder lang- 
wierigen Explikation derselben zog ich die Wiedergabe dieser 
Quellen in ihrer gegenseitigen Beziehung vor. Sie erweisen, 
was bei einer so hohen Abstraktion wie dem heraklitischen 
Xöyog von vornherein wahrscheinlich war, nämlich daß der Be- 
griff von einem Vorgänger unseres Philosophen, von Pythagoras. 
vorgebildet war. daß sich aus dem unabhängig von Heraklit 
rekonstruierten Schema des Pythagoras dieses Zentrum der 
Philosophie des Heraklit verstehen läßt, und sie setzt schließlich 
die Sprachtheorie des Heraklit zu seiner übrigen Philosophie 
neuerlich in klarste Beziehung. Am nächsten steht unserer 
Auffassung des Logosbegriffes, über den so unvergleichlich viel 
mehr gesprochen als gewußt wird, Lassalle, der in seinem, wenn- 
gleich zwei Bände starken, so doch verdienstlichen Buche über 
„Die Philosophie Herakleitos des Dunkeln von Ephesos", Berlin 
1858, die Sprachphilosophie Heraklits eingehend würdigte. Aber 
auch ihm entging die tiefe Stelle des Kratylos, welche geradezu 
der Schlüssel zu dieser Seite des Systems ist. — Es ergibt sich 
nur noch die iTäge, weshalb anderweitig über den Hermes als 
Träger des Aöyog nichts Hechtes bekannt ist. Allem Anscheine 
nach wäre dieser Name 46ch öfter in Verbindung mit dem Thema 
zu erwarten. Aber gerade hier ist es an der Zeit, sich ein- für 
all^tnal zu vergegenwärtigen, daß das, was wir uns erwarten 
möchten, nicht immer für antike Anschauungen entscheidet. 
Die heraklitische Lehre vom Xöyog, von der Einheit im Wider- 
spruche, regte die folgenden Geschlechter, deren vornehmste 
Geistesrichtung dialektisch war, viel weniger an, als der Wider- 
spruch selbst zusammen mit der Lehre vom Fluß. Autoren von 



Stadien zur antiken Enltar. 113 



der Art Heraklits werden gewöhnlich nnr an den Stellen zitiert, 
welche gerade am meisten in Diskussion stehen. Jedoch, wie wenig 
Leute hatten damals mystische Interessen. Piaton ist fast der 
einzige und in der Tat finden wir bei ihm die wichtigste Er- 
wähnung des später in der Stoa profanierten *E^fifjg Äoyiog. 
Aber in den iambischen Paraphrasen, welche Skythinos von 
T608 zu Heraklits Werk verfaßte, scheint uns noch ein wichtiges 
Belege für den ^EgfAf^g als Myog erhalten zu sein, wenn man 
Joh. Lydus de mens. IV, 38: S'&ev *EQfiijg xi^d^av SiScixjt (4v- 
'&ixa)g x(^ 'AnöÄÄwvi, olov 6 Aöyog Tili fiÄlip ri^v tov navzbg 
d^fiovlav mit dem Bild des Skythinos in Zusammenhang bringt, 
daß der Zeussohn Apollon, Anfang und Ende zusammenfassend, 
auf der Lyra spielt und sich hierbei als Plektron der Sonne 
bedient, welche mit ihren Strahlen das All in harmonische Be- 
wegung versetzt (DFV p. 89, 20 ff). — Auf einem anderen Wege, 
den wir leider wegen der Unvollständigkeit des betreffenden 
Materials nicht exakt verfolgen können, seheint, schon mehr der 
mystischen Gewalt des heraklitischen Gedankens entsprechend, 
der 'Eg^rig Äöyiog in die Massen gedrungen zu sein. Die 
d7iat€€ov€g, welche sich der itpeaia y^d/d^ftata bemächtigten, 
verzichteten auch auf Hermes nicht. Wir finden ihn neben 
Hekate, Damnameneus, den übrigen Gottheiten der ygäfifiaza, 
einem rätselhaften tq^§. und ähnlichen Schöpfungen der Dämonen- 
furcht auf dem Zaubertäfelchen von Kypros und anderen, meist 
attischen, Fluchtafeln, welche zuerst E. Ziebarth, in den Nach- 
richten der kgl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen 
(phil.-hist. Kl.) 1899, p. 105 ff, und nach ihm R. Wünsch. 
Rheinisches Museum. 1900, S. 73 ff. publizierte. Auch in 
den Zauberpapyri tritt er uns öfter entgegen. Wir haben 
bei Wessely (a. a. 0. p. 13) n. 14 exÄt^d-rj e^fit^g exÄrid-ij aef^eat- 
Äafji, n. 15 6 ^eyag almvößwg 'E^^flg [man denke an den aiwv 
bei Heraklit] aßega^evd'iüov Xegbe^ava^ aoveÄvao} S-ve/^a^eßa. 
n. 16 €xÄt]^ ^Qf^VS ^* ov ta navta fied'SQ^r^vevarrai [also das 
Wortspiel i^firivsi^g] eoTtv 6e ent tov [1. t(üv\ q)Q£vo)v St ov 
oLKovof^ind'fi To jiav eaviv de ae^ueaiÄafitp. Hierin fällt weniger 
auf, daß dem Worte aefieaiÄaf^Ti die Zahl 616, dem Worte 
e^/LiTjg die Zahl 353, dem für die Sonne gebräuchlichen Zauber- 
worte q>^Q die Zahl 707 [vgl. a. a. 0. n. 33 mit n. 50] und, wohl 
infolge von Abschreibefehlem, in n. 15 bloß dem ^ve/^ageßa 
die Zahl 313 entspricht, als daß Hermes mit Begriffen in Zu- 
sammenhang gebracht ist, welche ganz alten Überlieferungen 
entsprungen zu sein scheinen. Auch schon der SeijS' des Piaton 
und insbesondere Hermes als Planetengott der Astrologen, 
ist Ordner, Weltordner; der Zahlen, der Schrift, der Rede 
kundig. — Auch die Zauberrezepte schlagen, vielfach wohl 
weil die Sache selbst dazu führt, mitunter aber auch in kom- 
plizierteren Gleichnissen, welche bei diesen wenig originellen 
Schriftstellern kaum Eigenbau sein werden, heraklitische Saiten 
an. Der berüchtigte Zauberer Ostanes zum Beispiel gibt in einem 
seiner Briefe (a. a. 0. |i. 4 f) ein Rezept für ein Zauberwasser und 
sagt dann: tovto t6 d')^ rä vex^ä dviar^ xal rä ^(ovza vengot,. 
rä (TKOzeivä (piOTl^ei ycßil tä qxATEivä anotC^ei, ziov i)6d%(üv dTio- 
A.^ei xal tö TivQ öqdaetar xal tovto 6id fiix^äg (nayövog tcl 
f*oAißöosiö'^ XQvaoEiofi ^Qyd^ETai ovveQyovvTog tov t^ doguTi^ xal 
TiavTOÖvvdfKp dvvdfAEi xal aoq>i^ ;^(>iyo'a^/i^ov xal ix ^ij övTog slg 
TÖ eJvai xal d)(d^vai xal yEvia^ai xaX fAoqtpova^oLi xEXEi>aavTog. 
So sehr bei solchen Formeln direkter Einfluß des Heraklit ausge- 
schlossen ist, so deutlich scheinen sie mir eine gewisse innere 

8 



114 Studien siiir antiken Kultur. 



Verwandtsdiait dieaea Zaubemuveaena mit der Mystik des 
Heraklit naohsuweisen. — Zum Schlüsse bleibe auch der in 
dieser Literatur so oft Yorkommende schriftstellernde Gott 
Hermes selbst, der seine Zauberweisbeit sur Zeit des Königs 
Sesostris in Ägypten niedergeaobrieben haben soll, nicht uner- 
w'äJuit. In seiner Benennung als T^ta^^itnog kehrt die heilige 
Breizahl der Artemis wieder. Die Rolle des Hermes in der 
symbolistischen Gnosia und der Anfang des Evangelium Johannis 
— etwas weniger lauberhaft und etwas mehr religiös — sind 
noch hier zu erwiihnen. 

n. 

S. 54, Z. Id. Mantel] Auch Pherekydes von Syros hat seinen mythischen 
Bildern die Vorstellung von dem Mantel einverleibt, auf welchem 
die kosmischen Gewalten in ihrer spekulativ erschlossenen An- 
ordnung künstlerisch abgebildet waren. Am dritten Tage seiner 
Hochseitsfeier verfertigt Zeus selbst dies Werk und malt auf 
den Mantel die Erde, den Weltenstrom und die um den Welten- 
strom verteilten Wohnorte der Gottheiten (DFV p. 508, 28). 

St 69. Z. ^. Mondjahres] Diese Behauptung stfitxt sich hier nur auf die Deutung 
der ifpi9ia y^f»f/ia%a bei Clem. Alex, und Hesyoh, welche den 
durch Röscher rekonstruierten Hexameter 

Atata Aafi»vtt^et»$^s T^^n^^ Al§ "Amsi KtLvdaxi 
in« diesem Lichte «scheinen läßt Die genauere kritische 
Untersuchung der Überlieferung und insbesondere eine Auf- 
klärung der Details unserer y^f^fima muß ich mir wegen des 
großen hiebei in Betracht kommenden Materiales für eine andere 
Gelegenheit vorbehalten. 

S. 63, Z. 17. ist] ivmv%6^ = rÄ iv iavt^, heg =» ^^ itdpkv; beide Worte 
BUsammCn ergeben den SXag Xdyeg- td iv iavr^ ird^ov. 

S. 65, Z. 2^. waren] Steinthal, Gesch. der Sprachwissensobalt, 2. Aufl., II. 

III. 

Diesem Abschnitt, in welchem auch die sogenannte Physik des Heraklit 
zur Sprache kommt, möchte ich hier vorausschicken, dafi ich auf eine Rekon- 
struktion der Heraklitischen Physik in ihr Detail hinein verzichtet habe. 
Unsere Nachrichten über dieses Thema sind zwar zahlreich, aber es scheint 
mir schlechterdings unmöglich, aus ihnen mehr als die Umrisse der Gedanken 
des Heraklit au entnehmen. Wir sind nicht berechtigt, alle sufälligen Aus- 
druoksweisen der späteren Quellen als vollgiltig hinzunehmen: wir haben 
aber auch keinen verläßlichen, subjektive Willkür ausschließenden Maßstab, 
an welchem wir sie prüfen oder berichtigen könnten. 

Man denke an ein Problem, wie die materielle Beschaffenheit der 
Seele bei Heraklit. Nach manchen Fragmenten scheint die Seele Dunst zu 
sein, nach anderen Feuer, und jede Erklärung sieht nicht einen, sondern 
eine ganze Unzahl Pfade vor sich, zwischen denen sie nur durch Willkür 
die Wahl treffen kann. Besser ist es da noch immer, wenn man Heraklit 
nicht in solche Prokrustesbetten zwingt und ihm die Freiheit läßt, welche 
auch alle anderen Philosophen sich genommen haben, — die Freiheit, in ge- 
wissen Punkten sich nicht entschieden auszusprechen, vielleicht sogar auch 
nicht entschieden auszudenken. Wo das Denken, nicht wie bei uns in Be- 
griffen, sondern vornehmlich in Anschauungen sich bewegt, liegt diese Frei- 
heit gewissermaßen im philosophischen Materiale. Man denke an die Gestirne. 



Studien zur antiken Knltur. 115 



welche bald Ansammlungen von Feuer, bald blinkende Kähne auf dem 
Himmelsozean sind. Bilder widerstreiten einander nicht wie Begriffe. 

Auch Fragen wie die, ob sich Heraklit sein Feuer als Stoff ge- 
dacht habe, scheinen mir unglücklich gestellt zu sein; denn der Begriff 
^Stoft'^ wurde erst später, allerdings mit auf Grund heraklitischer Anregungen, 
klar erfaßt und es konnte also auch erst später ein Philosoph sich dahin ent- 
scheiden, einen bestimmten Begriff des heraklitischen Systems stofflich aufzu- 
fassen. Uns, die wir aber auch schon jenen späteren Stoffbegriff vielfach nur mehr 
historisch verstehen, nicht aber praktisch verwenden, wird durch die Frage, 
ob Heraklits Feuer ein Stoff' war. der problematische Kern dieses Begriffes 
nicht klar. Für uns handelt es sich vielmehr um die zu unseren heutigen 
Weltauffassungen orientierten Elemente des heraklitischen Systems. 

An diesen zwei Beispielen wird klar geworden sein, weshalb ich auch 
darauf verzichten muß. auf die vielfachen monographischen Untersuchungen 
über die heraklitische Philosophie hier näher einzugehen, in denen zwar eine 
Fülle von scharfsinnigen Kombinationen, meiner Überzeugung nach aber 
kein für das historische Verständnis Heraklits entscheidendes Materiale nieder- 
gelegt ist. 



S. 67, Z. 22. waren] Man denke an die weitausgreifenden Spekulationen, 
welche mit dem Unendlichen des Anaximander zusammenhängen 
und auch mittelbar das Zeitproblem, die rhythmische An- 
ordnung der Welten in einer unendlichen Zeitstrecke, betreffen. 

S. 69, Z. 8. bestand] Auch der Angabe bei Diog. L. 1 24 (DFV p 3, 29), 
daß nach Thaies die Sonnenbahn das 720 = 2 X 360 fache des 
Sonnendurchmessers sei (eine Behauptung für die noch Apulejus 
^ einen Beweis gelernt haben will [DFV p 12 n 19]). liegt ebenso 

wie der Mitteilung bei Act. II 21, 1 (DDox, 351), die auf Ana- 
ximander jene astronomische Einsicht zurückführt, dieses alt- 
jonische und seinem Ursprünge nach wahrscheinlich babylonische 
Sonnenjahr von 360 Tagen zugrunde. 

S. 69, Z. 29. herbei] Die Zahl 10.800, im milesischen. schon mindestens im 
8. Jahrhundert v. Chr. an der kleinasiatischen Küste gebräuch- 
lichen Zahlensystem angeschrieben, ist 'A-ü\ Daß Heraklit bei 
der Rechnung mit so großen Zahlen sich der milesischen Zeichen 
bedient habe, ist mehr als wahrscheinlich. Das Welten jähr 
war ihm infolgedessen nicht nur spekulativ, sondern auch 
grammatikalisch Anfang und Ende der Welt. Schon bei Heraklit 
war mithin der Äoyog das A und das i^. 

S. 69, Z. 37. duftet] fr. 57: ö S-edg fi^äQri eöcpQÖvri, x^i^uojv S'iQog, ndXefiog 
sl^f]v7], xöqog Äifiog, dXXoLovxai 6k S7iO)0'7t€Q <C^7tvQZ>f öndiav 
av^fiiyr^ ^vwfiamv, övofAd^exai xa^' f^Sovt^v iTidaiov. Diels: 
„. . . .Er wandelt sich aber wie das Feuer, das, wenn es mit 
Räucherwerk vermengt wird, nach eines jeglichen Wohlgefallen 
so oder so benannt wird." Statt tivq ergänzte man früher olvog 
oder aiTog. Diels (Herakleitos v. Eph., Berlin 1901, p 17) be- 
merkt zu seiner Ergänzung ^7ivq>'. „Vollständigste Tafel der 
Gegensätze bei Philo quis rer. div. her. 207 (III, 47 sq. Wendl.). 
— dTHüGTttQ <^7ivQy> hab' Ich ehdem ergänzt und verglichen 
Oramer A. P. I 167. 17 olov yäQ xal td tioq Tidaj^ei TiQÖg xä 
&v6f4eva ette Xißavcözbg etxe dig^uaxa xtjv ööfiijv (Taq)i]vi^ei 
xov ixaxe-Qov xxÄ. Der sakrale [?] Ausdruck f^eiywad^ai tivqC 
bei Pindar. Tbren. 129, 130 Sehr, del d^öa f,teiyvvvxo)v tivqI 

8* 



116 Studien znr antiken Knltnr. 



TfjÄe^avel nuvtnia &et^ ixl ßctfteig.^ Ich halle das Wort 
Ö6f*iiv sperren lassen. Es üefeit uns den ummgemASeA Ersatz 
für das sinnlose öt^/tdSnai; denn nie wnrde das Feuer wegen 
seiner Vermiscliong mit verschiedenem Räncherwerk yerschieden 
benannt. Fflr dafid<a bei Heraklit vgl. fr. 98. und fftr die Be- 
dentmig I^Sov^ » [Wohljgemch Anaxagoras, fr. 4 (DFV p 327, 32). 

S. 74. Z. 4. Tage] Diese und die Toriieigeheiide Assicfat ist zwar nicht für 
Heraklit bezeogt; aber sie beide sind volkstümlich seit den 
ältesten Zeiten (vgl. Röscher. Selene und Verwandtes, in den 
mjthol. Studien, Lpz. 1890. Bd. IV. S. 61 ff.) und fügen sich 
dem Übellieferten ergänzend ein. 

8. 75. Z. 26. Mjsterieagedaiikea] fr. 36. welches vomehnli«^ in diesem Sinne 
verwendet zu werden pflegt kann m. £. überhaupt für Heraklit 
gar nicht herangezogen werden; denn es ist so heillos ver- 
stümmelt, dafi jeder Versuch, es zu rekonstruieren und dadurch 
zu verstehen, schon eine bestimmte Ansicht über Heraklits Ver- 
halten zu den Mysterien voraussetzt. Aus diesen Gründen schien es 
mir am geratensten, auf dieses fVagment überhaupt zu verzichten. 

IV. 

Die kunvQOiaig des Heraklit bezieht sich auf eine uns heute großen- 
teils fremde Weltanschauung und ihr Zusammenhang mit den übrigen Teilen 
des Systems, vornehmlich aber mit der heraklitischen Theologie, beruht der 
Hauptsache nach auf Interpretation. Um so interessanter muß es uns sein- 
einen Philosophen, der 100 Jahre nach seinem Tode doch noch immer als 
ein Brademer be&ei<^net wiuMle und der die Kosmcdogie. welche heute allge- 
mein bekannt ist, mit begründet hat, in seinem, dieses Thema betreffenden 
Hauptwerk über ^Die Naturgeschichte des Himmels^ Gedanken entmckeln 
zu Khea, welche den Stand der philosophischen Probleme des Heraklit in 
ein um so deutlicheres Licht setzen, als sie auf eine ganz andere V^Teltan- 
schauung gegründet sind. 

Kants Schrift bezieht sich auf eine Unendlichkeit der Welten in un- 
endlichen Räumen nnd Zeiten, während Heraklit ausdrücklich lehrte, es gebe 
nur eine, in sich gesefalosBette und dem Kreise gleich endliche Welt. Bei 
Kant ist die nämliche £tde einer von den Planeten, die im Systeme des 
Heraklit inmitten der Welt sich befindet. Kants Sterne sind Welten in 
Analogie «it nnserem Planetensystem, indessen Sonne, Mond nnd Sterne bei 
Heraklit aus dem Heere aufsteigen nnd wieder jeden Tag darein des Nachts 
versinken. Es schiene darnach, als wären der Unterschiede genug, so dfiß 
man sich um so mehr um die Übereinstimmangen fragen muß. 

Diese finden sich weniger in den Sätzen, als vielmehr in deren Be- 
ziehung zu den Systemen. Man gehe, nm zu wissen, welcher Art gerade die 
wichtigsten Übereinstimmungen sind, von dem Unterschiede ans, daß Kants 
Welt zwar im Gegensatz zur Endlichkeit des heraklitischen Himmelsgewölbes 
unendlich ist, aber doch auch Kant den unendlichen Raum in endlichen, 
wenngleich über alle Vorstellungskraft des Menschen hinaus dauernden 
Zeiten von einem gemeinsamen Zentrum seiner Entstehung aus mit Welten 
besäet denkt, so daß sein System des Universums ein zwar grenzenloses. 
aber gleichwohl endliches genannt werden muß. Auch hier sind die kleineren 
Sonnensysteme einer Milchstraße und die Milchstraßen einem Makrokosmus 



Studien znr antiken Knltnr. 117 



n«di allgemein, giltigen ewigen GesetEen eingegliedert. Zwischen den Gegen- 
sätzen der verfallenen Peripherie nnd des zeii^ngsföhigen Zentrums liegt 
als Vermittlerin die durchgebildete Welt, deren fluktuierendes Fortschreiten 
nach den Perioden des gesamten Systemes zu messen ist. Dieser Unterschied 
führt also, genauer betrachtet, zur Erkenntnis innerer ÜbereiBfitimmung. 

Es soll nicht versucht werden, alle Berfthrungspunkte zwischen beiden 
Denkern zu zeigen und alle Abweichungen zu vermerken; denn das Beste 
läfit »ch hier nicht sagen, sondern nur sehen. Daher muß es genügen, die 
wichtigsten Andeutongen in dieser Richtung zu geben, wobei wir dem Ver- 
laufe des Testes bei Kant in Anmeiknngen feigen. 

[Die oben unter IV abgedruckten Worte Kants orientieren 
sich zu Kant. Allgemeine Natui^eschichte und Theorie des 
Himmels, in Band I von Kants gesammelten Schriften (erste 
Abt., Werke), herausgegeben von der kgl. preuß. Akademie der 
Wissenschaften. Berlin 1902. in folgender Weise: 

S. 80, Z. 19—31 = i, 317. 23- 34 (| S. 80, Z. 31— S. 81, 
Z. 28 =- J. 318, 2—23 || S. 8L Z. 2.9-39 = I. 319, 1—10 || S. 
82, Z. 1— S. 84, Z. 21 == I. 319. 19—321, 3« die Verse von 
Hauer i| S. 84, Z. 22—29 = L 35iS, 26—32 || S. 84, Z. 30—37 
== L 359, 16—23 nach Änderung in die oratio directa || S. 84. 
Z. 38— S. 85, Z. 3 = I, 3Ö0. 24—29 nach Änderung in die 
oratio directa 1| S. 85, Z. 4—29 = 1. 364. 25—365, 12 || S. 85. 
Z. 30— S. 86, Z. 2 = 1. 365. 21—31 die Vei-se von Haller || 
S. 86, Z. 5-22 = I, 367, 26—368, 6,] 

S. 81, Z. 28. Dieser Abschnitt verwendet unausgesetzt den Schluß vom 
Mikrokosmos auf den Makrokosmos, vom Menschen, ja vom 
tierischen Organismus, auf die Welt. 

S. 81, Z. 39. Es ist, als hörte man Anaximander reden. 

S. 82, Z. 6. Centro] „Es wäre übrigens der philosophischen Bestrebung wohl 
würdig, nachdem die Wirbel, das beliebte Werkzeug so vieler 
Systeme, außerhalb der Sphäre der Natur auf des Miltoas Limbus 
der Eitelkeit verwiesen worden, daß man gleichwohl gehörig 
forschete, ob nicht die Natur ohne Erdichtung besonderer 
Kräfte selber etwas darböte, was die durchgehends nach einer 
Gegend gerichtete Schwungsbewegung der Planeten erklären 
könnte, da die andere von den Zentralkräften in der Gravitation 
als einem daueriiaften Verbände der Natur gegeben ist. [Von 
Heraklit, mindestens aber den Stoikern im Sinne der Kantschen 
Problemstellung vermittelst der Parallele im Gährungswirbel 
des Gerstentrankes erläutert.] . . . Überdies merke ich an, daß 
das atomistische System des Demokritus und Epikur, ohnerachtet 
des ersten Anscheins von Ähnlichkeit, doch eine ganz ver- 
schiedene Beziehung zu der Folgerung auf einen Urheber der 
Welt habe, als der Entwurf des unsrigen. In jenem war die 
Bewegung ewig und ohne Urheber und der Zusammenstoß, der 
reiche Quell so vieler Ordnung, ein Ohngefähr und ein Zufall, 
wozu sich nirgends ein Grund fand. Hier führet ein erkanntes 
• und wahres Gesetz der Natur, nach einer sehr begreiflichen 

Voraussetzung, mit Notwendigkeit auf Ordnung, und da hier 
ein bestimmender Grund eines Ausschlags auf Regelmäßigkeit 
angetroffen wird, und etwas, was die Natur im Gleise der 
Wohlgereimtheit nnd Schönheit eihält so wird man auf die 
Vermutung eines Grundes geführt, aus dem die Notwendigkeit 



118 Studien zur antiken Kultur. 



der Beziehung zur Vollkommenheit kann verstanden werden." 
(Kant, Kosmogonie, Anm. 4.) Um so mehr nähert sich Kants 
Gedanke der Theologie Heraklits. 

S. 83, Z. 10. Feuer] Auch äußerlich übernimmt hier das Feuer alle Funk- 
tionen, welche ihm bei Heraklit zukommen. Es sammelt und 
zerstreut. 

S. 83, Z. 24. Spiel] Man vgl. Heraklits spielenden Zeusknaben. 

S. 83, Z. 36. Phönix] Eine ewige Wiederkehr der nämlichen Formen, Welten, 
Ereignisse, kann auf Grund der Konstruktion Kants ebenso be- 
hauptet wie dahin modifiziert werden, daß eine neue, unendliche 
Fülle anderer Formen, Welten und Ereignisse, nur nach den 
nämlichen großen Gesetzen, erfolgen werde, daß also z. B. zwar 
nicht unser Sonnensystem, wohl aber eine unendliche Fülle 
ähnlicher Systeme, alle charakterisiert durch elliptisch um 
einen Zentralkörper laufende Planeten, entstehen werde. A. 
Brieger. Heraklit der Dunkle in Neue Jahrbücher f. d. klass. 
Altertum, XIII. u. XIV. Bd. (1904), Heft 10, S. 702, verweist 
auf diese Stelle. 

S. 84, Z. 12. Seele] Die Seele als Mikro-Makrokosmos in ganz ähnlicher 
Stellung bei Heraklit fr. 45. 

S. 85, Z. 28. Gradfolge] Auch bei Heraklit fanden wir eine entsprechend 
der Entfernung von der Erde nach oben zunehmende Voll- 
kommenheit. Vgl. fr. 102. Die ganzen vorangehenden Schlüsse 
von der physischen auf die psychische Beschaffenheit der Orga- 
nismen stützen sich auf den Gedanken der Harmonie. 

S. 86, Z; 1. Sterne] 'Daraus, daß die Seelen der Vortrefflichen trocken sind 
und also nach dem Tode den Weg nach oben einschlagen, 
scheinen wir folgern zu dürfen, daß der nämliche Gedanke auch 
bei Heraklit vorlag, wenn er uns gleich nicht überliefert ist. 

S. 86, Z. 17. sie] Die Erde wird ähnlich personifiziert wie Sonne oder Mond 
bei den jonischen Naturphilosophen. Ihr Glück ist das der 
edelsten Menschen, ihre Vollkommenheit besteht in der harmo- 
nischen Vereinigung von Vollkommenheit und Unvollkommen- 
heit. Diese ist dem Menschen zugänglicher als der Natur. 

Die hiermit durchgeführte Vergleichung der Kantschen „etwas ge- 
wagten Hypothesen"^ und der kosmologischen Grundauffassung des Heraklit 
will die antike Spekulation ebensowenig als Vorstufe oder gar Vorahnung 
der modernen in Anspruch nehmen, wie wir etwa Heraklit als den ersten 
Christen bezeichnen möchten, weil er den Logosbegrift' geschaffen hat. Da- 
gegen ist es wohl eine der wichtigsten Pflichten des Historikers, das, was 
wir an den alten, unserem unmittelbaren Verständnisse entrückten Systemen 
zunächst nur mühevoll interpretieren, dem modernen Verständnisse unter 
Hinblick auf das darin enthaltene Problematische nahe zu rücken. Dieses 
Problematische in der Schöpfung und dem Geschehen im Weltall ist eine 
göttliche Geißel, unter deren Hieben Heraklit nicht anders tanzen konnte 
als Kant. 



* Ausdruck Kants selbst in der Vorrede zu „Dex einzig mögliche 
Beweisgrund etc." 



I 



"Vh ^ok should be returned to 
the rary on or bef ore the last date 
staiTi{,ea below. 

A file is incurred by retaining it 
beyond the specified time. 
Please return promptly. 



JWU3'6yf^ 



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